Barrie Kosky über "Die Nacht vor Weihnachten" im Nationaltheater: "Eine ganz tolle Familienoper"
In der Nacht vor dem ersten Advent bricht in der Bayerischen Staatsoper "Die Nacht vor Weihnachten" an. Der 1895 in St. Petersburg uraufgeführten Oper von Nikolai Rimski-Korsakow liegt die gleichnamige Erzählung von Nikolai Gogol zugrunde. Vladimir Jurowski dirigiert die Neuproduktion, Barrie Kosky inszeniert. Geprobt wurde teilweise in der Philharmonie am Gasteig.
AZ: Herr Kosky, wie feiern Sie Weihnachten?
BARRIE KOSKY: Als guten jüdischen Menschen hat für mich Weihnachten null Bedeutung. Ich stamme aus Australien, und da hat es an Weihnachten 40 Grad. Wir waren in dieser Zeit am Strand. Seit ich in Europa bin, konnte ich Weihnachten immer entkommen. In den letzten Jahren habe diese Zeit bei Freunden in Paris verbracht und typisches jüdisches Weihnachten gefeiert.
Und wie muss man sich das vorstellen?
Wir gehen in ein chinesisches Restaurant. Überall in der Welt, wenn man am 24. oder 25. Dezember ein chinesisches Restaurant besucht, wird man es voller Juden finden. Das ist die amerikanische und internationale jüdische Weihnachtstradition.

Rimski-Korsakows Oper trägt den Untertitel: "Ein wahres Weihnachtslied“. Was ist denn falsch an anderen Weihnachtsliedern?
Das ist eine Ironie von Nikolai Gogol. Man muss sich über zwei Dinge im Klaren sein: Es geht nicht um ein westliches, protestantisches Weihnachten mit Christbäumen und Santa Claus. Sondern um slawisches Weihnachten. Und zweitens handelt es sich nicht um Weihnachten, sondern um die Nacht davor. In der altslawischen Tradition ist das die Zeit der Wiedergeburt der Sonnengöttin - und damit bereits eine Vorahnung von Frühling.
"Ich liebe diese Dorfgeschichten"
Und welche Geschichte wird da erzählt?
Es war einmal ein ukrainisches Dorf, in das der Teufel kommt. Aber er ist kein deutscher Teufel und kein Mephisto, sondern eher eine Figur wie Puck. Er ist sauer, weil er vom malenden Schmied Wakula in der Kirche schlecht porträtiert wurde. Aus Rache klaut er den Mond. Außerdem gibt es eine Liebe, die nicht erwidert wird, weil die Frau von einem Prinzen träumt. Aus Witz bittet sie ihren Liebhaber, ihr die Schuhe der Zarin zu besorgen. Obendrein gibt es viele Besoffene, viel Freude und Melancholie, eine Hexe und eine schwarze Messe.

Trotzdem habe ich mich gefragt: Was interessiert Barrie Kosky daran?
Gogol ist nach Franz Kafka mein Lieblingsautor. Ich liebe diese Dorfgeschichten mit ihrer skurril-makabren Fantasie, erotischen Elementen und pantheistischer Religiosität. Außerdem ist "Die Nacht vor Weihnachten" als slawische Commedia dell’arte eine ganz tolle Familien-Oper. Und so etwas wollten Vladimir Jurowski und der Intendant Serge Dorny von mir.

Was verstehen Sie unter Pantheismus?
Das Gegenteil von christlich-jüdisch-muslimischem Monotheismus: Die Natur ist göttlich, und damit verbunden ist das Geheimnis des Lebens. Wagner war Pantheist, Rimski-Korsakow auch. Es ist ein Vorzug der "Nacht vor Weihnachten", dass die typischen Opernthemen wie Liebe, Rache und Verzweiflung darin nicht vorkommen. Es ist eine warme Winter-Umarmung mit toller, wunderbar instrumentierter Musik. Und weil ich davor "Lady Macbeth von Mzensk" und danach "Siegfried" inszeniere, sind die sechs Wochen München für mich eine tolle Erholung.
"Musik, die wächst, schwebt und fliegt"
Wie ukrainisch ist diese Oper?
Gogol hat sich in vielen Texten mit der Ukraine beschäftigt. Rimski-Korsakow hat fast wie später Bartók in den Dörfern Melodien gesammelt, die er benutzt hat. Die Oper zeigt, wie unabhängig die ukrainische Kultur von der russischen ist und zugleich, was beide Kulturen verbindet. Es ist eine schöne Metapher für das, was wir in der Politik leider nicht sehen. Aber es ist eine völlig unpolitische Oper.

Die Staatsoper empfiehlt den Besuch ab 10 Jahren.
Man kann die ganze Familie mitbringen. Es gibt viel Tanz, schöne Musik, die wächst, schwebt und fliegt. Die Szenen sind nicht sehr lang. Und man geht bester Laune nach Hause, nachdem man für ein paar Stunden alle Probleme dieser Welt hinter sich gelassen hat.
Peter Tschaikowsky hat den gleichen Stoff als "Pantöffelchen" vertont. Warum ist Rimski-Korsakows Oper besser?
Tschaikowsky war ein wunderbarer Puschkin-Versteher, aber er hatte keinen Zugang zu Gogol. Und man geht auch nicht zu Tschaikowsky, wenn man eine Komödie möchte. Rimski-Korsakow ist eine unterschätzte Schlüsselfigur der russischen Musik: Er baut auf der älteren Tradition von Glinka und Borodin auf und hat Strawinsky, Schostakowitsch und Prokofjew beeinflusst.

Auf Probenfotos sind Sie in der Philharmonie im Gasteig zu sehen. Was hat Sie dorthin verschlagen?
Wegen der Renovierung des Nationaltheaters mussten wir anfangs dort proben. Es gibt nichts Traurigeres als ein verlassenes Theater oder einen leeren Konzertsaal. Ich musste dort an die Textstelle aus Puccinis "Manon Lescaut" denken: "Sola, perduta, abbandonata!". Ich habe mich wie auf dem Friedhof gefühlt.
Die Premiere am 29. November um 18 Uhr ist ausverkauft. Wenige Restkarten für die Vorstellungen am 4., 7., 10., 13., 19. und 22. Dezember. BR-Klassik überträgt die Premiere ab 20.03 Uhr in allen Kulturwellen der ARD
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