Auf der Müllkippe der Gesellschaft

„Tauberbach“: Elsie de Brauws neues Projekt mit Tänzern hat sich von einem Dokufilm und tauben Sängern inspirieren lassen
| Michael Stadler
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Szene aus "Tauberbach" in den Kammerspielen
Chris van den Beught Szene aus "Tauberbach" in den Kammerspielen

„Tauberbach“: Elsie de Brauws neues Projekt mit Tänzern hat sich von einem Dokufilm und tauben Sängern inspirieren lassen

Was passiert, wenn eine Schauspielerin, die aus jeder Rolle ein präzises psychologisches Porträt macht, mit professionellen Tänzern ein gemeinsames Projekt angeht? Elsie de Brauw, bekannt als „Schwester von“ oder „Wassa“, kann sehr schön davon erzählen. Heute hat „Tauberbach“, koproduziert mit der Compagnie les ballets C de la B, dem NT Gent und anderen europäischen Theatern, in den Kammerspielen Premiere.

Der Regisseur: Mit Alain Platel, Gründer von les ballets C de la B, wollte Elsie de Brauw unbedingt mal zusammenarbeiten. „Seine Aufführungen haben mich stets beeindruckt. Er erschafft eine ganz andere Welt auf der Bühne, so anders auch im Vergleich zu unserer Schauspielwelt, in der es diesen Rationalismus mit Texten gibt. Bei ihm geht alles direkt in den Bauch, was mich jedes Mal überwältigt. Daran wollte ich gerne mal teilhaben.“ Auf de Brauws Anfrage schickte Platel ihr Videos, den Dokumentarfilm „Estamira“ und eine Aufzeichnung des Gesangsprojekts „Tauber Bach“, die zur Grundlage des Projekts wurden.

Der Dokumentarfilm „Estamira“: In „Estamira" (2005) porträtiert Marcos Prado eine 63-jährige Frau, die wegen ihrer Schizophrenie in einer psychiatrischen Anstalt behandelt wird, jedoch immer wieder zu einer Müllhalde nahe Rio de Janeiro zurückkehrt, wo sie nach brauchbarem Abfall wühlt. Estamira, als Kind missbraucht und nun selbst Mutter, verliert sich in Wahnvorstellungen, überrascht mit klaren Ansichten. In dem Kleidermeer, das Platel auf der Bühne ausgebreitet hat, wird de Brauw diese Ausgestoßene der Gesellschaft verkörpern: „Sie ist verrückt, aber auch stolz und würdig. Die Tänzer können dabei alles sein, Tiere, Menschen, Gedanken, Erinnerungen. Diese Müllkippe, die kann auch im Kopf sein. Es geht um Transformationen: von rational zu irrational, von konkret zu abstrakt, von hart zu flüssig.“

Das Gesangsprojekt „Tauber Bach“: Der polnische Videokünstler Artur ¯mijewski studierte mit MusikerInnen der Musikhochschule Leipzig und dem Chor der Samuel-Heinicke-Schule für Schwerhörige und Gehörlose die Bachkantate „Jesus Christus, der du meine Seele“ ein. Im Oktober 2002 führten sie „Tauber Bach“ in der Leipziger Thomaskirche auf. De Brauw: „Die Musik klingt schön. Dann fangen die Kinder an zu singen, was seltsam klingt. Aber wie sie es machen, wie sie strahlen, das macht es noch schöner. Alles muss in unserer Welt so perfekt wie möglich sein. Aber das Nicht-Perfekte ergibt so viele Farben, so viele schöne Haken.“

Die ersten Proben: „Am Anfang habe ich nur geweint. Weil ich mich auch so eng fühlte. Ich bin mit dem Dramaturgen am Tisch gesessen, jeder Tänzer tanzte auf eine Musiknummer, die er sich ausgesucht hatte, und ich habe erst mal zugeschaut. Dann hat Alain zu mir gesagt, du, mach mal auch eine Bewegungsphrase. Und ich sagte, eine Bewegungsphrase? Das kann ich überhaupt nicht. Dann habe ich ein Solo mit einigen meiner Rollen als Entree gespielt. Die Tänzer verstanden nichts, weil ich auf Deutsch und Holländisch spielte. Dann hat Alain sie gefragt, ob sie mich imitieren könnten. Das konnten sie wiederum nicht richtig, aber sie bewegten sich, machten meinen Klang nach. Das war unglaublich. Wenn ich mit einer Rolle noch am Suchen bin, schaue ich mir oft Bilder im Museum an, um die Wörter anzureichern, oft mit etwas Abstraktem. Die Tänzer machten das auch mit dem, was ich gezeigt hatte.“

Die Worte und der Tanz: „Ich habe während den Proben Texte ausprobiert, aber das, was passierte, war schrecklich: Der Tanz drehte sich nur um das, was ich gesagt hatte. Die Wörter sollten Räume öffnen, der Tanz sollte Räume öffnen. Beides sollte gleichberechtigt existieren. Jetzt spreche ich Texte aus „Estemira“ und aus „Happy Days“ von Beckett. Bei Beckett sitzt auch eine Frau auf einem Haufen und versucht sich wohl zu fühlen.“

Zusammen tanzen: „Alain hat gesagt: Es soll so sein, dass die Tänzer dich total umhauen, dass du total durcheinander bist, damit du aus deinem Kopf kommst. Das haben die Tänzer auch gemacht. Dann fängt es an, dass Estemira merkt, dass sie auch einen Körper hat.“

Mozart-Arien: Neben der Musik aus „Tauber Bach“ werden auch drei Bach-Choräle und eine Mozart-Arie gesungen. „Ich bin keine Sängerin, sie auch nicht. Wir haben jeden Tag gesungen, was sehr schön war, weil wir uns damit alle in einem anderen Terrain bewegten.“ 

Die Zukunft: Mit den Tänzern wird de Brauw auf Tour sein, unter anderem in London, Amsterdam, Mailand. Danach kehrt sie nach Holland zurück – wo sie mit Johan Simons ab 2015 wieder leben wird. Wie sollen wir Münchner nur in Zukunft ohne sie und ihren Mann auskommen? „Das weiß ich auch nicht. Ich arbeite ja sehr gerne hier, und Johan arbeitet total gerne hier. Aber dass man sich nur am Wochenende sieht, dass man einen wichtigen Teil seines Lebens nicht teilt, ist sehr schwer. Aber es sind ja noch anderthalb Jahre bis dahin.“

Jetzt kommt erst mal ein Tanz über die Schönheit des Nicht-Perfekten: „Tauberbach“.

Premiere am 17. Januar in den Kammerspielen

 

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