Interview

Dieses Theaterstück rechnet mit München ab: "Zombiestadt"

Klaus Lemke, DJ Hell und das Weißwurst-Ufo: In "Munich Machine“ zeichnet Ersan Mondtag ein München zwischen Nostalgie, verlorenen Utopien und Kommerzialisierung – lebendig wird die Stadt nur noch in der Kunst. Ein Interview.
Michael Stadler |
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Brigitte Hobmeier spielt den 2022 gestorbenen Regisseur Klaus Lemke.
Brigitte Hobmeier spielt den 2022 gestorbenen Regisseur Klaus Lemke. © Birgit Hupfeld

Die Beschäftigung mit München ist einer der roten Fäden, die das Residenztheater in dieser Spielzeit konsequent knüpft. Zu Saisonbeginn machte Barbara Frey aus Horváths „Kasimir und Karoline“ eine geisterhafte Oktoberfest-Sause, es folgte Rainald Goetz’ „Lapidarium“, in dem Helmut Dietl und Franz Xaver Kroetz ein Filmprojekt ausheckten. Jetzt bringt Ersan Mondtag „Munich Machine“ von Albert Ostermaier zur Uraufführung. Ostermaiers Stück hat den Untertitel „Eine Utopie in memoriam Klaus Lemke“, entstand also im Gedenken an den großen Regiecowboy, der im Juli 2022 in München starb.

AZ: Herr Mondtag, haben Sie Klaus Lemke kennengelernt?
ERSAN MONDTAG: Nicht persönlich, aber sein Name war mir natürlich bekannt. Als ich hier an der Otto Falckenberg Schule Regie studiert habe, hat Matthias Günther, damals Dramaturg an den Kammerspielen, ein Filmseminar gegeben. Wir haben uns dabei unter anderem mit Rainer Werner Fassbinder beschäftigt, von dem ich ein großer Fan bin. Im Zuge dieser Auseinandersetzung haben wir uns auch Filme von Klaus Lemke angeschaut.

Lemke kam aus Hamburg, wurde dann zur letzten Ikone des freien Filmschaffens in München. Er hat mal in der Redaktion der AZ gedreht, spannte mich spontan als Schauspieler ein und drückte mir danach fünfzig Euro in die Hand.
Das hat er bei vielen so gemacht, Tagesgage fünfzig Mark, später fünfzig Euro. Ich muss sagen, dass mich Lemke als Kunstfigur nie so richtig interessiert hat. Erst als ich mich mit dem Stück auseinandersetzte, beschäftigte ich mich auch intensiver mit Lemke. Wobei es nicht primär biografisch ist, sondern Lemke eher wie ein Medium funktioniert, über das Albert die Geschichte von München und der hier gescheiterten Utopien reflektiert.

Das Weißwurst-Ufo ist gelandet.
Das Weißwurst-Ufo ist gelandet. © Birgit Hupfeld

München war ja mal sehr lebendig, gerade in den Siebzigern und Achtzigern. Das Disco-München mit Giorgio Moroder und Donna Summer als zentralen Akteuren kommt im Stück vor. Es heißt aber auch: „München muss wieder tanzbar werden!“
Dementsprechend hat Albert sein Stück nach einem Album von DJ Hell benannt, „Munich Machine“ von 1998. DJ Hell ist bei uns im Team, er ist Teil des musikalischen Prozesses und bringt seine Musik in die komplexe Theatermusik ein, die Benedikt „Beni“ Brachtel, mit dem ich seit meinen Anfängen in München zusammenarbeite, für den Abend gestaltet. Ein großer Teil des Abends ist auch in den Siebzigern und Achtzigern verankert. Der Schwabinger Fasching ist ein zentraler Aspekt bei uns, auch in meinem Kostümbild.

Ein Ufo landet vor der Staatskanzlei

Der Plot klingt irre: Ein Weißwurst-Ufo landet vor der Bayerischen Staatskanzlei, aus der eine außerirdische Intelligenz, kurz AI, steigt, die mit Lemke auf Zeitreise geht…
Albert hat das so angelegt, dass die AI vom Planeten Gynäa kommt, der nur von Frauen bewohnt wird. Alles funktioniert dort in perfekter Harmonie, weshalb die sich aber auch zu Tode langweilen. In Bayern entdecken sie diese männlich dominierte Gesellschaft als Untersuchungsobjekt. Wobei ich die Rahmenhandlung gar nicht so wichtig finde.

