Christian Löber spielt "Macbeth" in Amir Reza Koohestanis Regie

Amir Reza Koohestani inszeniert „Macbeth“ an den Kammerspielen als Spiel im Spiel, Christian Löber spielt die Titelrolle
| Michael Stadler
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Vor dem Mord an König Duncan hat Macbeth (Christian Löber) plötzlich einen Dolch in der Hand.
Thomas Aurin Vor dem Mord an König Duncan hat Macbeth (Christian Löber) plötzlich einen Dolch in der Hand.

Schon während der Intendanz von Johan Simons etablierte Christian Löber sich als zuverlässige Größe im Ensemble der Kammerspiele, als einer, der sich alle möglichen Handschriften scheinbar spielerisch leicht aneignen kann. Auch unter Matthias Lilienthal hat er bislang eindrucksvoll vielseitig gespielt, unter anderem in Christopher Rüpings Doppelvariante von Bertolt Brechts „Trommeln in der Nacht“. Dabei versuchten Christian Löber und die anderen Schauspieler, die Uraufführung des Stücks von 1922 detailgenau zu rekonstruieren – ein Retro-Spiel, so mehrschichtig, wie nun auch Amir Reza Koohestanis Variante von Shakespeares „Macbeth“ zu werden verspricht. Mit Löber als, ja, Macbeth?

AZ: Herr Löber, sind Sie nicht ein bisschen zu jung für Macbeth?
CHRISTIAN LÖBER (lacht): Also, ich denke, jedes Alter hat seine Wahrheit. So ein Stück wie „Macbeth“ könnten vielleicht auch Kinder spielen, das wäre vielleicht unglaublich toll! Die Konflikte, von denen William Shakespeare erzählt, gehen ja weit über einen hinaus. Sie zu stemmen, ist kaum zu schaffen auf einer Bühne. Deswegen glaube ich, dass man das mit jeder Wahrheit, egal, zu welcher Altersstufe man gehört, spielen kann.

Das Behaupten einer Welt bestimmt offenbar auch die Inszenierung. Laut Besetzungszettel spielen sie nicht nur die Rolle des Macbeth, sondern auch den Schauspieler, der Macbeth spielt.
Ja, das war Amirs große Sehnsucht, dass wir auch den Kampf mit Shakespeares Figuren zeigen, dass sich zum Beispiel im Scheitern des Schauspielers, der Macbeth spielen soll, das Scheitern von Macbeth spiegelt. Wir gehen insgesamt von einer Gruppe aus, die „Macbeth“ aufführen will. Weil der Regisseur gekündigt hat, übernimmt der Macbeth-Darsteller auch die Regiefunktion. Auch das eine Rolle, die zu groß für ihn ist. Es gibt nun zwar bereits eine Lady Macbeth, aber weil er seine eigene Frau in dieser Rolle besetzen will, wirft er die ursprüngliche Besetzung heraus. So entspinnen sich immer mehr Intrigen. Ein Karussell beginnt sich auf verschiedenen Ebenen zu drehen, die alle etwas mit Macbeth zu tun haben. Wobei irgendwann schwer zu durchschauen ist, auf welcher Spielebene man sich gerade eigentlich befindet.

Der Schauspieler, den Sie spielen und der Macbeth spielt, sind natürlich nicht Sie selbst.
Ja klar. Er ist eine Zusammensetzung aus verschiedenen Klischees und Anteilen meiner Persönlichkeit. Ein egomanischer Schauspieler und Regisseur, der genervt ist, wenn es nicht nach seinem Willen geht, und der vor allem Angst vorm Scheitern hat, wodurch er sich immer wieder verkrampft und sich selbst einengt.

Die Inszenierung passt genau in eine allgemeine Theaterdebatte: Manche sehnen sich nach klassischem Repräsentationstheater, inklusive Verschmelzen mit der Rolle. Andere meinen, dass diese Form des Theaters überholt ist.
Wenn ich auf einer Bühne sehe, dass jemand ernsthaft behauptet, er sei Macbeth, dann kann ich das selbst nicht ernst nehmen. Man kann das zwei Szenen lang probieren, vielleicht auch einen ganzen Abend über, aber es muss irgendwann ein Bruch stattfinden. Ich verstehe schon diese Sehnsucht nach „Einfühlungstheater“, die habe ich manchmal auch. Aber das Stück so runterzuspielen – das ist mir zu wenig.

Was braucht es denn für das Theater noch?
Es braucht eine Idee im Hier und Jetzt, durch die man mit dem Stück verstrickt ist. Ich glaube, dass man sich mit mir als Macbeth identifiziert, aber auch mit dem Kampf des Schauspielers. Manche Konflikte schrauben wir hoch, bis sie in einem Macbeth-Zitat enden. Bumms, fällt man in die Szene hinein. Damit haben wir eine Rampe gebaut, hin zu Macbeth.

