Interview

Christine Eixenberger im Schlachthof: Macht und Mieten

Christine Eixenberger gastiert am Donnerstag mit ihrem neuen Programm im Schlachthof.
| Thomas Becker
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Die Kabarettistin Christine Eixenberger wollte mal aus der Rolle fallen und wurde - modisch gesehen - in der Zeit des Rokoko fündig.
Die Kabarettistin Christine Eixenberger wollte mal aus der Rolle fallen und wurde - modisch gesehen - in der Zeit des Rokoko fündig. © Foto: Matthias Robl

In ihrem neuen Programm "Einbildungsfreiheit" erzählt die Kabarettistin Christine Eixenberger pointenreich von Bürgern und Burgfräulein, von der Macht der Märkte und der Suche nach diesem einen, mystischen, bayerischsten aller Orte: dem ominösen "Dahoam".

AZ: Frau Eixenberger, für Ihr neues Programm posieren Sie im Marie-Antoinette-Outfit. Sie wissen schon, wie das mit der Dame ausging?CHRISTINE EIXENBERGER: Ich wollte diesmal ein Plakat haben, bei dem man stehen bleibt und auch nicht gleich weiß, um was es geht.

Journalisten sprechen von einer Stolper-Überschrift.
Ein Plakat, bei dem die Leute überlegen: Ist sie das wirklich? Und was in Herrgotts Namen will die Frau uns damit sagen? Als die Pandemie ausbrach, war ich auf Wohnungssuche, habe mich diesem Münchner Wohnungsmarkt hingegeben - und mich teilweise gefühlt, als müsste ich mich mancher Vermieterin wie einer Lehnsherrin gegenüber verhalten. Da geht es um Macht: "Wissen's, warum die 35-Quadratmeter-Wohnung 3.000 Euro im Monat kostet? Weil sie's kann!" Aber das Publikum wird überrascht sein, wenn es mich in meinem finalen Bühnen-Outfit sehen wird.

Der Programmtitel "Einbildungsfreiheit" ist auch so eine Stolper-Überschrift.
Ich hatte mir schon vor der Pandemie, bevor das Thema Freiheit so laut geworden ist, Gedanken darüber gemacht, wie frei wir eigentlich sind, wenn wir uns auf social media bewegen und denken, wir können die ganze Welt erfahren. Dabei sind wir Sklaven des Algorithmus.

"Ich habe  gemerkt, dass ich Sklavin meiner Heimat bin"

Wie ging Ihre Wohnungssuche aus?
Bis auf zwei Semester Jura in Passau war ich immer im Oberland verhaftet, wollte raus in die große weite Welt, Minga City, die ganze Welt an mich reißen, auch mal mit dem Radl zum Theater fahren. Hier draußen im Landkreis Miesbach ist bis auf das "Oberbräu" kulturell Brachland, eher Trachtenmarkt als Theater. Ich habe aber gemerkt, dass ich Sklavin meiner Heimat bin, dass man nicht so leicht weg kommt von allem, wie man das manchmal gern hätte. Das hat aber auch etwas Schönes. Letztlich habe ich Glück gehabt - und keine Wohnung gefunden. Mit dem Lockdown war es mit den Besichtigungen schnell vorbei und ich unverhofft froh, dass ich draußen auf dem Land war: Blick auf den Wendelstein, kann das Leben schöner sein?

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Wenn man Ihre Programmtitel anschaut, haben Sie schon einen Hang zur Viel-, statt zur Einsilbigkeit: "Lernbelästigung", "Fingerspitzenlösung" und jetzt "Einbildungsfreiheit". Hat das System?
Schon! Ich bin ein Fan von Neologismen, habe ja Grundschul-Lehramt studiert, Deutsch im Hauptfach, und gehöre zu denen, die bei der Titelsuche nicht irgendetwas nehmen. Die Leute sollen sich nicht direkt aufgehoben fühlen, sondern sich Gedanken machen.

Ist es eins dieser Programme, die schon seit Pandemiebeginn darauf warten, endlich gespielt zu werden, oder eher frischeren Datums?
Vor einem Jahr hatte ich zwei Vorpremieren, seitdem hat sich das Ding nochmal komplett verändert. Das Thema soziale Ungerechtigkeit war mir sehr wichtig. Doch zuletzt ist so viel in Sachen Bildung und Digitalisierung passiert, was unbedingt noch rein musste. Das hat dazu geführt, dass die erste Hälfte meiner ersten Vorpremiere eine Stunde und 45 Minuten dauerte. Ich hatte das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Das Publikum war komplett dehydriert, Katastrophe, aber gleichzeitig großartig. Denn die Leute sind so hungrig nach Kultur, die haben so einen Spaß gehabt! Zwischendurch habe ich gezweifelt, ob ich mich auf der Bühne noch so exponieren muss und diese Applaus-Geschichte noch brauche. Aber schon beim ersten Auftritt hab' ich gemerkt: Klar brauch' ich das! Wie ein Junkie, der nach längerer Zeit wieder einen Schuss kriegt. Schon schön, wenn man sich im Beruf wieder so bestätigt fühlt.

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"Das Klassenzimmer habe ich praktisch nur mit auf die Bühne genommen"

Und während der bühnenlosen Zeit konnten Sie sich mit Film und Fernsehen über Wasser halten?
Ich habe die letzten fünf Jahre unglaublich viel Glück gehabt, war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dieses zweite Standbein hat sich bezahlt gemacht. Zudem ist mein Hirn durch die Filmprojekte im Sommer auch beschäftigt geblieben. Mit meiner damaligen Agentin Angela Bassani habe ich außerdem die Aktion "Ohne Asche kein Phönix" gegen die kostenlose Streaming-Kultur gegründet. Das hat was mit Wertigkeit und Respekt vor dem zu tun, was man da künstlerisch macht. Wir haben aus dieser Protestbewegung heraus auch viele Gespräche mit Politikern geführt. Etwa zum Thema Planungssicherheit, Öffnungsstrategien, Künstlerinnenhilfen. Das war zermürbend, hat aber durchaus etwas gebracht. Es gibt aber schon einen Grund, weshalb wir keine Gewerkschaft oder keinen Dachverband haben, der alle Interessen vertreten kann.

Warum war der Lehrer-Job dann doch nichts für Sie?
2015 habe ich das erste Staatsexamen gemacht und bin dann mit meinem zweiten Solo-Programm komplett in die Selbständigkeit gegangen. Das Klassenzimmer habe ich praktisch nur mit auf die Bühne genommen.

Fehlen Ihnen die Kinder denn gar nicht?
Sie zahlen halt noch keinen Eintritt. Nein, ich hatte schon viel Praxis, habe neben dem Studium ein Jahr lang unterrichtet. Ein großartiger Job, der durch die Pandemie mehr Wertschätzung erhalten hat. Wenn alle Stricke gerissen wären, wäre ich auch in diesen Beruf zurückgegangen. Aber ich bin schon froh, dass ich das Homeschooling nicht mitmachen musste, sondern zur satirischen Nummer verwursten konnte. Die Berufe ähneln sich eigentlich sehr: Auch Pädagoginnen sind Entertainerinnen.

Es gibt nur weniger Applaus.
Und manchmal mehr Anwälte. Aber für die Zukunft: wer weiß…


Premiere: Schlachthof, Donnerstag, ausverkauft; 6.11. Holzkirchen, 13.11. Ebersberg, 2.12. Kulturzentrum Trudering, 4.12. Stadthalle Germering, mehr auf www.christine-eixenberger.de

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