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Die Theaterinsel in der Münchner Vorstadt: Das Metropoltheater ist ein erfüllter Lebenstraum

Die AZ stellt die kleinen Theater abseits der großen Bühnen vor, Teil 7: Das Metropoltheater hat spezielle, eigene Wege der Finanzierung gefunden hat und ist Besitzer der eigenen Bühne.
Peter Gratz |
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Der Anbau in Form eines 50er-Jahre Nierentisches ist das Markenzeichen des Hauses und dient als Café, sowie zweite Spielstätte.
Der Anbau in Form eines 50er-Jahre Nierentisches ist das Markenzeichen des Hauses und dient als Café, sowie zweite Spielstätte. © Jakob Piloty/Metropoltheater München

Das Schauspielhaus in München-Freimann ist wahrscheinlich seit vielen Jahren das anerkannteste freie Theater in München. Wenn Schulklassen ins Theater gehen wollen, ist es zusammen mit den großen öffentlichen Häusern in der Auswahl, und auch die Kritik hat es verlässlich auf dem Radar. Außerdem erhält das Metropoltheater mittlerweile eine durchaus große Förderung von der Stadt München, die aber erst nach öffentlichem Druck zustande kam

Theaterleiter und Schauspielprofessor Jochen Schölch in seinem Büro in der Theaterakadmie August Everding.
Theaterleiter und Schauspielprofessor Jochen Schölch in seinem Büro in der Theaterakadmie August Everding. © Peter Gratz

Die AZ traf Theaterleiter Jochen Schölch in seinem Büro in der Theaterakademie August Everding. Der Kurpfälzer ist dort Professor und leitet seit über 20 Jahren den Schauspielstudiengang. Ab Ende der 80er-Jahre begann seine Karriere als Regisseur in München. Nach Stationen in Berlin, als Hausregisseur am Teamtheater und am Hans-Otto-Theater in Potsdam gründete er 1998 in München das Metropoltheater: „Ich habe gemerkt, dass es mein Lebenstraum ist, ein eigenes Theater zu haben, das ich ganz nach meinen Vorstellungen gestalten kann.“

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Theatersuche mittels Immobilienmakler

Angefangen beim Spielplan bis zur Bezahlung der Künstler wollte er alles selbst gestalten können. „Ich wollte nicht in den Zustand kommen, es nicht probiert zu haben. Dann habe ich alles auf eine Karte gesetzt und - ohne Witz - einen Makler beauftragt.“ Durchaus ein spezieller Auftrag: ein Gebäude in München mit einer Kapazität von 200 Leuten und großer Bühne. Die ersten Angebote wie eine Industriehalle in Neuperlach waren nicht nach seinem Geschmack. „Und dann tauchte plötzlich dieses 50er-Jahre-Kino auf!“

Zu dem Zeitpunkt wurde es aber schon seit den 60er-Jahren als Tonstudio genutzt. „Als ich das erste Mal rein bin, war alles in kleine Aufnahmeräume aufgeteilt.“ Außerdem liegt es in Freimann: „Um das Kino war damals wirklich nur ein Wohngebiet - direkt am Stadtrand. Die U-Bahn gab es schon, aber ansonsten herrschte die Meinung, dass es dort nur Kläranlage und Müllberg gibt. Aber es war klar: Das ist es!“

Peter Zadek machte es möglich

Bis zur Spieltauglichkeit war noch einiges zu tun, die Miete war trotzdem fällig. Fast wäre das Vorhaben an dieser Hürde gescheitert, doch in größter Not kamen die Kammerspiele zur Hilfe: „Peter Zadek wollte eine Probebühne mit Atmosphäre für seinen Richard III. Er hatte von diesem Kino gehört und sich in das Haus verliebt.“

Also fanden die Proben in den heutigen Räumlichkeiten des Metropoltheaters statt, die dafür angeschaffte technische Ausstattung ließ die Stadttheater-Produktion zurück. Spielen durfte Zadek in Freimann aber nicht: „Da hat die Stadt München gesagt: ‚Schluss jetzt, ihr habt genug Spielstätten!’ Aber damit sie da gut proben konnten, wurde viel gemacht, sodass wir danach erst mal spielen konnten.“

Auch in der neuen Spielzeit wieder in Freimann: James Newton, Thorsten Krohn und Lucca Züchner in der Bühnenversion von Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke".
Auch in der neuen Spielzeit wieder in Freimann: James Newton, Thorsten Krohn und Lucca Züchner in der Bühnenversion von Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke". © Jean-Marc Turmes/Metropoltheater München

Das Metropol ist eine gemeinnützige GmbH, die mittlerweile einiges an Personal beschäftigt: „Inklusive der Minijobber im Barbetrieb sind wir rund 20 Leute“, sagt Schölch. Darunter sind Techniker, Regie-Assistenten und Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit und Disposition. Dazu kommt noch das Ensemble, es ist aber kein Schauspieler fest angestellt: „Wir nennen sie die festen Freien. Wir verwenden schon das Wort Ensemble, weil wir sehr gerne kontinuierlich mit Künstlern zusammenarbeiten.“

