Durch alle Raster gefallen - Musical-Branche in Sorge

Die Corona-Krise stürzt den privatwirtschaftlich organisierten Musical-Betrieb mit eigenen Häusern und Gastspielen in die Krise. Die Betroffenen hadern mit der Politik.
| Christoph Forsthoff
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In München musste die Neuproduktion des Musicals "Der Schuh des Manitu" nach dem Film von Michael Herbig um ein Jahr verschoben werden, die im Deutschen Theater in einer Inszenierung des Salzburger Landestheaters herauskommen sollte.
In München musste die Neuproduktion des Musicals "Der Schuh des Manitu" nach dem Film von Michael Herbig um ein Jahr verschoben werden, die im Deutschen Theater in einer Inszenierung des Salzburger Landestheaters herauskommen sollte. © Bodo Marks/picture alliance / dpa

Irgendwann sind die Ressourcen erschöpft", stellt Stephan Jaekel, Unternehmenssprecher der Stage Entertainment (SE), ganz nüchtern fest. "Ein weiteres völlig totes Veranstaltungs-Jahr 2021, das würden auch wir nicht überleben."

Das Corona-Virus bringt selbst Deutschlands Musical-Marktführer an die Grenzen seiner wirtschaftlichen Kräfte: Im vorletzten Geschäftsjahr erzielte der Konzern noch einen Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro auf seinen 13 Bühnen hierzulande, kamen 3,3 Millionen Besucher in die Aufführungen von "Mamma Mia!", "König der Löwen" oder "Ich war noch niemals in New York" - doch seit Mitte März sind die zehn großen SE-Theater in Hamburg, Berlin und Stuttgart geschlossen.

"Für die Branche geht es derzeit nur ums Überleben"

Kein Vorhang, kein Applaus, keine Einnahmen. Eine Totenstille, die bezeichnend ist für den Live-Entertainment-Sektor. "Für die Branche geht es derzeit nur ums Überleben", sagt Ralf Kokemüller.

Der Vorstandschef der Mehr-BB Entertainment produziert seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreich Großmusicals wie "Thriller" oder "Bodyguard" und schickt selbige auf Touren durch Deutschland und Europa. Schickte, denn angesichts der geltenden Abstandsregeln und Obergrenzen für Besucherzahlen rechnen sich all diese Produktionen nicht mehr.

Mögen öffentlich subventionierte Theater und die Staatsopern in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder München inzwischen auch wieder mit erlaubten Platzauslastungen zwischen 15 und 30 Prozent spielen, für die privaten Musical-Häuser sind ohne Zuschüsse die Kosten schlicht zu hoch.

"Erst wenn unser Saal zur Hälfte verkauft ist, ergibt sich eine schwarze Null", rechnet Ulrike Propach, Pressesprecherin des Festspielhauses Neuschwanstein, vor. Mit der Folge, dass auch in dem Füssener Haus derzeit das Musiktheater um den Märchenkönig "Ludwig²" nicht zu erleben ist.

Ähnlich sieht die Rechnung für die Musicals der Stage Entertainment aus - allerdings lediglich für die bereits seit Jahren laufenden und amortisierten Produktionen. Sämtliche für 2020 geplanten Premieren sind indes erst einmal ins kommende Jahr verschoben worden, denn hier gilt: Nur mit einem voll ausgelasteten Haus geht die Rechnung auch auf.

Einen Tag vor der "Harry Potter"-Premiere kam der Lockdown

Schließlich sind solche Neu-Inszenierungen schon vorab mit gewaltigen Kosten verbunden: 42 Millionen Euro hatte Mehr-BB Entertainment in die geplante deutsche Erstaufführung von "Harry Potter und das verwunschene Kind" samt Hogwart-gerechtem Umbau einer Halle am Hamburger Großmarkt gesteckt, Geschäftsführer Maik Klokow für fünf Millionen Euro eine gewaltige Marketing-Maschinerie anlaufen lassen und mehr als 300. 000 Eintrittskarten verkauft - bis dann einen Tag vor der Premiere der Lockdown kam. Nun ist als neuer Start für das Zauberspektakel der 11. April 2021 geplant: Doch kann der Termin gehalten werden?

 

Nach den jüngsten Verschärfungen der Pandemie-Maßnahmen scheint es schwer vorstellbar, dass die geltenden Abstandsregeln und die vielerorts gültige Obergrenze von maximal 1.000 Besuchern in geschlossenen Räumen mit Beginn des neuen Jahres gelockert oder gar aufgehoben werden - was Harry Potters Zauberstab ebenso zur Untätigkeit verdammen würde wie die beiden bereits in den kommenden (Früh-)Sommer verschobenen Stage-Musical-Abenteuer von Disneys "Eiskönigin" und der Hexen von Oz in "Wicked" oder die Welturaufführung von Ralph Siegels "Zeppelin"-Traum in Neuschwanstein.

