Carolin Hartmann und Jonathan Müller spielen "Indien"

Simon Solberg inszeniert das Kultstück "Indien" im Volkstheater.
| Michael Stadler
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Carolin Hartmann und Jonathan Müller auf Inspektionsreise durch die Provinz in einem Remix von Josef Haders und Alfred Dorfers „Indien“.
Arno Declair 2 Carolin Hartmann und Jonathan Müller auf Inspektionsreise durch die Provinz in einem Remix von Josef Haders und Alfred Dorfers „Indien“.
Carolin Hartmann und Jonathan Müller auf Inspektionsreise durch die Provinz in einem Remix von Josef Haders und Alfred Dorfers „Indien“.
Arno Declair 2 Carolin Hartmann und Jonathan Müller auf Inspektionsreise durch die Provinz in einem Remix von Josef Haders und Alfred Dorfers „Indien“.

Es ist schon ein riskantes, wenn nicht vermessenes Unterfangen, "Indien" von Josef Hader und Alfred Dorfer auf die Bühne zu bringen. Zwar ließen die Kabarettisten einst ihre Idee, zwei spleenige Wirtshaus-und-Hotel-Inspektoren durch die österreichische Provinz zu schicken, tatsächlich in ein Theaterstück fließen, das sie selbst dann auch spielten. Später verwandelten sie mit Regisseur Paul Harather das Stück auch noch in ein Drehbuch und einen Film, der ihren Bekanntheitsgrad nach dem Kinostart 1993 noch mal beträchtlich erhöhte. Aber wer einmal den Film gesehen hat, bekommt das Duo Hader und Dorfer nicht mehr aus dem Kopf. Wer kann diesen beiden schon das Wasser reichen?

Trotz solcher möglicher Bedenken gab es immer wieder Theater, die das Wagnis mit dem Kult-Stück eingingen. Der Titel zieht ja auch Publikum. Und gerade jetzt erscheint der Stoff aktueller denn je, zumindest in den Augen des Volkstheaters. Denn derzeit müssen ja einige Reglements eingehalten werden; insofern könnten die Kontrolleure im Dienste der Pandemie-Eindämmung unterwegs sein und alle möglichen Orte, etwa Schlachthöfe, auf die Einhaltung der Hygienemaßnahmen überprüfen.

Relikte der Vergangenheit

Während ihres Trips durch das, hier bayerische, Ödland bekleckern sich Sabine Fellner und Heinz Bösel – sie bebrillt, also oberschlau; er eher schlichter gestrickt – mit Theater(tier)blut und streifen das Thema "Tönnies", so, wie die Inszenierung von Simon Solberg immer wieder entlang aktueller Diskurse surft, ohne lange bei einem einzelnen zu verweilen.

Zudem behauptet Solberg eine Sci-Fi-Zukunftsvision: Eine Art Museum mit hell erleuchteten Vitrinen hat er einrichten lassen, das von vier Schauspielstudierenden in regem Wechsel bespielt wird. Die Jungen figurieren als Relikte der Vergangenheit, zunächst vom Neandertaler bis hin zu jenen Menschen, die ständig in ihre Handys starren, wobei sie im Ausstellungskontext bereits als Überbleibsel des digitalen Zeitalters anmuten.

Den Beamten Fellner und Bösel hat Kostümbildnerin Johanna Bajohr den Look taffer Serien-Cops verpasst. Sie tragen kugelsichere Westen, was ihre Leiber fülliger erscheinen lässt – von der ranzigen Ausstrahlung eines Josef Hader als Bösel und seinem stoisch-hinterfotzigen Witz sind sie jedoch so weit entfernt wie das Schwein vom echten Wiener Schnitzel.

Solberg und sein Team waren so klug, den Vorbildern nicht nacheifern zu wollen, schlagen aber einen wesentlich direkteren Komödienton an, mit eher wenigen Stückanleihen, so dass der Titel "Indien" fast wie ein Etikettenschwindel wirkt. So stammt ein großer Teil der Dialoge gerade nicht von Hader und Dorfer, sondern der Text wurde irgendwie zeitgeistig zusammengemixt.

