Traditionstheater kämpft ums Überleben: Jetzt geht's gegen die Stadt

Die Theaterspiele in der Glyptothek gehen mit "Dionysos" und "Antigone" in die nächste Runde – und hadern mit der Stadt.
von  Michael Stadler
Das „Dionysos“-Ensemble: Christine Garbe (Dionysos), Julia Gröbl (hinten), Rainer Haustein (hinten links), die Cellistin Katerina Giannitsioti und Martin Schülke (re). Fotos:
Das „Dionysos“-Ensemble: Christine Garbe (Dionysos), Julia Gröbl (hinten), Rainer Haustein (hinten links), die Cellistin Katerina Giannitsioti und Martin Schülke (re). Fotos: © Astrid Ackermann

Klar, die Hitze hat auch dem Team der Theaterspiele Glyptothek zu schaffen gemacht. Auch wenn es schattige Plätzchen im weitflächigen Innenhof der Glyptothek durchaus gibt, in den man vom Königsplatz aus durch die Eingangstore und das angenehm kühle Foyer der Glyptothek gelangt.

Aber das vierköpfige Darstellerteam ist immer wieder der Sonne ausgesetzt, sieht dabei recht munter aus, wie sie da proben und mit Cello und Cajón Musik machen, während Regisseur und Co-Intendant Sven Schöcker, eine Baseballkappe als Sonnenschutz auf dem Kopf, am Rande sitzt und von seiner Arbeit erzählt.

Das Team ist wechselnde Wetterlagen gewohnt: "In anderen Jahren regnet es viel, da müssen wir auch immer wieder rein." Das Reingehen, also Proben in Probenräumen ist dabei ein nicht zu unterschätzender Kostenpunkt. "Man merkt an allen Ecken und Enden, dass wir in München ein Raumproblem haben, gerade für freie Künstler. Die Stadt ist dicht, es ist kaum ein Raum frei, und wenn, ist das oft unverhältnismäßig teuer."

Die Intendanten der Theaterspiele: Alex Novak (li.) und Sven Schöcker.
Die Intendanten der Theaterspiele: Alex Novak (li.) und Sven Schöcker. © Astrid Ackermann

 

Nicht nur in Sachen Probenräume drückt der Schuh. Vor allem die Situation am Königsplatz beschäftigt die beiden Theaterspiele-Leiter Schöcker und Alex Novak verstärkt. Die alle zwei Jahre stattfindende Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) macht sich auf dem Königsplatz so breit, dass der Zugang zur Glyptothek stark beeinträchtigt ist. Zudem lässt die Stadt Open-Air-Veranstaltungen am Königsplatz zu – an bis zu vier Wochenenden.

Wenn zum Beispiel Nick Cave und seine Band am Sonntag, den 23. August, live auf dem Königsplatz spielen, brauchen die Glyptothek-Spieler gar nicht erst antreten. An zwei Wochenenden im August weichen sie in den Morgen aus, spielen um 10 Uhr. Was eine Lösung ist, aber kein dauerhafter Zustand. "Ich habe Verständnis dafür, dass die Leute auch gerne zu Konzerten gehen", sagt Sven Schöcker. "Dass die Stadt aber die eine Kunst gegen die andere ausspielt, ist nicht in Ordnung."

Es gibt keinen Zuschuss von der Stadt 

Die Theaterspiele Glyptothek bekommen seit jeher keine städtischen Zuschüsse, erwirtschaften alles im Eigenbetrieb, komplett auf eigenes Risiko. Normalerweise, schätzt Sven Schöcker, kommen während einer Sommersaison im Schnitt siebentausend Besucher, um sich ein antikes Stück in idyllischer Atmosphäre anzuschauen. Da die Konkurrenz mit musikalischen und anderen Veranstaltungen jedoch zum Regelfall geworden ist, müssen die Theatermacher regelmäßig mit starken Einbußen rechnen:

"Pro Abend kommen bei uns potenziell um die dreihundert Gäste", so Schöcker. "Die fallen einfach mal weg, wenn wir eine Vorstellung ausfallen lassen müssen. Die Stadt will kulturelle Vielfalt anbieten, ist aber nicht daran interessiert, ein Theater, das es seit 36 Jahren gibt, irgendwie zu unterstützen. Der Stadtrat fällt Entscheidungen zugunsten der Großveranstalter, redet aber kein einziges Mal mit uns."

Das soll sich ändern. Schöcker und Novak werden im Rahmen einer Petition Unterschriften sammeln, auch bei den Aufführungen. "Wenn über 8000 Stimmen zusammenkommen, muss sich die Stadt mit uns beschäftigen", so Schöcker. Die Lage für freie Theater ist prekär, einige kleine Bühnen mussten bereits schließen. "Die Theaterspiele gehen weiter, aber mit einigen erheblichen Schwierigkeiten."

Das Ensemble
Das Ensemble © Astrid Ackermann

Eigentlich wollte man ja mit Schöcker über ganz andere Dinge reden: über den Rausch des Theaters, das Dionysische, das den Theaterspielen Glyptothek von Grund auf zu eigen ist – und nun sogar im Titel des Stückes steckt, das Schöcker gerade mit seinem Ensemble einstudiert. Mit "Dionysos" hat Roland Schimmelpfennig seine Übersetzung von Euripides’ letzter Tragödie "Die Bakchen" betitelt.