Dieter Semmelmann ist denn wohl auch eher Realist als Pessimist, wenn der Geschäftsführer eines der größten deutschen Live Entertainment-Unternehmens feststellt: "Viele Veranstaltungen, die wir bereits ins Frühjahr 2021 verlegt haben, werden wir wohl noch ein halbes oder gar ein weiteres Jahr verschieben müssen" - eine erste Musical-Tournee plant Semmel Concerts Entertainment erst wieder Ende 2021 mit Rolf Zuckowskis "Weihnachtsbäckerei".

Für 2020 rechnet der Semmel-Chef hingegen mit einem Millionenverlust - "der hoffentlich einstellig bleibt" -, sein Kollege Kokemüller gar mit einer zweistelligen Millionensumme. Und für die festen Musicaltheater der Stage wie auch der Mehr-BB-Entertainment summieren sich die Mindereinnahmen ob der andauernden Spielpause rasch auf einen dreistelligen Millionenbetrag.

Musical-Betreiber hadern mit der Politik

Kein Wunder, dass angesichts des "Berufs-und Aufführungsverbots" nicht nur Klokow - er betreibt neben Hamburg noch den Berliner Admiralspalast, das Düsseldorfer Capitol, das Starlight Express Theater in Bochum sowie den Musical Dome in Köln - mit der Politik hadert: Denn deren Aufmerksamkeit wie auch die Hilfsmaßnahmen richten sich vor allem auf die klassischen Kulturbereiche.

Für viele Politiker scheint die Großmusical-Branche eher eine "Terra incognita", deren Finanzierung ihnen ebenso wenig vertraut ist wie deren Wertschöpfungskette. Gerade in Musical-Städten wie Hamburg oder Stuttgart sorgen die Show-Besucher nämlich alljährlich für Hunderttausende Übernachtungen sowie Millionen-Einnahmen in Gastronomie, Hotellerie und Städtetourimus.

Doch während an der Elbe inzwischen in den Konzertsälen der Elbphilharmonie die Lichter wieder angegangen sind, sieht es auf der gegenüber liegenden Uferseite weiterhin düster aus: Die zwei dortigen SE-Theater bleiben geschlossen - hinsichtlich der staatlichen wie städtischen Hilfsangebote fallen die großen Musical-Bühnen durch alle Raster, können für sich allein die Finanzhilfen der Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Doch eine echte Zukunftsoption bietet auch diese Regierungs-Maßnahme nicht.

"Wir brauchen dringend eine Perspektive, um die Zukunft planen zu können", fordert daher Semmelmann von der Politik klare Ansagen hinsichtlich wirtschaftlich tragfähiger (Musical-)Veranstaltungen. Zumal die Herausforderungen an die Branche auch bei konkreten zeitlichen Planungsvorgaben groß genug blieben - die kleinste scheint dabei derzeit noch die Frage des Abstands der Darsteller untereinander: So hat die SE in Hamburg mit Gesundheitsbehörde und Berufsgenossenschaft bereits einen Weg gefunden, ohne die Musicals uminszenieren zu müssen.

Voraussetzung ist ein (im Falle des Marktführers bereits vorhandenes) gutes Lüftungssystem, alle Künstler würden zweimal die Woche auf Sars-Cov-2 getestet, zudem bestünde nach jedem Bühnenabtritt Maskenpflicht - ein Konzept, für das auch die Behörden in Stuttgart und Berlin schon ihre Zustimmung für die dortigen Stage-Aufführungen gegeben haben. Fraglich nur, ob und wie sich solche Vorgaben für Tourneeproduktionen realisieren ließen.

"Für uns ist es eine Minute vor Zwölf"

Vor allem aber: Werden auch die Zuschauer wieder in die Musicaltheater zurückkehren? "Die Menschen sind eher vorsichtig geworden, was das Eintauchen in größere Menschenmengen angeht, da gehören Kino- und Theaterbesuch mit dazu", fürchtet Propach. Für andere wäre wiederum ein Theaterabend mit Maske undenkbar, wie die SE unter ihren Besuchern erfragt hat.

Vor allem aber: Wo bleibt die Musical-typische Stimmung, wenn das Publikum still auf seinen Plätzen hocken muss, weder bei mitreißenden Nummern aufspringen und mitsingen, noch im Finale ausgelassen in den Reihen tanzen darf?

Maik Klokows Branchendiagnose klingt denn auch alles andere als wie ein musiktheatralischer Hilfeschrei: "Für uns ist es nicht mehr fünf vor Zwölf, sondern eine Minute vor Zwölf!"

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