Drei Köpfe, eine Bühne: Wer künftig die Münchner Kammerspiele leitet

Basel erweist sich wieder einmal als Sprungbrett nach München. Nach dem Intendanten Andreas Beck, der 2019 aus der schweizerischen Stadt am Rheinknie ans staatliche Residenztheater wechselte, kommt nun auch die dreiköpfige Schauspieldirektion an die Kammerspiele: Anja Dirks (Dramaturgin), Jörg Pohl (Schauspieler) und Antú Romero Nunes (Regie) übernehmen mit Beginn der Spielzeit 2028/2029 das städtische Haus in der Maximilianstraße.
Es habe viele und hochklassige Bewerbungen gegeben, sagt Kulturreferent Marek Wiechers. Die Findungskommission aus Stadträten, Vertretern des Hauses und externen Expertinnen und Experten habe sich zuletzt noch einmal mit vier Bewerbungen intensiv befasst. Das Trio habe am besten zur gewünschten künstlerischen und organisatorischen Ausrichtung des Hauses gepasst.
"Was die drei aktuell in Basel leben, folgt in meinem Empfinden einem modernen Leitbild von Führungskultur eines Theaters“, sagt Wiechers. Man habe auch die Verbindlichkeit der Entscheidungsstruktur dieser Form kollektiver Führung "auf Herz und Nieren“ geprüft. Nach allem, was man höre, funktioniere das in Basel sehr gut.
Kunst ohne Angst machen
Die in Frankfurt geborene Anja Dirks hat zwar auch ein Regiestudium in Berlin absolviert, ist aber primär Dramaturgin. Der aus Tübingen stammende Nunes hat Regie an der Berliner Hochschule Ernst Busch studiert und war Hausregisseur am Maxim Gorki Theater sowie in Hamburg. An der Bayerischen Staatsoper inszenierte er 2014 Gioachino Rossinis "Guillaume Tell“, was kein Höhepunkt der Ära Nikolaus Bachler war. Aber die Kammerspiele sind auch kein Opernhaus; laut Wiechers soll Nunes eine Inszenierung pro Jahr herausbringen.

Regie- und Dramaturgie-Duos sind nicht ungewöhnlich, und auch an den Kammerspielen ist derzeit die Chefdramaturgin Viola Hasselberg die Stellvertreterin der Intendantin Barbara Mundel. Interessant an der neuen Konstellation ist, dass auch ein Schauspieler dem gleichberechtigten Leitungstrio angehört: der 1979 in Herdecke geborene Jörg Pohl.

Er habe in seiner Zeit am Thalia Theater nicht nur Hamlet und Danton gespielt, sondern "sich auch in Debatten um die Abschaffung der autoritären und veralteten Führungsstrukturen am Theater“ engagiert, heißt es in seiner Biografie auf der Website des Basler Theaters. Und: "Er glaubt, dass man auch ohne Angst und Unterdrückung Kunst machen kann. Vielleicht sogar gute.“

Das schmeckt ein wenig nach Schiller und Idealismus. Laut Wiechers soll das Trio einerseits die Tradition der Kammerspiele als Ensembletheater "mit einem klaren Schwerpunkt auf dem schauspielerischen Bereich“ fortsetzen. Andererseits habe das Haus mit einer avantgardistischen Tradition Trends gesetzt. Das habe er als Leiter der Findungskommission unbedingt erhalten wollen.
Die Kammerspiele als Ort der Stadtgesellschaft
Darüber hinaus sei es wichtig, die Stadtgesellschaft anzusprechen und mit anderen Institutionen zusammenzuarbeiten. "Da haben die drei in Basel innovative Wege beschritten“, so der Kulturreferent, der das Ergebnis der Suche noch vom Stadtrat absegnen lassen muss. Die Etablierung des Theaters als eines "Dritten Ortes“ mit hoher kommunikativer Aufenthaltsqualität sei in Basel in Verbindung mit einem hohen künstlerischen Anspruch exemplarisch gelungen.

Die weiten Foyers des im Stadtzentrum gelegenen Basler Theaters waren dafür gut geeignet. Inwieweit ein Tagesbetrieb in den eher verwinkelten Kammerspielen in der Luxus-Umgebung der Maximilianstraße möglich ist, wird sich zeigen.
Neben der Etablierung einer anderen Führungskultur ist es dem Kulturreferenten offenbar auch wichtig, das Schauspielhaus als größte Bühne der drei Bühnen der Kammerspiele wieder stärker ins Zentrum zu rücken. Ziel des Wechsels in der Intendanz sei es auch, im Schauspielhaus wieder "deutlich mehr Produktionen mit erhöhter Anschlussfähigkeit beim Publikum“ zu zeigen. Das Jugendstiltheater sei das "Herzstück“ der Kammerspiele. Die bisherige Sinnlichkeit und Emotionalität der Inszenierungen von Nunes gebe dafür eine vielversprechende Perspektive.
Das Ensemble bleibt inklusiv
Im blühenden Chemiestandort Basel gab es, so hört man aus der Schweiz, keine Probleme mit knappen Kassen. Anders in München: Der Stadtrat beschloss im März das Konsolidierungskonzept "MK:2030“. Es sieht eine Kürzung des Zuschusses um 1,14 Mio. Euro, eine Kostensenkung um 2,6 Mio. Euro, eine Steigerung der Einnahmen um 30 Prozent sowie eine Modernisierung interner Abläufe und Strukturen vor.

Dieser Beschluss gilt laut Wiechers weiter. "Diese Rahmenbedingungen waren allen Bewerberinnen und Bewerbern bekannt“, so der städtische Kulturreferent zur AZ.
Inwieweit der Wechsel mit Nichtverlängerungen im Ensemble einhergehe, lässt der Kulturreferent offen: Das werde die Vorbereitungsphase ergeben, so Wiechers. Der inklusive Charakter des Ensembles werde aber beibehalten, heißt es.