Sondern?
Für mich findet alles im Kopf von Klaus Lemke statt. Lemke wurde während der Corona-Zeit schwer krank - in Alberts Stück ist er ebenfalls krank und will noch einen letzten Film drehen. Bei uns liegt Lemke auf dem Krankenbett und hat im Moment des Sterbens einen Fiebertraum, bei dem ihn sein Freund Amore und die AI begleiten. Diese eine Minute des Sterbens dehne ich auf drei Stunden aus, der Filmansatz verschwindet dabei recht bald.

Vincent Glander und Isabell Antonia Höck
Vincent Glander und Isabell Antonia Höck © Birgit Hupfeld

„Being Klaus Lemke“, sozusagen.
Genau.

Es gibt in diesem Zeitreise-Traum sehr humorvolle Passagen, zum Beispiel mit Hitler und Brecht auf dem Klo des Schellingsalons. Oder mit Franz Josef Strauß, der behauptet, er wollte Bayern von der CSU befreien und mit der DDR fusionieren.
Es gibt ein paar humoristische Perlen, der Abend ist auch ein Spektakel! Aber letztlich geht es um einen alternden Menschen, der stirbt und weder sein Leben noch seine Vorstellung von dieser Stadt, seine Liebe zu ihr loslassen kann. Klaus Lemke, sein Körper wird zu München. Dieses München lebt aber eigentlich nur noch in der Erzählung. Diese Erzählung verschwindet mit ihm.

"In Berlin redet niemand über München"

Klingt desillusionierend. Gibt es irgendein Fünkchen Hoffnung?
Ein Fünkchen Hoffnung? Also, ich selbst sehe in dieser Stadt kein Potenzial mehr. Sie ist im Grunde zu Ende erzählt, auch, weil sie von allen möglichen Labels kapitalistisch vereinnahmt wurde. Ab 22 Uhr ist diese Stadt wie eine Zombiestadt.

Immerhin: Die Bavaria taucht in dem Stück auf und schwärmt von den FKKlern im Englischen Garten. Sie sagt: „Wer will schon die hässlichen Berliner nackert sehen?“
Ich war neulich beim Neujahrsempfang des Bayerischen Ministerpräsidenten in der Residenz. Söder hielt vor versammelter Festgemeinschaft eine Rede im Kaisersaal, er stand wie immer breitbeinig da und gleich zu Beginn musste er über „Berliner Gäste“, die jedes Mal von der Residenz ganz beeindruckt sind, und von „preußischer Nüchternheit“ im Vergleich zu „bayerischem Glanz“ reden. Und man denkt sich, du stehst hier in diesem historischen Saal in München und musst dich erstmal an Berlin abarbeiten.

Brigitte Hobmeier spielt den 2022 gestorbenen Regisseur Klaus Lemke.
Brigitte Hobmeier spielt den 2022 gestorbenen Regisseur Klaus Lemke. © Birgit Hupfeld

Der Münchner Minderwertigkeitskomplex.
Wahnsinn! In Berlin redet niemand über München. München existiert für uns in Berlin überhaupt nicht. Wenn ich hier arbeite, finde ich das schon sehr angenehm: Man lebt gesünder, geht früh ins Bett. Man hat eine Ruhe, die man in Berlin suchen muss. In Berlin zwingen einen ständig irgendwelche Events in den nächsten Exzess. Davon ist man in München befreit. Hier kann man gut in Ruhestand gehen. Aber schon mit 30.

Brecht, Hitler und Freddie Mercury 

Ich frage mich, ob Sie der Richtige sind, um über unser schönes, von unserem Ministerpräsidenten gesegnetes München ein Stück zu machen.
Ich denke schon. In diesem Stück steckt ja auch eine Trauer darüber, was München mal sein wollte und hätte sein können, aber nie geworden ist. Diese Stadt war eine Keimzelle, im Positiven wie im Negativen. Auch der Nationalsozialismus wuchs ja von hier aus.

Versucht Ihr Ensemble, die historischen Figuren, die im Stück vorkommen, zu spielen? Brecht, Hitler, Ludwig Thoma, Donna Summer, Freddíe Mercury…
Klar, mit Dialekt und allem, was dazugehört.

Myriam Schröder spielt Franz Josef Strauß im Fat-Suit?
Logisch, sonst macht es keinen Spaß. Der Abend hat auch was Volkstheaterartiges.