Herr im eigenen Haus

Das Jahr 2013 rund um das 15-jährige Jubiläum stellte einen besonderen Meilenstein in der Geschichte des Hauses dar. Zu Beginn des Jahres konnte eine aus Mitarbeitern und Freunden des Metropoltheaters - „die im Grunde ihre Altersvorsorge reingesteckt haben“ - bestehende KG das Theatergebäude erwerben: „Wir haben es der Spekulation entzogen. Besitzer war eine Erbengemeinschaft und es gab verschiedene Immobilienspekulanten, die auf das Grundstück geboten haben.“

Aber eine Erbin sah den Erhalt der Kulturstätte als Notwendigkeit und verhinderte mit ihrem Veto den Verkauf an einen anderen Interessenten. „Gott sei Dank war im Vertrag der Erben Einstimmigkeit vorgesehen. Sie hat durchgesetzt, dass es an uns verkauft wird. Zu einem anderen Preis, als die Spekulanten geboten hatten.“ Die KG vermietet das Gebäude nun an das Theater. Zum Geburtstag im Herbst finanzierte der Förderverein über eine Spendenaktion dann auch noch den 600.000 Euro teuren Anbau, der heute als Foyer und zweite Spielstätte dient.

20 Jahre sind genug!

600.000 Euro sind auch die Summe, auf die Schölch 2017 kam, als es im Rahmen der Kampagne „20 Jahre sind genug“ um eine verlässliche Finanzierung des Metropoltheaters ging: „Wir waren der Meinung, dass 20 Jahre gute Arbeit wirklich reichen müssen, damit man sich nicht jedes Jahr vor der Jury beweisen muss. Mit dem Bayerischen Theaterpreis als einziges Privattheater und vielen anderen Auszeichnungen hatten wir auch Alleinstellungsmerkmale.“


Beim damaligen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers stieß das Anliegen auf offene Ohren und das Team des Metropol erstellte einen Finanzierungsplan. „Die erste Idee war: 400.000 Euro von der Stadt und 200.000 Euro vom Freistaat. Aber der Freistaat fördert nicht in der Stadt München. Das ist diese alte Regelung: Wir zahlen die Oper, dafür macht die Stadt die freie Szene.“ Deshalb blieb es bei den 400.000 Euro, die am Anfang immer wieder angepasst wurden, sodass es mittlerweile 467.185 Euro pro Jahr sind. Auf welchen Zeitraum ist diese Förderung angelegt? „Open End. Das war ein einstimmiger Stadtratsbeschluss - ein starkes Zeichen.“

Die Familiengeschichte ist beim Publikum sehr beliebt: Sophie Rogall, Nicolas Wolf, James Newton, Lean Fargel und Vanessa Eckart in der Bühnenversion von Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke".
Die Familiengeschichte ist beim Publikum sehr beliebt: Sophie Rogall, Nicolas Wolf, James Newton, Lean Fargel und Vanessa Eckart in der Bühnenversion von Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke". © Jean-Marc Turmes/Metropoltheater München

Eine „Lücke“ wird über den Förderverein „Freundeskreis Metropoltheater München e.V.“ geschlossen, den man von Beginn an aufgebaut hat und ständig vergrößern möchte. „Das sind jetzt 1.600 Mitglieder, dadurch finanzieren wir das Restbudget von rund 200.000 Euro“.

Der Verein finanziert zum Beispiel die monatliche Miete und Nebenkosten für das Gebäude. In guten Spielzeiten - und die sind nicht selten - kann die Bühne auch aus dem Spielbetrieb einen Überschuss erwirtschaften: „Wir kalkulieren mit 70 Prozent Auslastung, aber das Theater ist oft sehr gut besucht, sodass wir eher bei 90 Prozent sind.“

Zu groß für die Kleinen, zu klein für die Großen

Die Abendeinnahmen finanzieren außerdem die Gagen der Spieler sowie Stückrechte oder Gema-Gebühren. 185 Plätze hat das Metropoltheater mittlerweile. Schölch sieht sich damit etwas im Niemandsland: „Das ist im Vergleich zu vielen anderen kleinen Bühnen recht viel, im Vergleich zu den großen Häusern aber nichts.“ Weiteres Publikum erreichen die Inszenierungen bei Gastspielen: „Wir fahren mit unseren Produktionen sehr viele Gastspiele im deutschsprachigen Raum. Das hat sich so etabliert, dass wir die Einnahmen fix einplanen können.“ Jedes Jahr präsentiert das Metropol vier bis fünf Premieren und einige Wiederaufnahmen. Geplant wird in Blöcken von mehreren Wochen.


