Die letzte Spielzeit von Matthias Lilienthal

Bis zum letzten Tag nerven: Matthias Lilienthals Finale
| Michael Stadler
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Matthias Lilienthal bei der Vorstellung seiner letzten Spielzeit.
Josef Beyer Matthias Lilienthal bei der Vorstellung seiner letzten Spielzeit.

Zu seiner letzten Spielzeit-Konferenz als Intendant der Kammerspiele lädt Matthias Lilienthal ein in die Dachkammer der Spielhalle, die er einst bei seinem Antritt 2015 in Kammer 2 umgetauft hatte. Hier hat man einen guten Blick über die Stadt, meint der scheidende Chef, über das Rathaus, das Parlament.

Was dann doch noch mal eine schöne Perspektive von oben ist, bedenkt man, dass Lilienthals Vertrag auch auf Betreiben der CSU nicht noch mal auf die üblichen fünf Jahre verlängert werden sollte, weshalb der Intendant von sich aus seinen Hut nahm: Mit mir nicht.

Liebe gegeben

Die Stadt München ist mit Lilienthal lange Zeit nicht richtig warm geworden. Dass sie alle mehr Liebe gegeben als zurückbekommen haben, meint der Chef und spricht dennoch davon, dass der Knoten mittlerweile geplatzt sei. Zwar liegt die Auslastung der Kammerspiele bei um die 65 Prozent, doch Susanne Kennedys eigenwillige Interpretation der „Drei Schwestern“ füllt die Sitze in der Kammer 1 derzeit zu achtzig Prozent. Und Christopher Rüpings zehnstündige Antiken-Inszenierung „Dionysos Stadt“ war gerade beim Berliner Theatertreffen zu sehen – ein geglücktes Wagnis in der Ära Lilienthal.

Für das Ende seiner letzten Spielzeit möchte der Intendant, zumindest was die Inszenierungsdauer angeht, noch einen drauflegen: Ende Mai 2020 nehmen sich mehrere Regisseure Roberto Bolaños über 1000 Seiten starken Roman „2666“ vor und machen daraus eine 24-stündige Marathon-Performance, die vom Olympiaberg durch den Stadtraum führen soll. Vor diesem großen Finale stehen elf weitere Premieren auf dem Programmzettel, die allesamt nicht nach einem lahmen Ausplätschern klingen. Herausschleichen wolle man sich sicherlich nicht, „sondern bis zum letzten Tag nerven“, so Lilienthal.

Zu guter Letzt

Seine Ironie war schon immer klar lesbar; es sollen ja sicherlich doch noch mal schöne Theatererlebnisse entstehen. Regisseur Stefan Pucher nimmt sich zu Saisonbeginn „König Lear“ vor (Premiere: 28. September in der Kammer 1). Überraschend dabei ist, dass Thomas Schmauser die Titelrolle spielt, Schmauser also, der einst das Ensemble gen Residenztheater verließ, was als Zeichen für den schlechten Zustand der Kammerspiele gelesen wurde. Nun kehrt er wieder ins Ensemble zurück. Verrückt!

Zu guter Letzt lässt Lilienthal weiterhin konsequent junge Regisseurinnen an seinem Haus inszenieren. Verena Regensburger macht sich gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern Gedanken über das, was kommen mag: Das Projekt „These teens will save the future“ wird einen Tag vor der Lear-Premiere im Haus der Kunst uraufgeführt.

Privatier und arbeitslos

Noch einen Tag zuvor, am 26. September in der Kammer 2, beschäftigt sich Anta Helena Recke in „Die Kränkung der Menschheit“ mit der Diversität unserer Gesellschaft, die manche immer noch nicht wahrhaben wollen. Leonie Böhm, die in der letzten Saison mit „Yung Faust“ einen Klassiker ins Heute holte, lässt dann im November vier Frauen als „Die Räuberinnen“ auftreten, ganz frei nach Schiller.

Schon im Oktober nimmt sich Damian Rebgetz das letzte Konzert von Nirvana in München vor. Danach inszenieren einige Bekannte wie Hausregisseur Christopher Rüping, Toshiki Okada, Felix Rothenhäusler und Susanne Kennedy. Im Januar gibt es gar ein Wiedersehen mit René Pollesch, der schon oft an den Kammerspielen inszenierte, aber nun erstmals unter Lilienthal.

Der wird nach dieser Spielzeit ein Festival in Beirut kuratieren und dann erstmal Privatier, nicht in München („Mit dem Arbeitslosengeld kann man sich diese Stadt nicht leisten“), sondern in Berlin. Bei allem Theater gibt es ja auch noch ein Familienleben mit Kind für ihn. Ob Lilienthal dann gar München vermisst und München gar Lilienthal, wird die Zukunft zeigen. 

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