Doppelwumms statt Doppelpass: Erster Abend für Linkin Park in der Allianz Arena

Geschrei, Gesänge und Tränen hat die Allianz Arena schon reichlich erlebt. Diesmal machten sich aber nicht zehntausende Fans im roten Fan-Trikot auf den Weg nach Fröttmaning. In der U6 dominierten die schwarzen Band-Shirts. Doppelwumms statt Doppelpass war angesagt: Die Nu-Metal-Ikonen Linkin Park spielten in neuer Besetzung und leicht veränderter Setlist gleich zweimal in der Arena und lieferten mit Klassikern wie "Numb" oder "In the End" genau jene hochemotionalen Eruptionen, die sonst nur der Fußball garantiert.
Sightseeing in München
Bevor das Sextett um Mastermind Mike Shinoda und Neu-Frontfrau Emily Armstrong sein "90 Minuten plus Verlängerung"-Programm aus Rock, Rap und Elektro-Sounds abfeuerte, stand erst einmal Sightseeing an. Armstrong besuchte die Eisbach-Surfer und probierte Lederhosen an. Shinoda schlenderte im Regen um die Frauenkirche, während Neu-Drummer Colin Brittain vor dem Rathaus einen Straßenmusiker entdeckte, der mehr oder weniger zufällig, eine Piano-Version von "The Emptiness Machine" spielte. Genau jener Song sollte später am Abend auf Höhe des Strafraums den ersten massiven Moshpit auslösen.

Gut, dass der heilige Rasen dabei keinen Schaden nehmen konnte, er wurde im Vorfeld komplett herausgerissen. Vor der Nordkurve thronte stattdessen eine massive, aber angenehm schnörkellose Bühne. Ein paar Laser, etwas Konfetti, erfrischend wenig vom sonst üblichen US-Show-Firlefanz. Die gigantische Live-Maschine lief derweil absolut professionell weiter, als hinter der Bühne ein größerer Notarzteinsatz für Aufsehen sorgte.
Wie funktioniert der Sound in der Fussball-Arena?
Die zwei brennendsten Fragen des Abends drehten sich allerdings um Akustik. Erstens: Wie verhält sich dieser brachiale Sound voller Wut und harter Gitarren im gigantischen Stadion-Rund? Allzu viele Mega-Konzerte hat Fröttmaning noch nicht erlebt – es dient als musikalische Ausweichfläche, solange das Olympiastadion renoviert wird.

Der AZ-Reporter sprintete unzählige Treppenstufen für die große Lauschtour über die Tribünen. Das Fazit: Die Tontechniker hatten die schwierige Location nach ein paar Songs überraschend gut im Griff. Nur wer ganz oben unter dem Dach in den allerletzten Reihen saß, kämpfte mit leichtem Frequenz-Brei und einer phasenweise zu leisen Lead-Sängerin. Der Rest der Arena bekam druckvollen Rock-Sound auf die Ohren.
Eine Frage schwebt über dem Konzert
Die psychologisch weitaus schwierigere Frage: Kann, oder besser, darf es Linkin Park ohne Chester Bennington überhaupt geben? Nach dem tragischen Freitod des Frontmanns 2017 glaubten viele an das endgültige Aus. Als dann eine Nachfolgerin präsentiert wurde, geisterte das harte Wort "Coverband" durch die Fanforen. Doch die 40-jährige Sängerin fegte die Zweifel schnell beiseite.

Armstrong bringt ein gewaltiges, beinahe makelloses Stimmorgan mit. Nur fehlt den alten Klassikern hier und da die tiefgehende Seele. Es ist eben jene hörbare, wunderbare Pein, die Bennington damals in jede Note legte. Besonders spürbar wurde das bei "Crawling" oder "Breaking the Habit". Bei diesen Nummern, die unzertrennlich mit Chesters DNA verknüpft sind, rettete sich Armstrong mit einem alten Show-Trick: Sie überließ den Refrain (manchmal einen Tick zu oft) dem Publikum. Herausragend ist Armstrong dagegen bei den neun gespielten Songs des neuen Albums wie "Up From the Bottom", die sie selbst mitgeschrieben hat und die perfekt auf ihr Stimmvolumen maßgeschneidert sind.
Fan-Kontakt im Graben
Die Sängerin kickte grinsend einen aufgeblasenen Disney-Wasserball über die Bühne, bevor sie sich schreiend in das Intro von "Two Faced" stürzte. Auch Keyboarder und Rapper Shinoda kam aus dem Dauergrinsen nicht mehr heraus. Bei einem energiegeladenen Freestyle-Mix aus "Step Up" und "Remember the Name" sprang er direkt in den Graben zu den Zuschauern. In der ersten Reihe traf er Fan Aman und schenkte ihm seine signierte Cap. Der Anhänger jubelte ausgiebiger als jeder Stürmer an ähnlichen Koordinaten.

Als Cover wird hier ohnehin nichts wahrgenommen. Und das ist die Grundvoraussetzung, damit das System Linkin Park weiter funktioniert und nicht zur reinen Nostalgie-Show für gealterte Millennials verkommt. Ein kleiner Wermutstropfen blieb dennoch hängen. Man hätte sich trotz aller Euphorie um den Neustart etwas mehr Würdigung für die Vergangenheit gewünscht. Zumindest eine visuelle Einblendung auf den Bildschirmen des Mannes, der diese Band einst unsterblich machte, hätte er an diesem Abend verdient gehabt. Oben unter dem Dach der Arena hängt schließlich auch ein Beckenbauer-Trikot als ewige Erinnerung