Nummernrevue mit Einlagen

Statt Ösi-Slang sprechen Carolin Hartmann und Jonathan Müller vorwiegend Hochdeutsch, auch wenn Müller zu Beginn, eher unangenehm witzelnd, die Sprechweise von Marcel Reich-Ranicki imitiert. Später verorten sich die Inspektoren in Bayern. Lustig ist das, wenn Carolin Hartmann rasant die Münchner Stadtteile und Vororte von A bis Z durchrappt.

Solche Einlagen bereiten im Lauf dieser atemlosen, von ihr und Jonathan Müller mit sportlicher Verve vollführten Nummernrevue ziemlich viel Vergnügen; andere rutschen in den schlichten Klamauk ab. Solberg lässt freisinnig wie fahrlässig alle möglichen Einfälle zu und schreckt mit seinem Duo selbst vor simplen Illustrationen nicht zurück. "Warum bin ich ein Mensch geworden, und der andere ein Hendl?", philosophiert Hartmann originalgetreu. Und Müller macht flügelschlagend das Hähnchen.

Zu Solbergs Bühnen-"Anything goes" gehört wie so oft das Einstreuen popkultureller Zitate, die man je nach Wissensstand einordnen kann oder halt nicht. Wer sich mit Soundtracks auskennt, mag zu Beginn Cliff Martinez‘ sphärischen Score zu "Solaris" erkennen oder später die Titelmelodie von "Game of Thrones". Und Stanley-Kubrick-Fans könnten in dem Affen, der passend zu Fellners/Bösels Abgaswerte-Test in einer der Vitrinen einen Auspuff hält und dessen Spitze eingehend betrachtet, einen Wiedergänger der Schimpansen sehen, die in Kubricks "2001" einen Monolithen anstarrten.

Lauter Zeichen, lauter Anspielungen. Irgendwie wird sich daraus schon ein kritischer Kommentar zur heutigen (Corona-)Gesellschaft ergeben, im Rückblick aus einer Zukunft, die es für die Protagonisten gar nicht gibt. "We Might Be Dead Tomorrow” der französischen Sängerin SoKo ist einer der Songs, den das Duo Hartmann und Müller einnehmend schön performt. Frau Fellner muss, plötzlich an Krebs erkrankt, mit ihrem nahenden Ende fertig werden und hofft auf die (indische) Magie der Reinkarnation. Wobei es doch eine Wende ins Münchnerische gibt: "Der Tod ist wie das Sendlinger Tor", wird zum Leitspruch. Vielleicht ist das Sterben nur eine Art Umsteigen auf eine andere Linie?

Vielleicht mehr was für draußen

Mit ausklappbaren Maßstäbe können Fellner und Bösel in gut geübter Schnelligkeit allerlei Requisiten markieren: Ski-Stöcke, ein Kofferradio, eine Kloschüssel uns so weiter. So ist alles im Fluss. Und keine Endstation in Sicht. Während Fellner an den ewigen Kreislauf glauben will, versucht Bösel, ihr Trost zu spenden. Dass für beide corona-bedingt jeder nahe Kontakt verboten ist, während Hader und Dorfer ihre Männerfreundschaft im Film erstaunlich körperintensiv zelebrieren durften, lösen Hartmann und Müller mit charmantem Witz auf, indem sie das Publikum zu stellvertretenden Kuscheleien auffordern. Wer zu zweit oder mit noch mehr Vertrauten ins Theater gekommen ist, darf sich ja gegenseitig umarmen und küssen. In diesem Moment wird der Abend buchstäblich berührend.

Ansonsten geht im Klamauk einiges an Sinn und Gefühl verloren. Den Kontrolleuren fehlt der rote Faden. Dabei muss erwähnt werden, dass die Premiere regenbedingt im Innern stattfand. Vielleicht machen ja manche brachiale Gags von Fellner und Bösel im Biergarten des Volkstheaters mehr Spaß.
    
Volkstheater; bei schönem Wetter im Biergarten, bei schlechtem auf der großen Bühne; nächste Aufführungen 20. und 30. August, 20 Uhr; 5., 9. und 13. September, 20 Uhr; Telefon 523 46 55
 

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