Durch den größeren Abstand zwischen den Einheiten haben viele Inszenierungen in Freimann eine hohe Halbwertszeit. Oft würde Schölch sogar gerne mehr zeigen, hat aber keine Kapazitäten. „Das bleibt ein Thema für uns. Wir würden gerne wachsen, aber die passende Immobilie gibt es gar nicht.“ Ob er ein Vorbild für andere freie Theater sein sollte, möchte Jochen Schölch nicht bewerten. Für ihn ist man jedenfalls nah an der Optimallösung: „Es ist kein Intendantenmodell, das ist der große Vorteil. In unser Geschäftsmodell greift die Stadt gar nicht ein. Das ist die größtmögliche Freiheit, die man haben kann.“

Spezialprogramme zahlt der Förderverein

Aber natürlich muss eine sinnvolle Verwendung der Förderung der Stadt nachgewiesen werden. „Sonderaktionen wie die ‚All-Inclusive’-Reihe mit Gebärdendolmetschern und Audiodeskription, die Junior-Flat für 25 Euro pro Spielzeit oder die ,Zahl doch was du willst’-Vorstellungen zahlt der Förderverein. Wenn der ausfällt, können wir das nicht mehr machen. Unser Kerngeschäft, Stücke zu inszenieren und zu spielen, finanzieren wir durch die städtische Förderung.“

Jochen Schölch vor seinem Theater in der Floriansmühlstraße 5
Jochen Schölch vor seinem Theater in der Floriansmühlstraße 5 © Jakob Piloty/Metropoltheater München

Neben diesen neuen Möglichkeiten kann das Metropoltheater durch die institutionelle Förderung auch den Künstlern bessere Konditionen bieten. „Wir können endlich anständiges Probengeld zahlen. Das ist gut für die Spieler, aber auch für uns, denn dann müssen sie auch verfügbar sein. Wir haben ein paar, die sehr viel bei uns spielen und davon leben.“ Die meisten drehen noch und spielen aus ideellen Gründen in Freimann. „Natürlich versuchen wir zu zahlen, was wir können. Aber das sind natürlich keine Beträge, mit denen wir mit dem Residenztheater konkurrieren könnten.“

Seine Professur hat Schölch weiterhin: „Damit habe ich am Anfang das Theater auch mitfinanziert. Das Metropol ist jetzt so stark, dass ich nur dort arbeiten könnte, aber ich liebe diesen Job hier.“ Sein guter Name war für den Erfolg des Hauses sicher mitverantwortlich: „Es wissen alle, dass ich an großen Häusern gearbeitet habe. Da kann niemand behaupten, ich hätte ein freies Theater gegründet, weil ich es sonst nicht geschafft habe.“

Kultur ist gelebte Demokratie

Das Metropol-Team war mit dem richtigen Konzept zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In der aktuellen kulturpolitischen Situation sind Schölch zwei Dinge wichtig: „Zum einen ist es gelebte Demokratie, Kulturinstitutionen zu erhalten, auch wenn sie einem nicht passen - gerade die Unbequemen.“ Die Not der Stadt kann er verstehen: „Kindergärten müssen finanziert werden, aber man darf nicht in Populismus verfallen und den Kindergarten gegen das Theater ausspielen.“


Er sieht eine große Bereitschaft der Kulturinstitutionen, über Kooperation und andere Maßnahmen Synergiepotenziale auszuschöpfen. Schölch möchte auch in der kommenden Spielzeit verlässlich bildstarkes, politisch aktuelles Theater machen: „Von November bis Januar - wo alle über diesen Dry January reden - widmen wir uns dem Thema Alkohol. Einmal mit Thomas Vinterbergs ,Rausch’ und danach ,Der fünfte Schritt’, einem Stück über die Anonymen Alkoholiker.“

Michele Cuciuffo und Katharina Müller-Elmau diskutieren in der Produktion "Die Wahrheiten", die ab November wieder im Metropoltheater zu sehen sein wird.
Michele Cuciuffo und Katharina Müller-Elmau diskutieren in der Produktion "Die Wahrheiten", die ab November wieder im Metropoltheater zu sehen sein wird. © Jean-Marc Turmes/Metropoltheater München

Im Februar folgt dann „Die Zauberflöte - The Opera but not the Opera“: „Die Zauberflöte war ursprünglich ein Singspiel für Schauspieler und das machen wir in einer Fassung, die Nils Strunk im Burgtheater rausgebracht hat.“ Länger plant das Metropol nicht vor: „Das ist der Vorteil von freiem Theater. Wir können reagieren. Im September ist eine Wahl in Sachsen-Anhalt und wir wissen nicht, was passiert. Doch, eigentlich wissen wir genau, was passiert.“

Spielzeitstart ab 6. Oktober, Termine und Karten unter metropoltheater.com, ab 15. 09. auch wieder unter 089/32 19 55 33

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