"Die schöne Müllerin": Voll überschäumender Fantasie

Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch mit Franz Schuberts "Die schöne Müllerin" im Nationaltheater.
| Dr. Michael Bastian Weiß
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Jonas Kaufmann in der Bayerischen Staatoper.
Jonas Kaufmann in der Bayerischen Staatoper. © picture alliance/dpa

München - Im Frühjahr, als alle Konzertsäle coronabedingt geschlossen hatten, war Jonas Kaufmann unter den Musikern, die aus der leeren Staatsoper in die Weiten des Internets sendeten. Unvergessen ist der Moment, an dem es nach seinem Geister-Liederabend förmlich aus ihm herausbrach, wie sehr er das Publikum vermisse. Das wirkte schon damals authentisch und wird nun durch diesen Abend rückwirkend noch einmal bestätigt. Denn wann hat der Tenor das letzte Mal ein Werk mit so überschäumender Fantasie präsentiert wie diese "Schöne Müllerin"? Kaufmann durchlebt den Liederzyklus von Franz Schubert mit einer Lust, die man sonst nur von Debütanten kennt.

Gleich das erste Lied "Das Wandern", wird zu einem interpretatorischen Kabinettstück. Kaufmann singt die erste Strophe unbekümmert, gestaltet dann jedoch jede weitere, dem Textsinn gemäß, völlig unterschiedlich: die zweite, in der vom Wasser die Rede ist, weich fließend, die dritte mit den Rädern, die nicht stillstehen wollen, deutlich gestoßen. In der vierten stellt er die Steine nicht etwa schwer, sondern mit genauen Färbungen gleichsam als bunt dar, um dann die letzte Strophe in einem leicht verklärten Tonfall zu intonieren. Geradezu theaterhaft lässt er in "Am Feierabend" den Müllermeister mit seiner feierlichen Ansprache wie eine körperlich greifbare Person erscheinen oder artikuliert in "Der Neugierige" die Worte "Ja" und "Nein" so bildhaft, dass man die Sprache nicht nur versteht, sondern deren Bedeutung unmittelbar fühlen kann.

Genauso phänomenal ist, welche sängerischen Möglichkeiten Kaufmann zur Verfügung stehen. Hat die Zwangspause der Stimme gut getan? Abgesehen von ein paar kleinen Räuspern zu Beginn wirkt das Organ wie frisch erholt, wenn der Tenor Spitzentöne mühelos, dazu wunderbar leise, in die Linie einbindet, nur in wenigen, gut gesetzten Höhepunkten seine Kräfte spielen lässt und ansonsten weite Strecken in einem geschmeidigen Parlando singt.

Von der Klavierbegleitung könnte man sich zwar bisweilen ein wenig mehr an Eigenständigkeit wünschen, kernige Akzente, rhythmische Widerstände. Doch es hat schon auch etwas für sich, wie hypersensibel, ja, verträumt Helmut Deutsch dem Sänger folgt, wie nahtlos das tenorale und das pianistische Flüstern miteinander verschmelzen und der Gesamtklang als Ganzes still zu leuchten beginnt.

Der Erfolg gibt dem höchst inspirierten Lied-Duo recht: Im reduziert besetzten Publikum brandet Applaus auf, als ob die Staatsoper bis zum letzten Platz ausgelastet wäre. Die drei Zugaben, "Der Jüngling an der Quelle" D 300, "Der Musensohn" D 764 und "Wandrers Nachtlied" D 768, sind also wohlverdient. Man soll so etwas ja nicht leichtfertig sagen, aber das war eine Sternstunde.

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