Kritik

Ein Blick in die Abgründe: „Mein kleines Prachttier“ in den Kammerspielen

Leonie Böhm bringt Lucas Rijnevelds Roman als Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt auf die Bühne
Anne Fritsch |
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Annette Paulmann und Maren Solty (re.) vor dem Geweih als Symbol einer überbprdenden Männlichkeit.
Annette Paulmann und Maren Solty (re.) vor dem Geweih als Symbol einer überbprdenden Männlichkeit. © Judith Buss

Auf der Bühne des Schauspielhauses liegt ein überdimensioniertes Geweih wie das abgeworfene Symbol einer überbordenden Männlichkeit. Aus den Lautsprechern klingt die Stimme von Kate Bush, die von Schmerz singt, von einem Sturm im Herzen und dem Wunsch, einen „Deal with God“ zu machen.

Die Schauspielerinnen Annette Paulmann und Maren Solty treten auf die Bühne, knacksen mit den Fingern, wärmen sich auf für das, was kommt. Sie erkunden das Geweih, umkreisen den faszinierend schönen Fremdkörper. Dann stellen sie sich vor. Beide sind einer: Kurt, 49 Jahre, Tierarzt.

Die Regisseurin Leonie Böhm hat sich einen harten Brocken vorgenommen für ihre neue Inszenierung an den Kammerspielen: den Roman „Mein kleines Prachttier“ von Lucas Rijneveld. Nach ihrer phänomenalen Interpretation von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ am Wiener Volkstheater, die seit April im Repertoire der Kammerspiele läuft, widmet sie sich erneut dem Thema sexualisierter Gewalt, diesmal allerdings aus einem anderen Blickwinkel.

Anspielungen auf „Lolita“

Als der Autor den Roman schrieb, nannte er sich noch Marieke Lucas Rijneveld, heute benutzt er nur noch den zweiten männlichen Vornamen. Der Roman erzählt von jenem Tierarzt, der die 14-jährige Tochter eines verwitweten Bauern sexuell missbraucht. Der Autor macht den Täter zum Ich-Erzähler, der Text ist seine atemlose Erklärung.

Annette Paulmann und Maren Solty in „Mein kleines Prachttier“.
Annette Paulmann und Maren Solty in „Mein kleines Prachttier“. © Judith Buss

Kurt betont seine Liebe zu dem Mädchen, ihr Vernachlässigtsein und immer wieder, dass sie anders sei als die anderen Mädchen. Anscheinend wurde er verurteilt für seine Taten, unweigerlich kommt einem beim Lesen Vladimir Nabokovs „Lolita“ in den Sinn, auf das sich Rijneveld explizit bezieht. Was für den Erzähler Nabokovs die „Nymphette“, ist für den Tierarzt das „kleine Prachttier“. Beide Täter verbindet das „Feuer ihrer Lenden“, das ihnen vermeintlich keine Wahl lässt.

Die Fälle Gisèle Pelicot und Collien Fernandes zeigen medienwirksam, was auch im Kleinen gilt: Es sind die Opfer sexueller Gewalt, die sprechen (müssen), während sich die Täter für gewöhnlich in Schweigen hüllen. Dass einer sich selbst erklärt und bezichtigt, ist nicht an der Tagesordnung. Bei den Opfern hinterlässt dieses Schweigen der Täter viele Fragen. Ihr Bedürfnis zu verstehen läuft meist ins Leere.

Die Deutungshoheit zurückgewinnen

Rijneveld, der selbst viel mehr Ähnlichkeiten mit dem Opfer aufweist, nimmt auf 364 Seiten die Perspektive des Täters ein. Atemlos, ohne Innehalten und in seitenlangen Sätzen fast ohne Punkte, folgt er ihm in einem überbordenden Gedankenstrom. Er sucht nach den Antworten, die in der Realität meist ausbleiben.