An anderer Stelle braucht es diese Rampe nicht. Thomas Loibl spielt am Residenztheater Macbeth in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg. Auch Michael Fassbender wollte in der „Macbeth“- Verfilmung von 2015 bestimmt in der Rolle aufgehen.
Den Film habe ich nach zwanzig Minuten ausgeschaltet: ständig diese ballernde Musik und dieses angestrengte, böse Gucken. Aber klar, im Kino ist dieses naturalistische Spielen gang und gäbe, darin unterscheidet es sich vom Theater. Aber ich will mich immer wieder auf die Suche begeben. Dazu braucht es auch Mut. Man ist schnell abgelenkt, weil diese Suche etwas Zartes, Verletzliches ist und man sich leicht von Flapsigkeiten oder Kritik zurückstoßen gefühlt, selbst wenn das eigene Bauchgefühl einem etwas anderes sagt. Ich finde aber auch, dass das Theater vom kapitalistischen Erfolgsdenken befreit sein sollte. Deswegen ist es absolut richtig und notwendig, dass auch mal eine Produktion scheitern darf. Das muss so ein Betrieb auffangen können. In der Kunst darf die Diktatur des Kapitalismus nicht gelten.

Damit stehen Sie auf einer Linie mit dem Theaterverständnis von Matthias Lilienthal.
Ja, auf jeden Fall. Sonst wäre ich ja nicht hier.

Gab es niemals die Enttäuschung in den letzten drei Jahren, nicht einfach mal eine Rolle zu spielen?
Natürlich. Das Ego klopft immer an. Aber wenn man das Theater als Ort wahrnimmt, wo sich die Gesellschaft mit sich auseinandersetzt, muss man mehr machen, als nur ein Märchen zu erzählen.
Also, Ego hinten anstellen. Ich habe auch den Eindruck, dass beim Applaus an den Kammerspielen sich fast immer die Gruppe vor dem Publikum verbeugt, aber nicht die einzelnen Schauspieler.
Ich weiß, das Publikum würde auch gerne dem Einzelnen Applaus spenden, das kann auch ein schöner Moment sein. Auf der anderen Seite geht es dadurch plötzlich wieder ums Ego, was ich nicht für richtig halte, weil Theater immer Teamwork ist. Der Applaus wird dann zu einer Art von Einzelbewertung – dem möchte ich mich gerne entziehen und genieße viel lieber den Applaus, den wir am Ende als Gruppe bekommen.

Wie hat sich der Wechsel von Johan Simons zu Lilienthal auf Ihr berufliches Leben ausgewirkt?
Ich glaube, ich fange langsam an, mich selbst als Künstler zu begreifen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Bei Johan Simons war alles richtig, das war eine tolle Zeit, auch, in diesem Ensemble zu sein. Aber dass ich mich auf Augenhöhe mit einem Regisseur fühle, als Künstler, der einen Teil der Autorschaft übernimmt und darin auch eine Freiheit fühlt, die er ausfüllen darf, ist mir erst jetzt gelungen. Auf diesen Weg haben mich beide Intendanten geführt.

Vor der Schauspielschule haben Sie, kaum zu glauben, als Automechaniker gearbeitet. Wie kam es denn zur Hinwendung zur Schauspielerei?
Ich wurde in Wolfhagen in der Nähe von Kassel geboren und bin dann in dem Dorf Altenstädt aufgewachsen. Meine Eltern betreiben einen Biobauernhof. Ich habe die Realschule bis zur Mittleren Reife besucht. Danach bekam ich einen Ausbildungsplatz bei Volkswagen als Industriemechaniker, das war so ein bisschen wie ein Sechser im Lotto. Nach der Ausbildung stand ich ein halbes Jahr am Fließband und schweißte im Dreischichten-Rhythmus den Polo-Auspuff. Mit Anfang 20 habe mich von VW für Weiterbildung freistellenlassen, später Maschinenbau studiert. Und im dritten Semester bin ich nach Kassel gezogen. Meine WG-Mitbewohnerin hat am Kasseler Staatstheater hospitiert…

…und brachte Sie in Berührung mit dem Theater?
Genau. Ich habe mir sieben Mal hintereinander eine kleine Produktion von „So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr“ von Theresa Walser angeschaut, weil es so geil war. Dann bin ich in den Jugendklub und habe über vier Jahre hinweg an diversen Schauspielschulen vorgesprochen. Ich bin immer in der ersten Runde rausgeflogen. Dann spielte ich am Staatstheater Kassel einen Pagen in „Don Karlos“. Der Regisseur Volker Schmalöer hatte irgendwie Spaß an mir und half mir bei der Vorbereitung der Vorsprechrollen. Dann war ich in der Endauswahl in Essen – und an der Ernst Busch. Ich habe in Berlin während der ersten zwei Semester noch an meiner Diplomarbeit geschrieben. So bin ich jetzt Diplomingenieur und Diplomschauspieler.

Gibt es denn irgendeine Parallele zwischen Maschinenbau und Schauspielerei?
Auf jeden Fall. In der Mathematik kommt man immer an einen gewissen Punkt, wo das Handwerk nicht mehr ausreicht. Dann muss man einen kreativen Schritt tun und es wird fast magisch. Die Quantenphysik oder die Tatsache, dass die Zeit nicht linear verläuft, da stoße ich an meine Grenzen, auch, weil ich im Studium nicht so weit gekommen bin, aber es interessiert mich sehr. Die allgemeine und insbesondere die spezielle Relativitätstheorie von Albert Einstein sind einfach schwer zu begreifen. Das löst in mir Demut aus und die ist angenehm. Wenn ich nun so ein Meisterwerk wie „Macbeth“ lese, geht mir das genauso. Dann habe ich eine Demut, dass es mich manchmal schauert.

Und weder Macbeth noch Albert Einstein lassen sich bewältigen.
Nein, man scheitert, bei beiden.

Aber geht wenigstens unter mit wehenden Fahnen?
Man geht auf jeden Fall unter mit dem Wissen, es versucht zu haben. 

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