Edinburgh - eine Stadt im Kulturrausch

Beim Fringe Festival im schottischen Edinburgh treten ganz selbstverständlich Superstars neben Straßenkünstlern auf
| Michael Stadler
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Kreon und Antigone, Onkel und Nichte, Patrick O’Kane und Juliette Binoche.
F.: J. Versweyveld Kreon und Antigone, Onkel und Nichte, Patrick O’Kane und Juliette Binoche.

Beim Fringe Festival im schottischen Edinburgh treten ganz selbstverständlich Superstars neben Straßenkünstlern auf

Er schwitzt und wirkt dennoch gelassen, der bärtige Mann im Kilt, der auf einer der oberen Sprossen einer eisernen Leiter steht. Ohne helfenden Beimann balanciert er auf ihr, ein Menschenknäuel schaut gespannt zu ihm hoch und verstopft dabei ein Stückchen der Royal Mile, jener Hauptschlagader Edinburghs, die sich zwischen der Burganlage und der schottischen Residenz der britischen Königin, dem Holyrood Palace, hinzieht. Der Bärtige animiert das Volk zum Klatschen, zieht, weiterbalancierend, sein Hemd, seinen Kilt aus, um in Boxershorts drei Plastikschwerter zu jonglieren und gleichzeitig mit der Leiter eine 360-Grad-Drehung zu vollführen. Ein riskanter Akt. Die Menge tobt. „Fantastic!“, ruft er und meint damit das Publikum und vermutlich auch sich selbst. „There she is!“, raunt eine Dame hinter dem Rezensenten ein paar Stunden später. Das Publikum sitzt im alt ehrwürdigen King’s Theatre nahe des Stadtparks The Meadows. Fast alle der 1350 Plätze sind besetzt, gespielt wird „Antigone“ von Sophokles. Und da ist sie tatsächlich: Juliette Binoche. Sie tritt alleine auf, hinter ihr auf der Leinwand dehnt sich eine Wüstenlandschaft in bester digitaler Qualität: äußerer Ausdruck einer inneren Ödnis, einer Verlorenheit im vordemokratischen Theben. La Binoche, also Antigone, irrt herum, bis endlich Antigones Schwester Ismene auftaucht, der sie sich in die Arme wirft.

Hier launige Straßenakrobatik mit Schottenrock beim unabhängigen Fringe Festival, dort erlesenes Stadttheater mit Weltstar beim Edinburgh International Festival – so ungefähr könnte man die Bandbreite beschreiben, die sich während des Kultursommers in der schottischen Hauptstadt aufspannt. Aber es liegt schon eine ungeheure Menge an Entertainmentformen dazwischen: Musik, Tanz, Zirkus, Pantomime, Puppenspiel und vor allem Comedy, die Spezialität schlechthin auf der ganzen Insel, wobei Komiker aus aller Welt anreisen. Sogar Christian Schulte-Loh als „50 Foot German Comedian“ ist da.

Auf der Royal Mile und nicht nur dort werden potentielle Zuschauer – 500 000 Einwohner zählt Edinburgh, dazu kommen geschätzte zwei Millionen Touristen - mit Flyern bombardiert. Die Künstler selbst machen tagsüber eifrig Werbung und stehen nachmittags oder abends auf der Bühne. Die Konkurrenz ist höllisch groß: Über 3000 Shows werden auf dem Fringe gezeigt, über 460 Venues, sprich: Spielorte, zählt der Festival-Katalog, der den Umfang eines Telefonbuchs hat. Orientierung: hoffnungslos. Da hat man es beim International Festival, das 1947 als Kulturmaßnahme nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, einfacher, weil schon eine Auswahl an Konzerten, Opern- und Theaterinszenierungen getroffen wurde: nur vom Besten, dementsprechend von den Tickets teurer. Was ja nichts heißen muss. Aber man durfte und darf Tolles erleben. Juliette Binoches Auftritt war dabei noch am wenigsten aufregend, weil Regisseur Ivo van Hove das Wortduell zwischen Antigone, die ihren toten Bruder beerdigen, und König Kreon, der diese letzte Ehre verwehren will, allzu kühl und brav in Szene setzte. Fulminanter waren da die Solo-Shows großer Theatermacher, die man, seltsam genug, im Congress Centrum der Stadt sehen konnte: In die Tiefen der eigenen Vergangenheit taucht der kanadische Bühnenzauberer Robert Lepage in „887“ ab, die Zahl bezeichnet die Nummer des Hauses, in dem er mit seiner Familie lebte: der Vater ein Taxifahrer und selten zu Hause, der Junge oft alleine und dabei Zeuge der Unruhen, die Anfang der 70er tobten, als die Front de Libération um die Unabhängigkeit Québecs mit radikalen Mitteln kämpfte. Wie sich die eigene mit der kollektiven Erinnerung verbindet, wie sich in beiden Fällen Gedächtnislücken auftun, führt Lepage, der mit einem theatermagischen Kubus diverse Erinnerungsräume öffnet, beeindruckend vor Augen.

Auf dem neuesten Stand der Bühnentechnik ist auch „The Encounter“, in Edinburgh uraufgeführt. In einem weitschweifigen Hörstudio erzählt Simon McBurney, Chef der legendären Truppe Complicité, aus dem Leben des Fotografen Loren McIntyre, ausgehend von einer literarischen Bearbeitung, dem Roman „Amazon Beaming“ des Rumänen Petru Popescu. Berichtet wird, wie McIntyre bei einem Südamerika-Trip auf die indigene Bevölkerung traf und den Indianeralltag hautnah miterlebte. Unmittelbar ist auch der Zuschauer, vielmehr Zuhörer, bei McBurney an Bord: Mit Kopfhörern folgt man dem Dschungeldrama, das er erzählt und teils ausagiert: der Sound 3D, so räumlich, das man McBurneys Bewegungen, seine Distanz vor den Mikros genau mitbekommt. Unweigerlich entstehen Bilder vor dem inneren Auge – wahrhaft berührendes Kopfkino.

„Some of us are friends“, erklingt im Loop am Ende von „The Encounter“. Von Originellem und dem Ewig-Gleichen kann man viel erleben in Edinburgh. Da führt Max Richter seine Re-Komposition der „Vier Jahreszeiten“ im Edinburgh Playhouse auf: Vivaldi als Minimal Music, die bekannten Motive des Klassikers, in Schleifen gespielt und neu zusammengebaut, mit Daniel Hope als Teufelsgeiger über dem filigranen Klangteppich, den das Scottish Symphony Orchestra unter Leitung von André de Ridder auslegt.

Oder da nimmt sich das Citizens Theatre das schottische Romanepos „Lanark“ vor und macht daraus ein vierstündiges Theatererlebnis. Oder aus Berlin kommt nun „Murmel Murmel“, die grell-dadaistische Show von Herbert Fritsch.

Und auf der Royal Mile sieht man gerade einen Mann auf einem meterhohen Einrad. Er heizt das Publikum an und will drei Kegel jonglieren. Immerhin: Den Schottenrock lässt er an.

 

 

 
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