Die Geschichte von "Friedl mit der leeren Tasche"

Anfang September erzählt im Ötztal wieder ein Wandertheater die Geschichte des Herzogs Friedrich „mit der leeren Tasche“
| Robert Braunmüller
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Regisseur Hubert Lepka.
Robert Braunmüller 5 Regisseur Hubert Lepka.
Das Finale auf fast 2600 Metern Höhe.
Robert Braunmüller 5 Das Finale auf fast 2600 Metern Höhe.
Das Ziel der Wanderung: Die Martin-Busch-Hütte im Niederen Tal oberhalb von Vent.
Robert Braunmüller 5 Das Ziel der Wanderung: Die Martin-Busch-Hütte im Niederen Tal oberhalb von Vent.
Ein Dreieckskonflikt unter Dreitausendern: Hinter den Schauspielern ragt der 3368 Meter hohe Vordere Diemkogel empor.
Otztal Tourismus/Ernst Lorenzi 5 Ein Dreieckskonflikt unter Dreitausendern: Hinter den Schauspielern ragt der 3368 Meter hohe Vordere Diemkogel empor.
Ekke Hager spielt den Herzog.
Otztal Tourismus 5 Ekke Hager spielt den Herzog.

Anfang September erzählt im Ötztal wieder ein Wandertheater die Geschichte des Herzogs Friedrich „mit der leeren Tasche“

Er ist nicht ganz so berühmt wie der antibayrische, katholische Taliban Andreas Hofer. Und eine Spur weniger volkstümlich wie Kaiser Maximilian I., der „Letzte Ritter“ – der zweitberühmteste Tiroler der Vergangenheit. Aber schon auf Platz drei dieser Geschichtsskala folgt Herzog Friedrich „mit der leeren Tasche“, der auch als Friedl geduzt werden darf. Diese außerhalb des Landes wenig bekannte Figur steht im Mittelpunkt eines spektakulären Wandertheaters. „Friedl mit der leeren Tasche“ wird vom 7. bis zum 17. September wieder an acht Terminen am Alpenhauptkamm aufgeführt: oberhalb von Vent, in einem Seitental des Ötztals.

In dieser Gegend soll sich Herzog Friedrich IV. im Jahr 1416 versteckt haben. Beim Konzil von Konstanz hatte er auf den falschen Papst gesetzt. Friedl wurde von König Sigismund geächtet. Der Tiroler Adel erhob sich gegen ihn.

Auf den Rofenhöfen, der höchstgelegenen Dauersiedlung Österreichs, verdingte er sich angeblich als Knecht. Am Finailhof, auf der Südtiroler Seite der gleichen Berge, erzählt man eine ähnliche Geschichte. Dort wird bis heute ein goldener Becher gezeigt, den er als Dank hinterlassen haben soll. Von der eingravierten Jahreszahl und der eingelassenen Münze, die beide schlecht zu dieser Geschichte passen, darf man sich allerdings nicht irritieren lassen.

Auf den falschen Papst gesetzt

Wahrheit und Legende gehen bei Herzog Friedrich IV. ineinander über. Das verschweigt das Stück von Joey Wimplinger nicht. Die Aufführung beginnt im Hinterzimmer eines Skiverleihs mit einer improvisierten Schulstunde. Ein Lehrer erklärt zwei Schülerinnen den Erwerb Tirols durch die Habsburger, die sich so die wichtigsten Handelswege von Norden nach Süden sicherten.

Dann geht es hinaus – auf eine Wiese in Sichtweite der Rofenhöfe. Die Dialoge werden mit Funk-Ohrhörern übertragen, während die Darsteller in ihrem historischen Gewand einmal fern und dann wieder ganz nah sind. Der Text spielt locker postmodern verschiedene Varianten der patriotischen Legende durch. Mit ihr sollte im 19. Jahrhundert die Verbindung zwischen dem Volk und den Habsburgern gestärkt werden.

20 Kilometer mit Theater

Tatsächlich ist der Herzog über den Reschenpass nach Meran gereist. Er konnte seine Herrschaft behaupten. Die leere Tasche füllte sich wieder. Siegmund, sein Sohn und Nachfolger bekam später den Beinamen „der Münzreiche“. Der Zuschauer wird über die Ohrknöpfe mit Vokalmusik des Spätmittelalters aus der Gegenwart geholt. Einmal werden die Wanderer von einem schwarzen Ritter aufgehalten, der nach dem Herzog sucht – ein Spaß für mitwandernde Kinder.

Der Weg führt die Zuschauer mit den Darstellern das Niedere Tal hinauf – mit Blick auf den vergletscherten Alpenhauptkamm. Wer am Nachmittag wieder nach Vent zurückkehrt, hat fast 20 Kilometer Weg hinter sich.

