Das Gefühl, dabei zu sein

Auf Gut Immling hat das 17. Opernfestival mit Verdis „La Traviata“ im Chiemgau eröffnet. Und wieder beweist Intendant Ludwig Baumann
| Adrian Prechtel
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Szene aus Waltraud Lehners "Traviata"-Inszenierung in Immling.
Julia Binder 3 Szene aus Waltraud Lehners "Traviata"-Inszenierung in Immling.
Szene aus Waltraud Lehners "Traviata"-Inszenierung in Immling.
Julia Binder 3 Szene aus Waltraud Lehners "Traviata"-Inszenierung in Immling.
Szene aus Waltraud Lehners "Traviata"-Inszenierung in Immling.
Julia Binder 3 Szene aus Waltraud Lehners "Traviata"-Inszenierung in Immling.

Auf Gut Immling hat das 17. Opernfestival mit Verdis „La Traviata“ im Chiemgau eröffnet. Und wieder beweist Intendant Ludwig Baumann, dass hohes Niveau abseits der Städte möglich ist

Diese Oper beweist, dass gerade im wiegenden Dreivierteltakt – wenn also „alles Walzer“ ist – immer auch Melancholie in der Luft liegt. Die steht in einem prickelnden Gegensatz zur sommerlichen Festspielatmosphäre des einsamen Gutshofs mit weitem Blick Richtung Inn. Die erste große Premiere: Verdis oft gespielte „Traviata“, die sich hier packend und musikalisch perfekt zeigt.

Der von zehn Profisängern unterstützte Laienchor (letztlich wir selbst) in modernen schwarzgrauen Business-Kostümen wird in dieser klaren, einfallsreichen Inszenierung (Waltraud Lehner) dezent als lauernde Moral-Bestie interpretiert: Da blitzen für einen Moment die Champagnergläser wie Messer auf, als ob man die hassgeliebte Edelkourtisane Violetta niederstechen wollte. Dann wieder gibt es feiersüchtige Zuprost-La-Olas, und Bauern-Teeniejungs mit hippen Untercut-Frisuren steigen als Amoretten mit Luftballons aus einer „Some like-it-hot“-Torte oder sind Lust-Torreros auf einer Feier der Gastgeberin Flora (Julia Stein).

Bei allen originellen Einfällen ist die Inszenierung, mit elegant-kühlen schnörkellosen Sesseln, nie vergagt und bis in die Blumendekorationsdetails intelligent. Nicht nur durch den großzügig intimen Rahmen des großen Stadls ist der Zuschauer nah am Geschehen. Die Bühne läuft um das sichtbare Orchester herum, so dass man der Musik zuschauen kann, überragt von Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock. „Der Klang unserer Stadt“ wurde ins Chiemgau ausgeliehen, die Münchner Symphoniker sind das gut disponierte Opernorchester, dirigiert gemittet und ohne Mätzchen, aber mit packend bedrohlichen Todesposaunen.

Das Problem der Verdi-Komposition und der mitreißenden Persönlichkeit von Sonia Ciani, die Simone-Kermes-ähnlich eigentlich zu vital ist für eine Kranke, löst die stimmschöne Römerin durch Gefühlsintensität. Überhaupt gelang es dem italienischen Sängerpaar (mit Fulvio Oberto als Alfredo), das Publikum so zu erschüttern, dass viele schluchzten. Dazu trug auch der Regieeinfall bei, die heute besiegte Schwindsucht durch Krebskrankheit zu ersetzen – was das Entsetzen bei aller musikalischen Schönheit steigerte. Ergriffener Jubel.

 

Gut Immling, Shuttle-Service ab Endorf, 08055/ 903428 „La Traviata“, weitere Vorstellungen: 21.6., 28.6., 7.7., 21.7., 28.7., 3.8., 10.8., 39 – 112 Euro, Weitere Premieren: Donizetti: „Lucia di Lammermoor“, 6. Juli, Händel: „Alcina“, 1. & 8. August Weitere Abende: Verdi-Wagner-Gala (Sa, 22.6.), „Brandner Kaspar“ (ab 12.7.) sowie Kinder-Kulturveranstaltungen. www.gut-immling.de

 

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