Dieter Dorn über Becketts "Endspiel"

Dieter Dorn bringt bei den Festspielen in Salzburg das „Endspiel“ von Samuel Beckett im Landestheater heraus
| Robert Braunmüller
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Nicholas Ofczarek und Michael Maertens.
Bernd Uhlig/Salzburger Festspiele 4 Nicholas Ofczarek und Michael Maertens.

In einem düsteren Raum sitzt der blinde und gelähmte Hamm im Rollstuhl. Sein Diener Clov hat steife Beine. Hamms Eltern vegetieren in zwei Mülltonnen. Die Welt außerhalb scheint tot. Das ist die Grundsituation von Samuel Becketts „Endspiel“. Dieter Dorn inszeniert es bei den Salzburger Festspielen. Beim Interview saß der Regisseur am Telefon im Arztzimmer des Landestheaters – einer der wenigen Orte dort, wo man ungestört reden kann.

AZ: Herr Dorn, Sie sitzen gerade im Arzt-Zimmer – das legt die Frage nahe: Ist die Rolle des Regisseurs vergleichbar mit der eines Arztes?

DIETER DORN: Nein. So weit würde ich nicht gehen. Aber „Hebamme“ könnte passen. Ich habe das immer als Ehrentitel verstanden.

Wie hilft der Regisseur beim Gebären?

Sie kennen mein Credo: Das Weltbild des Autors steht im Zentrum. Dann kommen die Schauspieler, zuletzt der Regisseur mit seinem Raum-Bildner.

Sie haben in München nur „Glückliche Tage“ mit Gisela Stein inszeniert. Meiden Sie Beckett sonst?

Im Gegenteil! Ich habe gekämpft wie ein Löwe, Becketts erstes Stück „Eleutheria“ zu bekommen. Es ist ein großes abendfüllendes Stück im Gestus der Komödien von Georges Feydeau. Niemand wollte es damals spielen. Danach hat er seinen Stil geändert: die Verengung auf einen Raum und wenige, beschädigte Personen. Aber die Erben wollten es uns nicht geben.

„Warten auf Godot“ hat Sie nie gereizt?

Das hat George Tabori bei uns an den Kammerspielen inszeniert. Über einige Inszenierungen habe ich als Intendant eine schützende Hand gehalten. Meine Beckett-Zurückhaltung hatte einen anderen Grund: Ich habe es nicht übers Herz gebracht, mich mit drei oder vier Schauspielern für Monate einzuschließen und das übrige Ensemble spazieren zu schicken.

Beckett hat das „Endspiel“ 1957 auf Französisch geschrieben, dann hat es Elmar Tophoven mit ihm ins Deutsche übersetzt.

Daraus hat Beckett eine englische Fassung hergestellt – das ist verrückt. Er wollte eine Objektivität der Sprache gegenüber. Im Titel ist diese Haltung durch den Fußballwahn verlorengegangen. In den 1950er Jahren war ein „Endspiel“ noch ein seltenes Spiel. Das französische „Fin de Partie“ hat keinen Bezug zum Sport. Aber Beckett hat das deutsche Wort so gefallen, dass er es als „Endgame“ ins Englische übernommen hat. Ich hoffe, dass sich keine Fußballfreunde versehentlich in unsere Aufführung einschleichen.

Das Stück spielt offenbar nach einer Katastrophe. Früher dachte man an die Atombombe. Wie sehen Sie es?

Die Bedrohung der Menschheit ist nicht kleiner geworden. Sie hat nur eine andere Maske auf und ist weniger fassbar geworden. Das „Endspiel“ ist wie jedes gute Theaterstück eine Parabel. Es könnte sich auch um eine reine Theater-Verabredung handeln: Vier Schauspieler treffen sich. Zwei davon werden in eine Tonne gesteckt, verabreden sich und spielen eine letzte Situation durch. Es ist wichtig, das Stück in dieser konkreten Neutralität zu belassen, damit jeder Zuschauer seine eigenen Erfahrungen über ein Ende und die Begrenztheit des Lebens einbringen kann – und zwar ohne äußere Mittel.

Die Eltern in der Mülltonne waren einmal ein Schreckbild des Modernen Theaters. Geht das heute noch?

Natürlich muss man Nag und Nell in die Tonne setzen – wie es Beckett erfunden hat. Es ist eine bösartige und zugleich komische Metapher für den Umgang mit dem Alter. Jeder Mensch hat heute eine Pflegeversicherung, obwohl man sich eigentlich innerhalb der Familie im Krankheitsfall um die ältere Generation kümmern müsste. Man muss sich nur hüten, dieses Bild eins zu eins zu nehmen.

Das „Endspiel“ wurde lange sehr düster gespielt. Der Autor hat Slapstick aber nicht verschmäht.

Beckett sagte: „Bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen.“ Man muss es so fürchterlich spielen, dass es möglich ist, darüber zu lachen – aber nicht um das Fürchterliche wegzulachen. Wie Gottfried Benn gesagt hat: „Nihilismus ist ein Glücksgefühl.“ Wenn ich weiß, dass alles ein Ende hat, kann ich es besser genießen.

Das „Endspiel“ ist doch hoffentlich nicht Ihr „Endspiel“ als Regisseur?

Nein. Nach dem Abschied vom Residenztheater habe ich mich mit Jürgen Rose in Genf für drei Jahre auf Wagners „Ring des Nibelungen“ gestürzt. Die Anfrage zum „Endspiel“ kam vom Burgtheater – es ist eine Koproduktion. Mit Barbara Petritsch und Michael Maertens habe ich schon früher gearbeitet. Nicholas Ofczarek war mir wohl vertraut. Und Joachim Bißmeier habe ich jetzt in der Arbeit sehr schätzen gelernt. Da wollte ich nicht nein sagen. Und mit dem Titel konnte ich auch Jürgen Rose ködern. „Endspiel“, sagte ich ihm, „das betrifft unsere Arbeit, das müssen wir machen.“

Und was kommt nach dem „Endspiel“?

Zunächst habe ich Pläne für Operninszenierungen. Aber diese Neuigkeiten müssen meine Arbeitgeber verkünden.

Es gibt Gerüchte, Sie würden wieder in München inszenieren. Der Gärtnerplatz soll mit Ihnen gesprochen haben.

Diese Gerüchte sind an mir vorbeigegangen. Es stimmt, dass Josef E. Köpplinger mit mir geredet hat – aber nur sehr allgemein. Ich schätze seine Arbeit sehr.

Premiere heute, Samstag, 19.30 Uhr, im Salzburger Landestheater. Auch am 1., 3., 4., 6 und 7. August, Infos zu Restkarten unter www.salzburgerfestspiele.at

 

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