Das klingt weit. Aber auch weniger Sportliche schaffen das auf eher flachen Wegen, zumal die Aufführung für angenehme Pausen sorgt. Im Verlauf der Aufführung löst sich die Handlung von der Historie. Die Tochter des Rofenbauers führt Friedrich in die Berge zu einem höher gelegenen Versteck. Daraus entwickelt sich eine amouröse Anziehung, die in den letzten beiden Szenen oberhalb der Martin-Busch-Hütte als Dreieckskonflikt ausgetragen wird.

Die Aufführung ist für Anna Maria Müller als Magd, Ekke Hager als Friedl und Marion Hackl als Fremde Frau durchaus anstrengend. Sie müssen nach den Spielszenen die Zuschauer überholen, um sich auf die nächste Episode vorzubereiten, die einmal gut 100 Meter unterhalb des Wegs auf einer Wiese spielt. Um schneller voranzukommen, benutzen sie dafür E-Mountainbikes.

Ein Kammerspiel in den Bergen

Inszeniert wurde das Wandertheater vom Salzburger Hubert Lepka, dem Begründer des Künstlernetzwerks Lawine Torrén. Das bespielt seit 1992 Berglandschaften, Flughäfen, Städte, Wälder und Flüsse. Lepka hat auch das ökologisch weniger hasenreine Spektakel „Hannibal“ erfunden, bei dem neben 300 Sportlern und Piloten auch 37 Pistenbullys als Elefanten über den Rettenbachferner stampfen.

„Friedl mit der leeren Tasche“ ist ein Kammerspiel. Die Sprache schafft Distanz und Nähe zugleich: Viele Passagen sind im Dialekt des Ötztals gehalten. Der klingt für deutsche Ohren mittelalterlich. Friedl-Darsteller Hager stammt aus Voralberg und hat ihn sich auch erst aneignen müssen.

Die Aufführung endet auf einer von einem Gletscherbach umflossenen Wiese unterhalb eines gigantischen Felssturzes. Der Herzog verlässt Anna widerstrebend und kehrt zu seiner Frau zurück. Die Magd tanzt sich barfuß in die Freiheit. Oberhalb von 2600 Metern in leicht verdünnter Luft ist das ein ziemlicher Kraftakt, der Respekt abnötigt, künstlerisch wie sportlich.

In der Nähe der Ötzi-Fundstätte

Nach der Aufführung kann man noch am gleichen Tag wiederl nach Vent wandern. Oder auf der leider überlaufenen Martin-Busch-Hütte nächtigen. Von dort braucht man zwei Stunden bis zur Similaunhütte am Niederjoch, wo es steil hinunter nach Südtirol ins Schnalstal geht.

Weitere zwei Stunden später werden das Tisen- und das Hauslabjoch erreicht. Hier, auf knapp 3300 Metern, wurde 1991 die als Ötzi bekannt gewordene Gletschermumie gefunden – in einer wilden Felsblockwüste unterhalb der Finailspitze.

Der Mann aus dem Eis wäre gewiss die näher liegende Vorlage für ein Wandertheater. Aber auch zu vordergründig touristisch. Es spricht für Lepka, dass er sich für den Tiroler Klassiker „Friedl mit der leeren Tasche“ entschieden hat. Eine eher unspektakuläre Geschichte, die aber bestens hierher passt.


Von Vent zur Martin-Busch-Hütte

Das Bergsteigerdorf Vent liegt in einem Seitental des Ötztals und ist auch problemlos mit dem Bus erreichbar. Karten für das Wandertheater sind beim Ötztal Tourismus telefonisch und im Internet unter www.vent.at erhältlich. Sie kosten 32 Euro, Jugendliche zahlen 19 Euro. Die Vorstellung beginnt pünktlich um 8.45 Uhr in Vent im Skiverleih Sportalm, Marzellweg, neben dem Hotel Alt Vent Tyrol.

„Friedl mit der leeren Tasche“ von Lawine Torrèn wird heuer am 7., 8., 9. und 10., 14., 15., 16. und 17. September aufgeführt. Die Wanderung führt durch das Niedere Tal bis zur Martin-Busch-Hütte und zurück (Länge: 19,5 km). Sie verläuft auf weitgehend flachen Wegen.

Die Spiel- und Gehzeit beträgt fünfeinhalb Stunden, der Höhenunterschied zwischen Start und Ziel 660 Meter. Alpine Grundausrüstung und wetterfeste Kleidung sind unerlässlich.

Die Aufführung endet gegen 14 Uhr. Am Ziel, der Martin-Busch-Hütte, setzt man sich zusammen. Die Teilnehmer und die Mitwirkenden können sich über die Eindrücke unterhalten. Der Rückweg dauert dann noch einmal zweieinhalb Stunden. RBR

Mehr Infos unter: www.vent.at, ww.friedl-wandertheater.oetztal.com, www.torren.at

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