August Everding: Persönliche Dokumente vom General

Das Stadtarchiv stellt am Samstag (18. Juli) den großen Nachlass von August Everding vor. Der „General“, wie er respektvoll genannt wurde, gilt als einer der bedeutendsten Theatermacher des 20. Jahrhunderts
| Karl Stankiewitz
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August Everding starb 1999. Seine Witwe überließ dem Stadtmuseum umfangreiche Dokumente.
August Everding starb 1999. Seine Witwe überließ dem Stadtmuseum umfangreiche Dokumente.

München – Am Tag der Offenen Tür an diesem 18. Juli stellt das Stadtarchiv in der Winzererstraße ausgewählte Stücke aus dem nunmehr erschlossenen Nachlass des 1999 verstorbenen Theatermannes August Everding der Öffentlichkeit vor. In einem Podiumsgespräch werden sich Gustava Everding, Mario Adorf und Kulturjournalist Gerhard Schmitt-Thiel an Everding und die Kammerspiele erinnern. Die Witwe hatte die umfangreichen Schriftstücke, Ton- und Filmdokumente, Fotos und Objekte im Oktober 2013 übergeben. Studierende der von Everding gegründeten Bayerischen Theaterakademie bieten Spielszenen und Aktionen. An Everding hat auch unser Autor Karl Stankiewitz lang zurück liegende Erinnerungen:

"Ein junger Mann aus dem Revier macht in München Karriere.“ So begann ich im Dezember 1953 einen Bericht für die „WAZ“, die große Regionalzeitung des Ruhrgebiets. Von dort nämlich war August Everding angeheuert worden. 30 Jahre vor dem Interview war er als Sohn eines Kirchenmusikers in Bottrop geboren worden. Inzwischen war er der einzige feste Regisseur und obendrein Direktionsmitglied an den städtischen Kammerspielen in München.

Dem Intendanten Hans Schweikart war er als Assistent von Fritz Kortner aufgefallen. Der junge Theatermann fiel in München, wie er mir sagte, „auf soliden Boden“. Trotzdem wagte er sich mit Vorliebe – und beträchtlichem Erfolg – an die allermodernsten Stücke, zumal an solche mit politischer Thematik. Die Heimkehrer-Tragödie „Draußen vor der Tür“ und die „Affäre Dreyfuss“ mit einem Massenaufgebot von erstklassigen Schauspielern waren erste Regiearbeiten.

Seine Hildesheimer-"Pastorale" wurde verrissen

Schließlich versuchte Everding, das Lebensgefühl seiner Generation mit dem britischen Stück „Blick zurück im Zorn“ auf der Bühne sichtbar zu machen. Mit seiner damals aktuellen Arbeit hatte Everding allerdings ein zwiespältiges Echo: der Einakter „Pastorale“ von Wolfgang Hildesheimer wurde von der Kritik einstimmig verrissen, die Inszenierung dagegen gerühmt. Im Interview ließ er erkennen, dass er selbst auch nicht viel von dem absurden Inhalt verstand, dass es aber Pflicht eines subventionierten Theaters sei, jungen Dramatikern bei ihren Gehversuchen zu helfen. Deshalb hatte der ehemalige Theologiestudent seinen geheimen Wunsch, klassische Dramen nach seinen Vorstellungen in Szene zu setzen, für eine Weile aufgeschoben.

Die nächsten Stationen waren vorgezeichnet für einen Theatermenschen, der sein Handwerk meisterhaft beherrschte: Schauspieldirektor (1960), Intendant (1963), Generalintendant aller bayerischen Staatstheater (1982), Präsident des Deutschen Bühnenvereins (1983), zuständig für 220 Theater. Zuletzt war ihm gar noch die Integration der DDR-Bühnen in ein gesamtdeutsches Theatersystem anvertraut.

Everding hat es stets verstanden, Trends und Moden des internationalen Bühnenschaffens frühzeitig publikumswirksam umzusetzen, auch wenn er selbst noch nicht von ihrem Wert überzeugt war. Und er hat es fast immer fertiggebracht, die jeweils Tonangebenden des Kulturbetriebs für seine – oft kameralistischen – Zwecke zu gewinnen. Einem Schöngeist und Schönredner, der ungeniert die Hand aufhält, gibt man gern. Sogar einen Flügel auf der mittelalterlichen Burg Grünwald als staatseigene Privatresidenz. So einer hatte selbstredend keine Feinde, höchstens „Nichtfreunde“, wie er seine Widersacher zu apostrophieren pflegte.

