David Martons zauberhafte "La Sonnambula" nach Bellini

Die Kammerspiele sind jetzt auch Opernhaus: Vincenzo Bellinis „La Sonnambula“, mit Liebe dekonstruiert von David Marton in der Kammer 3
| Robert Braunmüller
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Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Christian Friedländer 5 Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Christian Friedländer 5 Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Christian Friedländer 5 Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Christian Friedländer 5 Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.
Christian Friedländer 5 Bellinis "La Sonnambula" in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.

Der Abend ist überflüssig. Weder „Mein Kampf“, noch die Flüchtlingsfrage oder sonst eine hochwichtige politische Aktualität werden hier verhandelt. Und an Opern ist in München auch kein Mangel. Die erste Neuinszenierung des neuen Opernhauses in den Kammerspielen endet auch noch mit dem allerschlimmsten Kitsch: einem Kuss unter Verliebten als Happy End.

Ist das nicht fürchterlich? Oder noch schlimmer? Nein! Denn David Marton hat Vincenzo Bellinis empfindsam-künstliche Opern-Nichtigkeit „La Sonnambula“ zauberhaft ins Leben übersetzt. Und zwar so, dass man hinterher sagt: Die gediegene Aufführung dieser Oper durch das Gärtnerplatztheater ist ja recht schön. Aber eigentlich ist diese charmante Dekonstruktion so schön, dass man Belcanto nie mehr ander erleben möchte. Denn Marton setzt den Satz des Bildhauers Auguste Rodin wieder einmal ins Recht: „Schöner als eine schöne Sache ist die Ruine einer schönen Sache“.

Am Beginn schaut man auf einen Wolkenstore. Endlich mal ein richtiger Vorhang, den einem das Regietheater sonst fast immer verweigert. Dann erscheint ein leicht verschlafener, bärtiger Intellektueller vor diesem. Er erklärt uns mit Worten von Marcel Duchamp, worum es in Bellinis Oper geht: um Junggesellen und Bräute.

Mit dem berühmten Flaschentrockner

Dann wir befinden uns in einer leicht balkanisch angefaulten Land-Bar mit Glasbausteinen und Sperrmüll-Möbeln. Ein Befrackter dirigiert, der junge Mann verbeißt sich am Klavier in eine hämmernde Quintenfigur aus Bellinis Introduktion. Später legt Amina die alte Gesamtaufnahme mit Maria Callas auf. Immer wieder werden die süchtigmachenden Stellen der Oper bis zur Neige ausgekostet und der italienische Wiederholungswille sanft parodiert.
Wer „La Sonnambula“ schon einmal gesehen hat, erkennt in der blonden Kurzhaar-Dame bald die Wirtin Lisa, die ein Auge auf Aminas Bräutigam Elvino geworfen hat. Sie steckt Flaschen auf den berühmtesten Trockner der Kunstgeschichte und verwandelt Bellinis Musik mit rauchiger Stimme in italienische Schlager.

Wenn einem David Marton im Interview erklärt, wie nahe Bellini der italienischen Jahrmarktsmusik steht, schießt einem schon mal der Gedanke durch den Kopf, dass der Regisseur scheunentorweit offen stehende Türen mit Karacho einrennt. Aber bekanntlich zählt im Theater nicht das Gerede, sondern nur, was auf der Bühne passiert. Marton hat eine Darstellerin, die seine These beweisen kann: Jelena Kulji(´c) röhrt ihre Arien wie Gianna Nannini. Bellini bleibt da völlig unbeschädigt und erreicht eine ganz neue Qualität.

Die Handlung folgt locker der Oper. Der Graf ist ein stets gut gelaunter, kariert gekleideter Amerikaner (Paul Brody). Er singt seine Partie auf der Trompete und hält dabei manchmal eine Kaffeetasse in der Hand.

Amina, die hypersensible Schlafwandlerin, wird von der Regie uns ihrem Geliebten Elvino wie eine seltene Pflanze in einem Gewächshaus gehegt. Yuka Yanaghari hat als einzige eine echte Opernstimme. Hassan Akkouch singt den Elvino auch ohne absolviertes Konservatoriumsstudium unglaublich anrührend. Er wagt einen Walzer von Chopin auf jenem Klavier, dessen Deckel später die Bühne für das Schlafwandeln seiner Braut bilden wird.

Bisweilen merkt man, dass Marton früher mit Christoph Marthaler gearbeitet hat: in der Liebe zu schrulligen Figuren, der Gerümpel-Bühne (Christian Friedländer), Drehscheibentelefonen, einer Fototapete, gelegentlichem Chorgesang und der neugierigen Zeitlupen-Gruppe, die sich über Aminas vermeintliche Untreue wundert. Aber es ist trotzdem eine ganz eigenständige Arbeit: nicht so melancholisch, heiterer, mit mehr freundlicher Luftigkeit.

Endlich ist Lilienthals ästhetischer Knoten geplatzt

Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler und seine zahlreich erschienenen Mitarbeiter bejubelten die belebende Konkurrenz auf der anderen Seite der Maximilianstraße. Es kann in einer Stadt eben nie genug Oper geben.
Wir Belcanto-Connaisseure, die Bellinis „Sonnambula“ kennen, können nur ahnen, wie diese Aufführung auf Schauspielfanatiker wirken könnte. Vermutlich ähnlich zauberhaft. Beobachter, die bis zum letzten Romantikwestern alle Windungen der im Herbst angebrochenen Ära Lilienthal verfolgt haben, schwören feierlich: Endlich ist der Knoten an den Kammerspielen geplatzt. Mit Kunst, Künstlichkeit, Liebe und Oper. Das ist nicht ohne Ironie.

Kammer 3, wieder heute, am 7., 14. und 25. Februar, Karten unter Telefon 233 966 00

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