Brigitte Hobmeier spielt Klaus Lemke. Wie kam es zu dieser Besetzung?
Brigitte und ich wollten schon lange zusammenarbeiten. Eigentlich wollte ich „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ mit ihr machen, das ist das perfekte Stück für sie. Aber viele Theater spielen das bereits oder haben es vor Kurzem gespielt. Dann hat Albert Ostermaier Brigitte vorgeschlagen, für die Figur Amore, aber ich fand es interessanter, sie als Lemke zu besetzen. Ich hatte Angst, dass das Stück im Schatten des „alten weißen Mannes“ steht. Wenn man diese Figur aber mit einer Frau besetzt, mit einer Frau wie Brigitte Hobmeier, entsteht eine spannende Reibung. Da kann man ins Unsagbare gehen: Dass diese Figur Dinge sagt, die sich sonst niemand auf einer Bühne zu sagen traut.

Albert Ostermaier thematisiert auch das Schicksal von Gastarbeitern in München. Eine Figur heißt Hasan, so wie Ihr Großvater, für den Sie das „Monument eines unbekannten Menschen“ im Deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale 2024 in Venedig errichtet haben.
Für eine Performance in dem Deutschen Pavillon hat Albert ein Gedicht für meinen Großvater geschrieben, das Beni Brachtel vertont hat. Am Ende der Performance ließen wir das Gedicht als Requiem von einem Chor singen. Jetzt, zu Beginn von „Munich Machine“, wird dieser Text unter dem Titel „Munich Howl“ von Pia Händler gesprochen, darüber hört man den Chor von Venedig. Dieser Moment ist wie eine Brücke zwischen beiden Arbeiten.

"Die haben mich an der Schauspielschule rausgeworfen"

Im Stück geht es auch um die Ankunft der Geflüchteten am Münchner Hauptbahnhof 2015, die „Willkommenskultur“, die als Utopie schnell wieder verschwand.
Vielleicht liegt ja die Hoffnung genau darin: in der Einwanderung. Damals war diese Stadt kurzzeitig im Ausnahmezustand, da war plötzlich ein Gefühl von: Hier kommen ganz viele Leute, man empfängt sie, es ist was los in München. Dieser Moment war aber schnell wieder vorbei. Dabei war das ähnlich in den Siebzigern und Achtzigern: Donna Summer ist von außen gekommen, Freddie Mercury und Klaus Lemke. Sie sind alle von außen in diese Stadt eingedrungen. Sich darauf einzulassen, dass etwas Neues kommt und dieses Neue die Realität formt - darin besteht vielleicht auch eine Hoffnung.

Angesichts der derzeitigen Politik hat man da eher wenig Hoffnung... Warum haben Sie die Otto Falckenberg Schule 2013 nach zwei Jahren verlassen?
Die haben mich rausgeworfen. Der Direktor meinte zu mir: Wir können dir hier nichts beibringen. Es wäre besser, wenn du gehst. Ich habe das eingesehen und bin gegangen.

Dabei hatten sie bereits 2012 Ihre eigene Gruppe, das „Kapitel Zwei Kolektif“, in München gegründet und Projekte wie die neuntägige Performance „Konkordia“ mit Olga Bach für die Schaustelle der Pinakothek der Moderne gestemmt.
Ja, das war super! Ich habe schon ein komisches Verhältnis zu München. Ich habe hier buchstäblich auf der Straße angefangen: Wir legten damals auf der Maximilianstraße den Verkehr lahm, indem wir als Schaufensterpuppen kostümiert in Zeitlupe über die Straße gelaufen sind. Da war schon Thomas Hauser dabei, den ich an der Otto Falckenberg Schule kennengelernt habe. Mit ihm habe ich auch 2017 „Das Erbe“ an den Kammerspielen gemacht, jetzt spielt er Amore. Wir haben damals völlig abgefahrene Dinge veranstaltet. Man könnte sagen, das hier ist mein Comeback. Ich werde nach „Munich Machine“ weiter hier arbeiten, auch im Auftrag anderer Institutionen. Für mich ist München der Anfang meiner künstlerischen Praxis, und jetzt geht es weiter. Insofern bin ich, um auf die Frage zurückzukommen, vielleicht genau der Richtige für dieses Stück.

Die Premiere  am 6. Februar 2026  um 19.30 Uhr ist ausverkauft. Eventuell Restkarten an der Abendkasse

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