Ein Glücksfall! Verdis "Aida", inszeniert von Torsten Fischer

Große Begeisterung für Giuseppe Verdis „Aida“ im Prinzregententheater: Die von Torsten Fischer inszenierte und von Marco Comin dirigierte Gärtnerplatz-Aufführung ist eine echte Perle
| Robert Braunmüller
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Der ägyptisch-äthiopische Krieg als Vision im Duett des zweiten Akts zwischen Aida und Amneris.
Christian Zach Der ägyptisch-äthiopische Krieg als Vision im Duett des zweiten Akts zwischen Aida und Amneris.

Eine Frau in Burka steht während des Orchestervorspiels vor einer weißen Wand. Schatten-Hände greifen nach ihr, ein Arm bricht plötzlich durch das Papier. Dann ist eine Horde lüsterner Männer hinter Aida her, ehe Radamès schützend sich vor sie stellt und sich in sie verliebt, weil sie anders ist.

Torsten Fischers Inszenierung erzählt Giuseppe Verdis „Aida“ als Drama der Liebe, die durch Politik vergiftet wird. Das wurde öfter versucht, gelingt aber selten. Fischer meistert die szenisch heikle Oper durch sprechende, unmittelbar verständliche Bilder, die das Innenleben der Figuren in Körpersprache übersetzen. Er überhöht dies durch eine bewegte, in München so bisher kaum gesehene Massen-Regie.

Zum Triumphmarsch werden Gefangene durch die Papierwand getreten und gedemütigt. Dann wendet sich wieder das Blatt: Während der Ballettmusik zeigt Fischer das Zerbrechliche des schwer errungenen ägyptischen Siegs. Lange schwankt der realistisch choreografierte Kampf der beiden Feldherren und ihren schwarz gekleideten Kriegern hin und her.

Ein stählernes Gefängnis

Das Bühnenbild (Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos) verzichtet auf alles Ägyptische. Diese „Aida“ spielt in einem Gefängnis aus stählern-kühlen Wänden. Fischer rückt den Machtkampf zwischen Ramphis und dem schwachen König (Holger Ohlmann) ins Zentrum. Der ukrainische Bassist Sergii Magera macht nicht viel: Er hantiert sparsamst mit Handschuhen und Sonnenbrille. Aber das reicht, um die Figur als Finsterling zu charakterisieren, der am Ende die Macht übernimmt, während sich seine Frau (Elaine Ortiz Arandes) die Pulsadern aufschneidet – Fischer hat die bei Verdi nur in der Tempelszene singende Priesterin zu einer pantomimischen Hauptrolle aufgewertet.

Wer je daran zweifelte, ob es das Gärtnerplatztheater wirklich im Kreuz habe, „Aida“ zu wagen, wird eines Besseren belehrt: Nach drei missglückten Versuchen der Staatsoper in den letzten Jahrzehnten ist es die erste sehenswerte Aufführung dieser Oper in unserer Stadt. Alles passt zusammen: die zwingende, genau gearbeitete Inszenierung und die gesungene und schauspielerische Höchstleistung des von Jörn Hinnerk Andresen einstudierten Chors.

Der Dirigent Marco Comin lässt die Aida-Trompeten des Gärtnerplatz-Orchesters und die Massenszenen herrlich schmettern, dirigiert Verdis Musik aber vor allem leicht, transparent und mit dramatischem Schwung. Es ist eine im besten Sinn eine italienische Vorstellung. Die gestrichenen Tänze fehlen nicht wirklich, und einige nervöse Premieren-Wackler werden sich in den folgenden Vorstellungen gewiss herauswachsen.

Robuster Gesang

Über manches mehrfache Pianissimo wird robust hinweggespielt und -gesungen. Aber das ist bei Verdi und dieser Oper kein Schaden. Monika Bohinec (Amneris) und Francesco Landolfi (Amonasro) strotzen vor dramatischer Kraft. Sae Kyung Rim (Aida) lebt den Konflikt zwischen Liebe und Nationalstolz mit Inbrunst aus. Der heldisch timbrierte Gaston Rivero braucht die Arie „Celeste Aida“, um sich frei zu singen. Auch das ist schon berühmteren Kollegen passiert.

Zum Lob dieser Aufführung zuletzt noch das Wort zweier unverdächtiger Zeugen: Neben mir saßen die Kessler-Zwillinge. Sie bekannten, dass Franco Zeffirellis Traditionalismus ihrem Herzen zwar näher sei als das heutige Regietheater. Aber diese Aufführung habe sie trotzdem ungeheuer beeindruckt.

Genau das ist der Spagat, den Fischers Inszenierung schafft: Sie kann Anhängern des Regietheaters ebenso gefallen wie Traditionalisten. Diese „Aida“ ist kluges, intelligentes, handwerklich perfektes und inspiriertes Theater, ohne Anbiederung und modische Mätzchen. Was man sich oft wünscht, aber leider fast nie zu sehen bekommt. Ein Glücksfall – so kostbar wie ein unberührtes Pharaonengrab.

Prinzregententheater, 21., 22., 24. 27., 28., 29. Juni. Telefon 21 85 19 60

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