"Schlaugust" nannte er sich selbst

Sich selber bezeichnete er einmal, als ihm der Orden „Wider den tierischen Ernst“ verliehen wurde, als „Schlaugust“. Andere nannten ihn „Cleverding“, was er nicht so gern hörte. Einen solchen Könner, dem nie Kraft und Kreativität auszugehen schienen, konnten die Kulturtempel überall in der Welt brauchen. Everding inszenierte in Bayreuth, New York, Warschau, Chicago, Buenos Aires, Melbourne und London. Zwischendurch, von 1973 bis 1977, war er auch Intendant der Hamburger Staatsoper. Sein Prolog war identisch mit dem Titel eines seiner Bücher: „Die ganze Welt ist Bühne.“

In München kämpfte „der General“, wie man ihn im Münchner Kulturleben knapp titulierte, mit Ausdauer und Raffinesse für die Wiedereröffnung des Prinzregententheaters, was ihm 1985 mit einer „kleinen Lösung“ gelang, sowie für eine bessere Ausbildung der darstellenden Künstler. An der Hochschule für Musik konnte er schon 1985 eine Regie-Klasse eröffnen. Doch er wollte mehr. Denn alle bisherige Ausbildung habe „nicht das Gesamtkunstwerk Theater im Sinn“. Mit der Mehrheit der ihm stets wohlgesonnenen CSU und gegen den Widerstand aller Oppositionsparteien im Landtag, die sich gegen den staatlich subventionierten „Kulturzentralismus“ wehrten, setzte er schließlich die Bayerische Theaterakademie durch. Ein Theater-Coup sozusagen.

Und ein bundesweit einmaliges Modell, das den Steuerzahler zunächst 25 Millionen Mark kostete, während weitere sechs Millionen durch Spenden hereinkommen sollten. Everding, Professor und Präsident dieser Akademie, wollte dort „die Einzelkämpfer zusammenführen“: in Studiengängen für angehende Schauspieler, Sänger, Dramaturgen, Regisseure, Bühnenbildner, später auch für Bühnenverwaltungsberufe, Theaterpädagogen, Musical und Light-Design. „Mein Geniestreich“, lobte Everding selbst sein Modell. In gewohnter Bescheidenheit verglich er diese erste deutsche Theaterakademie schon mal mit der Philosophenschule des Platon.

Als Rentner erlebte August Everding doch noch die komplette Wiederherstellung und im November 1996 die insgesamt vierte Eröffnung des vierten Münchner Staatstheaters, wo seither nicht weniger als 1087 Besucher und 25 Musiker ihren Platz finden.1997 übernahm er die künstlerische Gesamtleitung des deutschen Pavillons auf der Expo 2000 in Hannover. Der Theatermacher und Theaterreformer, der sich so oft gegen kulturpolitische Widerstände durchgesetzt hatte, starb am 26. Januar 1999 an einem lange verheimlichten Krebsleiden. Die Bayerische Theaterakademie trägt seinen Namen. Sie ist, seit kurzem von Professor Hans-Jürgen Drescher geleitet, heute mit ihren acht Studiengängen die größte Ausbildungsstätte für Theaterberufe in Deutschland.

„Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten“

Auf drei Münchner Bühnen oder auswärts realisieren die Auszubildenden jedes Jahr durchschnittlich 40 eigene, meist stark beachtete Produktionen. Aktuell inszeniert wurde „Das Nest“ von Franz Xaver Kroetz (seit 5. Juli im Marstall). Schauspieler, Regisseure und andere Absolventen der Akademie ernten immer wieder angesehene Preise, zum Beispiel AZ-Sterne. Michael Stephan, der Direktor des Stadtarchivs, rühmt Everding als „eine der kulturpolitisch einflussreichsten Theaterpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“.

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Davon zeugt auch sein Nachlass. Die Materialien zur künstlerischen Karriere sowie zu seinen unermüdlichen kulturpolitischen Aktivitäten umfassen 49 Regalmeter. Neben persönlichen Unterlagen enthalten sie Korrespondenzen mit bedeutenden Kulturschaffenden, Verträge, Terminkalender, Regiebücher, Entwürfe für Inszenierungen, Partituren und Programmhefte, Auszeichnungen, aber auch Material über Lehrtätigkeit, Vorträge und Reden dieses Workaholics und vieles mehr.

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