Die Pubertät, die endet nie

Amélie Niermeyer inszeniert Shakespeares „Was ihr wollt“ im Residenztheater als heiteres und melancholisches Spiel um die Liebe
| Matthias Hejny
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v.l. Juliane Köhler (Viola), Norman Hacker (Sir Toby Rülp, Olivias Oheim), Ian Fisher (Narr), Christiane Rossbach (Maria, Olivias Dienerin), Shenja Lacher (Sir Andrew Bleichenwang)
Thomas Dashuber 3 v.l. Juliane Köhler (Viola), Norman Hacker (Sir Toby Rülp, Olivias Oheim), Ian Fisher (Narr), Christiane Rossbach (Maria, Olivias Dienerin), Shenja Lacher (Sir Andrew Bleichenwang)
v.l. Shenja Lacher (Sir Andrew Bleichenwang), Ian Fisher (Narr), Norman Hacker (Sir Toby Rülp, Olivias Oheim)
Thomas Dashuber 3 v.l. Shenja Lacher (Sir Andrew Bleichenwang), Ian Fisher (Narr), Norman Hacker (Sir Toby Rülp, Olivias Oheim)
v.l. (Juliane Köhler (Viola), Barbara Melzl (Olivia, eine Gräfin)
Thomas Dashuber 3 v.l. (Juliane Köhler (Viola), Barbara Melzl (Olivia, eine Gräfin)

Amélie Niermeyer inszeniert Shakespeares „Was ihr wollt“ im Residenztheater als heiteres und melancholisches Spiel um die Liebe

Unbeschadet hat niemand überstanden, was bisher geschah. Schon in William Shakespeares Original besingt der Narr das Happyend bei trüber Witterung mit einem „hopp, heißa, bei Regen und Wind!". Endgültiger endet „Was ihr wollt“ nun im Residenztheater. Statt seines bekannten Schlusslieds singt der Narr das Sonett 126, dass vor der Unerbittlichkeit der Natur warnt. Dem „süßen Knaben“, seiner Jugend wegen scheinbar ein Günstling der Natur, wird finster gedroht: „Du kriegst die Rechnung noch, verlass dich drauf, und ihre Quittung ist: Sie gibt dich auf.“

Den Faktor Zeit hatte Regisseurin Amélie Niermeyer bereits bei der Besetzung berücksichtigt, denn die Liebenden gehören längst der 40-Plus-Generation an. Nicht ohne Spannung wurde vor der Premiere erwartet, wie sich die reifere Jugend mit dem Liebesreigen herumplagen wird. Das wenig überraschende Ergebnis: Lebenserfahrung schützt nicht vor spätpubertärer Verknalltheit. Und das Leben ist alles in allem nur Treibgut im Ozean der Zeit, wie es Ausstatter Alexander Müller-Elmau in seinem ebenso schlichten wie monumentalen Bühnenbild zusammenfasst.

Er entfesselt einen Tsunami: Eine gewaltige Woge schwappt durch das riesige Bühnenhaus. Sie schluckt Menschen ebenso wie sie sie auch ausspuckt. Auf diese Weise kommt Viola an den Strand. Einem Schiffsbruch der Küste von Illyrien entronnen, verkleidet sie sich als Mann, um an den Hof von Herzog Orsino zu kommen. Der beauftragt Viola, die sich nun Cesario nennt, mit Liebesbotschaften an Gräfin Olivia.

Olivia ist zugänglich – nicht aber für Orsinos Anträge, sondern für den Charme des schönen und vermeintlichen jungen Mannes Cesario. Viola wiederum ist verliebt in Orsino. Juliane Köhler ist mit ihrer schlaksig knabenhaften Erscheinung eine perfekte Viola-Cesario-Spielerin und verfolgt, mit großen Augen, was ihre Täuschung anrichtet. Unwiderstehlich auch Barbara Melzl als Olivia mit dem süßesten Lächeln des Abends. Zwischen den Damen reibt sich ein verstrubbelter Götz Schulte als ebenso ratloser wie beratungsresistenter Orsino bis fast zum homoerotisches Outing auf. Die Sehnsucht treibt alle in ein absolut aussichtsloses Dreieck, bis Sebastian auftaucht: Er ist der totgeglaubte Zwillingsbruder Violas, der Olivia kriegt, während die ihren Orsino bekommt.

Keine Chance hat hingegen Haushofmeister Malvolio bei seiner Herrin. Sein Traum an der Seite Olivias wird bei Markus Hering eine Paradenummer kleinbürgerlicher Machtgelüste. Seinen Liebeswahn hatten Sir Toby Rülp (souverän komisch im Dauersuff: Norman Hacker) und sein Kumpel Sir Andrew Bleichenwang (ulkig verklemmt: Shenja Lacher) mit einer bösen Intrige entfacht. Und da die „Musik der Liebe Nahrung ist“, ist der Narr hier vor allem ein Barde. Ian Fisher erzeugt mit seinen Folk-Balladen das richtige Grundrauschen für einen Wohlfühl-Shakespeare voll feinnervig heiterer Melancholie.

Residenztheater, 22., 27. Januar, 5. 13., 24. Februar, 19.30 Uhr, Karten unter 21851940

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