Lucas Rijneveld.
Lucas Rijneveld. © picture alliance/dpa/International Booker Prize/PA Media

Vielleicht ist dieser Text so etwas wie der Versuch, den Täter zu verstehen, um die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen. „Ich will euch und vor allem dir von meinen Abgründen erzählen“, sagt Maren Solty zu Beginn. Nicht um Vergebung soll es gehen, sondern um Verstehen. Für sein „kleines Prachttier“, seinen „Augenstern“, seine „himmlisch Auserkorene“ täte Kurt das. „Ich möchte, dass Sie mich hassen, dass Sie abgrundtief Abscheu empfinden“, ergänzt Annette Paulmann. „Ich bin ein Monster!“

Wie ungleiche Zwillinge stehen die beiden Schauspielerinnen an der Rampe, die Kostümbildnerin Belle Santos hat sie in kindlich-verspielte Kostüme gesteckt, die deutlich machen: Wer hier spricht, ist wohl eher das einstige Kind, das Antworten sucht, als der Täter. In Jeansshorts, roten T-Shirts und weißen Turnschuhen ringen die beiden immer wieder um die Worte, spielen auch den inneren Widerstand mit gegen diesen Mann und sein Narrativ von der eigenen Schwäche und der Stärke des Mädchens.

Annette Paulmann und Maren Solty in „Mein kleines Prachttier“.
Annette Paulmann und Maren Solty in „Mein kleines Prachttier“. © Judith Buss

Leonie Böhm und ihr Team haben den Roman auf knappe 15 Seiten verdichtet, die doch die wesentlichen Aspekte aufscheinen lassen. Nebenstränge wie die Beziehung des Mädchens zum Sohn des Täters haben sie weggelassen, aus dem ausufernden Text den Kern herausgearbeitet. Die Sätze, die bleiben, treffen und tun weh. Sie von zwei Schauspielerinnen sprechen und spielen zu lassen, die in ihrem ganzen Habitus der Kälte der Geschichte eine tiefe Verbundenheit entgegensetzen, ist eine gute Idee.

Dem Täter nähern

Paulmann und Solty erzählen von Missbrauch und schaffen zugleich in ihrem Miteinander einen Gegenentwurf. Sie röhren wie die Hirsche und singen - oder grölen vielmehr - Bonnie Tylers „Total Eclipse of the Heart“, ziehen sich ihre Hose am Bund hoch, dass sie „kneift am Geschlecht“, und schreien heraus: „I need you more than ever“.

Das Publikum wird selbst zu jener so schmerzlich Begehrten und Missbrauchten, dem „Prachttier“, das diesen Mann erlösen soll und dabei selbst zerstört wird. Die beiden wälzen sich rangelnd auf dem Boden, tanzen und klettern wie Kinder auf das Geweih wie auf ein Klettergerüst, vergessen für Augenblicke, dass das kein Spiel ist.

Paulmann und Solty nähern sich dem Täter, machen ihn sich zu eigen und bleiben doch in jedem Moment zwei Frauen, die sich verschwestern miteinander und mit dem Opfer. Nicht mehr als eine Stunde dauert dieser Abend, und selten war es so mucksmäuschenstill im Schauspielhaus, war das Publikum so gebannt von jedem Wort, das da auf der Bühne gesprochen wurde.

Annette Paulmann und Maren Solty in „Mein kleines Prachttier“.
Annette Paulmann und Maren Solty in „Mein kleines Prachttier“. © Judith Buss

Das Geweih, das die Bühnenbildnerin Zahava Rodrigo für diese Aufführung entworfen hat, ist das Abbild einer vergangenen toxischen Männlichkeit. Aber: So ein Geweih wächst immer wieder nach. Wenn ein Hirsch seines abwirft, dann nur, um Platz für ein neues, noch größeres zu machen. Die Beschäftigung mit dem Thema sexualisierte Gewalt ist mit diesem Abend nicht abgeschlossen. Nicht an den Kammerspielen und nicht in der Gesellschaft.

Wieder am 20. Juni sowie am 1., 7., und 11. Juni sowie in der neuen Spielzeit. Infos und Karten unter muenchener-kammerspiele.de

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