Bertrand de Billy dirigiert am Marstallplatz

Bertrand de Billy leitet als Einspringer das Konzert des Bayerischen Staatsorchesters auf dem Marstallplatz
| Robert Braunmüller
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Der Dirigent Bertrand de Billy
Marco Borggreve Der Dirigent Bertrand de Billy

"Oper für alle“ feiert heuer sein 20-jähriges Jubiläum. Die traditionelle Live-Übertragung aus dem Nationaltheater beendet am 31. Juli die Festspiele. Das Konzert des Bayerischen Staatsorchesters am Marstallplatz leitet an diesem Samstag der Dirigent Bertrand de Billy. Pavol Breslik singt Arien von Donizetti, Verdi, Gounod und Bizet. Den Abend eröffnet das Jugendorchester Attacca mit der Ouvertüre zu Wagners „Rienzi“.

AZ: Herr de Billy, Sie springen für den erkrankten Constantinos Carydis ein. Wie schnell musste das gehen?

BERTRAND DE BILLY: Nikolaus Bachler, der Intendant der Staatsoper, hat mich am Montag angerufen und mich gefragt, ob ich das machen würde. Ich habe zugesagt, aber um eine Änderung des Programms gebeten: Ottorino Resphigis „Pini di Roma“ habe ich nie gemacht. Er hat mir dann die Auswahl überlassen.

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Was haben Sie ausgewählt?

Die zweite Suite aus Maurice Ravels „Daphnis und Chloe“ und den „Bolero“. Außerdem habe ich Pavol Breslik gefragt, ob er nicht auch etwas Französisches singen will. Er war sofort einverstanden und singt nun neben Verdi und Donizetti auch eine Arie aus Gounods „Roméo et Juliette“.

Warum haben Sie sich den „Tanz der Stunden“ von Amilcare Ponchielli ausgesucht?

Fast jeder, der Kinder hat, kennt dieses Stück, ohne jemals den Namen des Komponisten gehört zu haben: Es kommt in Walt Disneys Film „Fantasia“ vor. Strauße, Nilpferde, Elefanten und Alligatoren tanzen dazu Ballett.

Haben Sie schon oft solche Freiluftkonzerte dirigiert?

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In Wien, einmal vor Schloss Schönbrunn ein Konzert mit Anna Netrebko, Placido Domingo und Rolando Villazón. Und zweimal auf dem Heldenplatz. Um den Aufmarsch von Rechtsextremen zu verhindern, spielen dort seit 2013 am Tag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg die Wiener Symphoniker. Außerdem spricht ein Zeitzeuge – meist ein KZ-Überlebender.

Eignet sich die feingliedrige französische Musik überhaupt für ein Freiluftkonzert?

Claude Debussys „Nachmittag eines Faun“ würde ich nicht machen. Aber die „Daphnis“-Suite endet mit einem Sonnenaufgang und einem gewaltigen Tanz. Der ist nicht einfach für die Tontechnik, aber ich bin sicher: Es klappt.
Erfahrungsgemäß klingt Zartes mit Verstärkung besser wie Kraftmusik.

Ich sage in der Oper auch immer zu den Sängern: „Singen Sie leise, dann hören ihnen die Leute zu“.

Ist beim „Bolero“ der Dirigent nicht eigentlich überflüssig?

Man kann natürlich eine Riesen-Show abziehen und 80 Orgasmen durchleben. Aber die eigentliche Kontrolle hat der Trommler. Er wird auch vorne neben mir sitzen. Die alte Garde der französischen Dirgenten wie Pierre Monteux hat das Stück nur mit kleinen Gesten kontrolliert. Die eigentliche Arbeit passiert bei den Proben.

Worauf achten Sie da?

Der „Bolero“ ist viel feiner geschrieben, als man denkt. Jede der 17 Wiederholungen des Themas hat einen eigenen inneren Rhythmus und im Detail eine andere Phrasierung. Daran haben wir heute gearbeitet. In der Aufführung selbst lasse ich die Musiker einfach spielen.

Ist der „Bolero“ schwierig für das Orchester?

Alle Soli sind eine Zitterpartie: Sie liegen extrem hoch, und jeder hört, wenn etwas daneben geht. Ich möchte auch beim Anfang von Mahlers Fünfter nicht in der Haut des Solo-Trompeters stecken, der ganz allein beginnt. Aber etwas gehört dazu und sorgt für den nötigen Adrenalinschub.

Sie waren selber mal Orchestermusiker.

Ich habe Geige und Bratsche im Pariser Orchestre Colonne gespielt. Aber ohne feste Position, als Aushilfe. Am liebsten war ich der Stimmführer der zweiten Geigen: Das ist man mittendrin in der Musik.

Was würden Sie machen, wenn Sie nicht Dirigent geworden wären?

Meine Eltern haben sich um Behinderte gekümmert. Mein Bruder ist Chirurg, meine Schwester Ingenieurin – alles normale Leute. Ich bin der erste Musiker in meiner Familie. Als Kind habe ich im Knabenchor gesungen. Wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte, wäre ich wahrscheinlich Architekt. Oder Sozialarbeiter.

Marstallplatz (hinter der Oper), Samstag, 20 Uhr, Eintritt frei, keine Karten erforderlich. Das Mitbringen von harten und sperrigen Gegenständen wie Glasflaschen, Stühlen und Hockern ist laut Beschluss des Kreisverwaltungsreferats nicht gestattet

 

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