Aus der Einsamkeit heraus: "Das Ereignis" im Werkraum

Einen Tag vor dieser Premiere im Werkraum der Kammerspiele konnte man Jovana Reisinger mit „Enjoy Schatz“ in der Therese-Giehse-Halle erleben. Was insofern interessant ist, weil auch Reisinger sich in ihrem Werk der Vermischung von Autobiografie und Fiktion hingibt. "Die Leute lieben Autofiktion!", meint sie, gibt aber zu bedenken, dass Autorinnen und ihre Figuren sowieso gerne verwechselt werden.
Eine der bekanntesten Vertreterin der Autofiktion ist Annie Ernaux. Womöglich ist die französische Literaturnobelpreisträgerin ein Vorbild für Jovana Reisinger, auch in ihrem Feminismus, wobei Ernaux wesentlich nüchterner in die Schatulle ihrer eigenen Erfahrungen greift, um aus ihnen schnörkellose Prosa zu gewinnen.
"Das Ereignis", 2000 vom Pariser Verlag Gallimard herausgebracht und erst zwanzig Jahre später in der deutschen Übersetzung erschienen, ist eines ihrer einprägsamsten Werke, als Buch selbst ein Ereignis, da bahnbrechend in seiner Darstellung einer spezifisch weiblichen Erfahrung.
Im Frankreich des Jahres 1963 waren sowohl Verhütung als auch Abtreibungen gesetzlich verboten, was die 23-jährige Literaturstudentin Annie nicht davon abhielt, in Folge einer ungewollten Schwangerschaft nach Möglichkeiten einer Abtreibung zu suchen. Ihr Ansinnen wurde von Ärzten barsch abgelehnt.
Ein progressiv erscheinender Kommilitone bot ihr anstatt Hilfe Sex an, da sie als Schwangere ja nicht schwanger werden könne. Zunehmend unter Druck unternahm sie selbst einen gefährlichen Abtreibungsversuch mit Stricknadeln. Letztlich bekam sie Kontakt zu einer dubiosen Engelmacherin, die ihr eine Sonde einführte, was zu einem blutigen Schwangerschaftsabbruch führte.
Nüchterner Rückblick
All das schildert Ernaux basierend auf alten Tagebucheinträgen im Rückblick, sachlich und klar. Als Tochter einer katholischen Familie, eingebunden in eine patriarchalische Ordnung, fühlte die junge Frau sich während ihrer peinvollen Odyssee zunehmend isoliert. Die Einsamkeit, die in dem Buch spürbar wird, kann erst im Nachhinein überwunden werden, eben genau dadurch, dass Ernaux von dem damaligen "Ereignis" erzählt und ihren Erfahrungshorizont einer potenziellen Leserschaft öffnet.

Im Theater ist das Publikum von Anfang an sichtbar da. Insofern erscheint es sinnig, dass Eva Bay im Werkraum der Kammerspiele gleich zu Beginn in direkten Kontakt mit dem Publikum tritt. Auf bunten Quadraten bis in die Ränge, unten in leichter U-Form angeordnet sitzen die Zuschauenden vor der leeren Bühne, deren Weite Bay für ihr Solo nutzen und mit ihrer Präsenz füllen wird. Die nackte, rohe Mauer hinten passt gut zu dem unverblümten Stil Ernaux' zu der harten Realität, die sie schildert.
Das Publikum involvieren
Sanft, fast zaghaft begrüßt Eva Bay den einen oder die andere aus dem Publikum mit einem "Hallo", möchte Namen wissen. Später adressiert sie Einzelne mit Figurennamen, macht aus ihnen Menschen aus Annies Umfeld, ohne dass sie mitspielen müssen. Es ist kein Mitmachtheater, sondern ein Solo, in das das Publikum möglichst involviert werden soll.
Teilnahme im Sinne von Anteilnahme. Einmal fragt Bay einen Mann aus dem Publikum, ob er einen an die Wand projizierten Gesetzestext vorlesen möchte. Er willigt ein, liest sehr ruhig, präzise vor, welche Strafen einst bei einer Abtreibung drohten, sowohl für die Abtreibende, als auch jene, die ihr dabei geholfen haben oder davon Bescheid wussten.

Den Text von Annie Ernaux hat Bay sich formidabel in ihren Körper gebracht. Ruhig und filigran in Diktion und Mimik erzählt sie die Geschichte, wird dabei selbst zur retrospektiv Erlebenden. Tränen schimmern mitunter in ihren Augen. Die Verzweiflung hier ist leise, nimmt umso stärker mit.
Bereichernde Erfahrung
Necati Öziri, der unter anderem als Theaterautor gearbeitet hat und von 2014 bis 2017 Dramaturg am Berliner Maxim Gorki Theater war, tut gut daran, in sein Regiedebüt nur minimal Ideen einzustreuen und sich vor allem auf die Ausdruckskraft seiner Darstellerin zu verlassen. Eine Soundcollage nimmt schon zu Beginn vorweg, welche Sätze im Gedächtnis kreisen werden – eine Apothekerin verweigert Annie zum Beispiel ein wichtiges Medikament: „Ohne Rezept kann ich ihnen das nicht geben.“
Einzelne markante Sätze aus Annies Tagebuch werden an die hintere Wand projiziert. Manche Passagen, etwa, wenn Ernaux ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse reflektiert, spricht Bay in ein Mikrofon. Manchmal erklingt ein leiser atmosphärischen Sound, Musik mischt sich zunehmend hinzu, gegen Ende schwillt sie an. Bay übertönt sie, das Licht nimmt an Kraft zu, wird sonnig.

Fazit: Eine traumatische Erfahrung kann wertvoll für sich und die anderen werden, indem man davon erzählt. Das Publikum im Werkraum erlebt "Das Ereignis" mit, in der Gemeinschaft, und spendet lautstark Dank.
Kammerspiele, noch einmal am Dienstag (2. Juni, 19.30 Uhr), anschließend Publikumsgespräch. Karten: Telefon 23396600; Eintritt 10 Euro/ermäßigt 5 Euro