Das Stück gilt als eines der komplexesten Dramen der griechischen Antike. "Goethe hat es als das ,grausamste’ bezeichnet", erzählt Sven Schöcker. "Wobei ich mir selbst gar nicht so sicher bin, ob es so grausam ist. Es ist auf jeden Fall sehr widersprüchlich: Dionysos erscheint auf den ersten Blick als ,böse’, aber er hat auch gute Seiten – so, wie man das eigentlich auch heute über jeden Politiker, sogar Trump sagen kann."

Die Frauen werden in einen wilden Rausch versetzt 

Vor allem erzählt das Stück eine Rachegeschichte: Dionysos, der Gott des Weines und der Ekstase, kehrt nach Theben zurück und muss feststellen, dass die Königsfamilie seine Gottheit infrage stellt. Aus Vergeltungslust versetzt er die Frauen der Stadt in einen wilden Rausch. Sie werden zu den Bakchen, die in den Wäldern und Bergen leben und deren Furor so zerstörerisch ist, dass ihre Anführerin Agaue, die Mutter des Herrschers Pentheus, ihren Sohn im Wahn für ein wildes Tier hält und zerreißt. Als einen Akt der Emanzipation, der Befreiung von männlicher Herrschaft kann man diese finale Gewalt-Tat möglicherweise verstehen. Zu dieser Lesart ist Schöcker erst während der Probenzeit gekommen.

Ob er den Splatter, der in dem Stoff steckt, sichtbar auf die Bühne bringen sollte, darüber hat er mit seinem Ensemble diskutiert und findet eher, dass die Gewalt in der Sprache bleiben sollte.

Sowieso, die Sprache. Sie war und ist besonders zentral bei den Theaterspielen Glyptothek. Dass die (übersetzten) antiken Sätze möglichst präzise und plastisch in den Ohren des Publikums landen, ist eine Hauptaufgabe für Regie und Darsteller, daran arbeiten sie wochenlang. "Ich suche vor allem die Klarheit im Text, das Fühlen und Spüren, das mit ihnen transportiert wird", sagt Schöcker. "Wir versuchen natürlich auch, einiges in Aktion umzusetzen, aber im griechischen Drama ist es nun mal gang und gäbe, dass viel gesprochen und Handlung erzählt wird. Unterstützend kommt bei uns die Musik dazu."

Mit der Konzentration auf die Spracharbeit steht Schöcker ganz in der Tradition seiner Vorgänger. Von 1991 bis 2022 leiteten Beles Adam und Gunnar Petersen das von ihnen gegründete Sommertheater. Beide führten Regie und spielten in den Produktionen auch oft mit. Nach dreißig Jahren erschien ein Führungswechsel sinnvoll, wenngleich das Gründerpaar sich mit dem Loslassen ein bisschen schwertat. Die Übernahme fand deshalb Schritt für Schritt statt: Schöcker, der seit 2013 zum Stammensemble gehörte, führte 2019 bei "Philoktet" erstmals Regie und übernahm 2023 die Leitung mit Alex Novak, der vornehmlich als Regisseur arbeitet. Schöcker und Novak kannten sich schon länger: Sein erstes Engagement hatte Schöcker am Theater Tonne in Reutlingen, unter dem Intendanten Novak.

"Wir sind ein Theater, kein Biergarten"

Die Regieaufgaben teilen sich die beiden Leiter nun unter sich auf: Schöcker inszeniert in diesem Jahr "Dionysos"(Premiere am 8. Juli), Novak "Antigone" (Premiere am 15. Juli). Zudem wird Schöckers Inszenierung von "Kassandra" wieder aufgenommen (ab dem 8. August).

Bei aller Traditionspflege probieren beide beständig Neues aus. So wird Dionysos bei Schöcker von einer Frau, Christine Garbe, verkörpert, und mitunter changiert das Ensemble in den Rollen und Spielhaltungen. Die Tradition, dass im Eintrittspreis auch die kulinarische Versorgung mit Wasser, Wein und Brot inkludiert ist, halten Schöcker und Novak aufrecht: "Wir haben einen tollen Winzer aus der Pfalz, der uns mit Wein versorgt." Zusätzlich kann das Publikum Oliven und Käse bestellen, zu moderaten Preisen. Zuschauer, die eigenes Essen mitbringen wollen, bittet Schöcker um Verständnis: "Wir sind ein Theater, kein Biergarten."

Angesichts der finanziellen Lage der Theaterspiele erscheint jede Art der Unterstützung umso mehr willkommen. Wer einmal in den Genuss eines antiken Dramas im Innenhof der Glyptothek gekommen ist, wird sich wünschen, dass diese Theatertradition erhalten bleibt.

Allein schon die Kenntnis und Begeisterung, mit der Sven Schöcker über antike Mythen spricht, reißt einen beim Zuhören mit: "Es ist einfach toll, wie symbolhaft und voller Fantasie diese Stücke sind. Man möchte kaum glauben, dass sie vor über 2000 Jahren geschrieben wurden. Dass sie dieses allgemein Menschliche mit allen Leidenschaften bereits in sich haben und in unsere Zeit sprechen."

In den antiken Dramen findet Sven Schöcker eine "Beseeltheit", die man in unserer Gesellschaft mitunter vermisst. Kein Wunder also, dass die Theaterspiele das Publikum anziehen - in Zukunft hoffentlich auch mit Unterstützung der Stadt.

Theaterspiele Glyptothek, Innenhof, Königsplatz, 8. Juli bis 12. September, Programm und Karten: www.theaterspieleglyptothek.de, Wetter- und Kartentelephon: 089 52 30 44 66

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