Carl Orff und ein Henze-Update: Auftakt zur Musiktheater-Biennale
Die Bühne ist mit leeren Getränkedosen gefüllt, der Schlagzeuger lässt mehrere davon mikrofonverstärkt aufploppen. Der Bariton besingt sehr, sehr ausführlich ein bekanntes Erfrischungsgetränk, das zwar nach Zitrone und Limette schmeckt, aber seit Jahren keinerlei Saft von Zitrusfrüchten enthält. Dann wird noch sehr viel Nebel in die Muffathalle geblasen. Und man bekommt starken Durst.
Aber das ist nicht das eigentliche Thema der ersten Premiere der seit dieser Ausgabe von Karin Beck und Manuela Kerer geleiteten Musiktheater-Biennale. Zara Alis „Codeborn“ handelt von einem, quantenphysikalischen Experiment, das nicht wirklich fassbar sei, weil es sowohl Versuchspersonen wie Betrachter verändere. So jedenfalls eingangs eine Stimme aus dem Off.
Eingelöst wird dieses Versprechen nicht. Ein Paar mit leichten Beziehungsproblemen fläzt sich auf einem Bett. Rot lackierte Uniformierte umgeben es und erweisen sich zugleich als tapfer mitspielende Mitglieder des begleitenden Ensemble Phace, die gegen Ende sogar eine eindrucksvolle Körperskulptur bilden dürfen.

Letztendlich passiert eine Stunde nur, was jeder einigermaßen geübte Theaterbesucher schon 1000-mal als existenzielle Gefangenschaft gesehen hat. Und der Mann liegt tot unter Pizzakartons, während sich das Regieduo Florentine Klepper und Deva Schubert in allerlei schön anzuschauende Lichteffekte rettet.
Doch kein Déjà-vu
Die Musik entfernt sich mit E-Gitarre und allerlei Sythesizer-Sounds der Neue-Musik-Üblichkeit, um sich der Pop-Sphäre anzunähern. Etwa die Hälfte ist kaum mehr als zugespielte Klangkulisse. Wenn gesungen wird, klingt es nach dem frühen, von Barockmusik beeinflusstem Benjamin Britten. Und der bombastische Schluss bringt dann zum wiederholten Mal Carl Orff und den Minimalismus zusammen.
Beim zweiten Abend glaubte man sich in einem Déjà-vu: Wieder kostümierte Instrumentalisten, diesmal vom Münchener Kammerorchester, wieder ein Drehteller als Bühne. Aber der Versuch des Komponisten Piyawat Louilarpprasert und der Regisseurin Amy Stebbins, dem Liederzyklus „Voices“ des Festival-Gründers Hans Werner Henze ein Update zu verpassen, wirkte erheblich stimmiger, weil es bei maximaler Offenheit nicht nur behauptete, gesellschaftlich wichtige Themen zu beackern.

Henzes Lieder stammen aus der linken Phase des Komponisten und zitieren sublimiert, aber unverkennbar den sozialkritischen Gestus von Hanns Eisler. Momentweise fühlt man sich in eine 1.-Mai-Demo versetzt. während die Inszenierung auf asiatische Sweatshops anspielt, in denen Wegwerf-Textilien produziert werden.
Später geht es um Versandhändler, staatliche Überwachungssoftware und die Ersetzbarkeit des Menschen durch Roboter, ehe dann die Magna Charta, das Grundgesetz und Henzes Partitur geschreddert werden. Und unvermeidlicherweise wird auch auf Donald Trump angespielt.
Lieber mal lachen
Im Unterschied zum prätentiösen Ernst von „Codeborn“ ist „V01CES//B0D1EZ“ verspielt. Gegen Ende wird ein Roboter geliefert, dessen Steuerung dem Team offenbar erheblichen Spaß gemacht hat. Dann geht es ein wenig um Selbstoptimierung. Später wird ein Paket mit roten Käppis geliefert, auf denen „Make Klassenkampf great again“ steht.
Die internationalen Studierenden des Masterstudiengangs Gesang geben sich viel Mühe mit ihrer deutschen Diktion, die noch ausbaufähig ist. Louilarpprasert setzt Henze eine Klangkulisse mit viel Schlagzeug entgegen. Das ist nicht viel, aber es reicht aus, um aus dem Liederzyklus eine runde Sache zu machen.

Und es ist ein Vorzug der einstündigen Aufführung, dass die kritische Botschaft zwar unmissverständlich bleibt, aber auch durch einen bissigen Humor gemildert wird, der Henze angesichts des Zustands der Welt fremd geblieben ist. Aber was hilft’s? Schlechte Laune ändert gar nichts, Humor ist wenigstens ein bisschen optimistisch.
„V01CES//B0D1EZ“ noch einmal am 11. Mai um 21 Uhr im Akademietheater. Die Biennale dauert bis zum 20. Mai.
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