Die modellierte Traumfrau

Die Kammerspiele zeigen Stephan Kimmigs szenische Fassung des Romans „Plattform“ von Michel Houellebecq
| Mathias Hejny
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Szene aus Stephan Kimmigs Inszenierung vom "Plattform".
Kammerspiele Szene aus Stephan Kimmigs Inszenierung vom "Plattform".

Thailand ist ein Sehnsuchtsland frustrierter Europäer, die alles haben, außer sexueller Befriedigung. Sex ist dort Discountware, deren Käufer sich gerne in dem guten Gefühl sonnen, dem wirtschaftlich labilen Land stabile Einnahmen zu sichern.

So sieht das auch Michel, Beamter Anfang 40 in Paris, einsam, bindungsscheu, aber erotisch stark interessiert. Er besucht Peepshows und, wenn es etwas Besonderes sein darf, eine Prostituierte. Er ist die Zentralfigur im 2001 erschienenen Roman „Plattform“ von Michel Houellebecq.

Obwohl keine der 370 Seiten danach schreit, auf der Bühne gesprochen zu werden, inszeniert Stephan Kimmig eine Bühnenfassung des bei Erscheinen zuverlässig wie stets bei Houellebecq Kontroversen auslösenden Romans im Schauspielhaus, die am heutigen Dienstag herauskommt. Es gibt nur wenige Dialoge, sondern vor allem einen misanthropischen Erguss von Gedanken über eine abendländische Zivilisation, die ihn zunehmend abstößt.

Stephan Kimmig will die Geschichte von hinten her erzählen. Michel, gespielt von Steven Scharf, hat gerade die einzige Frau verloren, die er für Sex nicht bezahlen musste. Mit Valérie, einer Touristikmanagerin, verbrachte er nicht nur die einzige glückliche Zeit seines Lebens, sondern eröffnete auch einen Sex-Ferienclub in Thailand. Das Geschäftsmodell erregt das Missfallen eines islamischen Terroristen, und Valérie fällt dem Attentat zum Opfer. Hier lässt Kimmig die Handlung einsetzen: In einer zusätzlichen Rahmenhandlung kümmern sich zwei Psychiater um Michel. Mit rückblickenden Monologen und Videoeinspielungen wird erzählt, was bisher geschah – und vielleicht auch nur geträumt war.

Denn Kimmig hat seine Hauptfigur im Verdacht, sich die Traumfrau nur „modelliert“ zu haben. Deshalb will er die im Roman offen dargestellte Pornografie „nicht einfach nur abbilden“, sondern lässt sie mehr in der Fantasie als in einer Realität spielen.

Hinter Michels Zynismus „entdeckt man große Romantik und Sehnsucht nach Nähe“. Zu den kleinen Gemeinheiten des Autors gehört, seinen Helden als Buchhalter im Kultusministerium arbeiten zu lassen. Über seinen Schreibtisch laufen die Subventionen für Projekte zeitgenössischer Kunst, und als jemand, der sich wie Kimmig in einem geförderten Kulturbetrieb bewegt, „ist man erschrocken“ über eine solche Figur.

Von der Notwendigkeit, Theater öffentlich zu fördern, ist der 54-jährige Hausregisseur des Deutschen Theaters in Berlin überzeugt. Zwischen 1988 und 1996 arbeitete er in den Off-Szenen der Niederlande und Belgiens, der auch Kammerspiel-Intendant Johan Simons entstammt. Die Frische und Innovationskraft aus Benelux galt seinerzeit als Versprechen für die verkrustete Stadt- und Staatstheaterlandschaft in Deutschland.

Doch die Theater schlicht freien Gruppen zur Verfügung zu stellen, führte, so beobachtet Kimmig, zur Zerstörung dieser Struktur. „Die Flüchtigkeit der Begegnung mit dem Zuschauer ermöglicht keine Bindung.“ Unterdessen haben sich die Stadt- und Staatstheater stark verändert und ihr Publikum mitgenommen. „Und arbeiten muss man immer, egal, in welchem System.“

Was ist Kimmigs nächstes Projekt? Im Sommer, so freut er sich, geht es mit Frau und Kindern auf eine Insel mit Elefanten – in Thailand.

Münchner Kammerspiele, 30. April, 3., 12., 29. Mai, 19.30 Uhr (sonntags 19 Uhr)

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