Auf der Suche nach Kontakt: die Kammerspiele zeigen einen Theater-Live-Film

Kammerspiele online: Regisseur Visar Morina macht aus "Flüstern in stehenden Zügen" von Clemens J. Setz einen ästhetisch spannenden Theater-Live-Film.
| Michael Stadler
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Da hängt einer (Bekim Latifi) buchstäblich in der Luft und ist doch entschlossen, sich ein Stückchen Menschlichkeit zu erobern.
Da hängt einer (Bekim Latifi) buchstäblich in der Luft und ist doch entschlossen, sich ein Stückchen Menschlichkeit zu erobern. © Patrick Orth (Kameramann)

München - Dass man sich in Zeiten des Lockdowns verstärkt isoliert fühlt, braucht man niemandem, vor allem nicht Singles, zu sagen. Da Ausflüge entweder zu später Stunde verboten sind oder tagsüber zu Spießrutenläufen werden, bei denen man den potentiellen Virenschleudern im Supermarkt und auf dem Gehweg ausweicht, um sich ja nicht zu infizieren, ist der Rückzug in die eigenen vier Wände zur leidigen Gewohnheit geworden. Dabei gewinnen Laptops und Smartphone noch mehr an Bedeutung, weil man wenigstens ein paar Signale nach außen senden will.

Ein hochaktuelles Stück

Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz hat sein neues Werk "Flüstern in stehenden Zügen" noch vor dem Ausbruch der Pandemie geschrieben. Aber es wirkt wie ein Stück zum aktuellen Stand der Dinge. Mit seinem Protagonisten C. hat Setz eine solitäre Figur erfunden, die ausgerechnet beim Abtelefonieren diverser Spam-Telefon-Hotlines sich etwas zwischenmenschliche Nähe erhofft - ein seltsames Projekt, das einem doch gerade während dieses zweiten Lockdowns einfallen könnte.

Protagonist C. sucht aufmerksame Zuhörer

Immer wieder erfindet C. für sich neue Identitäten, gibt falsche Kontonummern durch, erzählt den Service-Angestellten (falsche) private Anekdoten, in der Hoffnung, dass irgendjemand mit Interesse und Empathie zuhören könnte. Und immer wieder wird C. wütend, wenn er doch nur von Menschen abgefertigt wird, die irgendwo in Osteuropa oder Spanien herumsitzen und ihren Job im Auftrag von Firmen tun, die als übelste Ausgeburten des Kapitalismus die Naivsten der Naiven schröpfen wollen.

Ein Szenario voller Sonnenuntergangswärme

Im Gegensatz zur bitteren sozialen Kälte in der Welt da draußen strahlt das Szenario, das Kostüm- und Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlovic im Werkraum der Kammerspiele eingerichtet hat, eine Sonnenuntergangswärme aus, die einen gar an die Geborgenheit des Mutterleibs denken lässt. Es ist ein angenehmes, gelb-orangenes Ambiente, ein leerer, heimeliger Innenraum, in dem C.s Sehnsüchte und Fantasien herumspuken. Von der Decke hängt ein dreieckiges Gebilde, in dem C. zu Beginn von Visar Morinas Inszenierung sitzt und affig herumschaukelt, während er seine ersten Anrufe tätigt.

Exakt gesetzte Stimmungswechsel

Da hängt einer buchstäblich in der Luft und ist doch entschlossen, sich ein Stückchen Menschlichkeit zu erobern. Mit exakt gesetzten Stimmungswechseln verkörpert Bekim Latifi diesen C. als einen zwischen Mitleid erregender Bedürftigkeit und gefährlicher Impulsivität pendelnden Nerd, der auch optisch mit seiner roten Kleidung inmitten weicher Gelbtöne als Störfaktor heraussticht. C. selbst ist eine Service-Kraft in einem Laden für Computerreparaturen, und wenn er eine Kundin berät, macht er das sehr freundlich, na klar, er will nicht so sein wie das entseelte, outgesourcte Hotline-Personal.

Neben C. gibt es da noch eine buntsträhnige Fantasiegestalt

Die Stimmen am anderen Ende der Leitung haben Visar Morina und sein Team (Dramaturgie: Harald Wolff) weitgehend herausgekürzt. Aus den zahlreichen Dialogen mit ausländischen Telefonagenten, die Clemens J. Setz doch recht redundant hintereinander reiht, wird hier ein einsamer Monolog, der auch C.s Lauschen miteinbegreift. Ganz alleine ist C. jedoch nicht: In zwei Plastikhüllen eingeschweißt und leicht erhöht über dem Boden stehend kann Leoni Schulz sich in C.s Kundin verwandeln, ist aber vor allem eine buntsträhnige Fantasiegestalt, zu der C. aufschaut wie zu einem göttlichen Wesen. Bei ihr findet er ein offenes Ohr, ob er nun davon erzählt, dass seine Mutter gestorben ist, oder dass Menschen in Zügen sich plötzlich flüsternd unterhalten, wenn es zu einem unverhofften Halt kommt. Ist das für Clemens J. Setz etwa ein utopischer Moment des intimen menschlichen Zusammenseins?

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Ein erfahrener Kameramann macht den Theater-Live-Film möglich

Eine Gemeinschaft im Theater ist jedenfalls derzeit nicht möglich, weshalb Visar Morina seine erste Theaterarbeit zunächst in einen "Theater-Live-Film" verwandelt hat. Dass er als Kinoregisseur ("Exil") genau weiß, wie mit den filmischen Mitteln umzugehen ist, und er mit Patrick Orth einen ebenso erfahrenen Kameramann an Bord geholt hat, ist dankenswerterweise spürbar. Die Handkamera folgt C. hautnah, bleibt aber auch mal stehen. Und als besonderes Gimmick spielen Morina und Orth immer wieder mit dem Bildformat: Durch eine schnelle Drehung des Kamerablicks wird aus dem bildschirmfüllenden Querformat ein schmales Längsformat, das an die Ästhetik der Smartphones erinnert. C. füllt dann das Bild voll aus, die Perspektive verengt sich wie bei einer Instagram-Story.

Erst gegen Ende sieht man den gesamten Bühnenraum in einer Totalen, erst dann gewinnt man als Zuschauer den Überblick. Bekim Latifi übt mit Leoni Schulz ein, wie das klingen sollte, wenn jemand Deutsch mit Akzent spricht, der Raum zwischen ihnen dehnt sich weit aus. Distanz zum anderen erzeugt man eben oft selbst. Und die Einsamkeit lässt sich nur im Wahn oder Traum überwinden.

Nächste Termine: 9.2. und am 25.2., 20 Uhr, Tickets unter: www.muenchner-kammerspiele.de

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