Antonio Pappano über den Brexit

Der Dirigent Antonio Pappano über Opern im Kino, den Brexit, die italienischen Populisten und warum es mit der Bayerischen Staatsoper nicht geklappt hat
| Marco Frei
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Mit Münchens Orchestern wurde Antonio Pappano nie richtig warm. Auch in Bayreuth hielt es ihn nach dem „Lohengrin“ von 1999 nicht lang. In London ist er Platzhirsch.
Laurie Lewis Mit Münchens Orchestern wurde Antonio Pappano nie richtig warm. Auch in Bayreuth hielt es ihn nach dem „Lohengrin“ von 1999 nicht lang. In London ist er Platzhirsch.

Vor zehn Jahren startete das Royal Opera House (ROH) in London mit Live-Übertragungen in Kinos auf der ganzen Welt. Damit soll nicht nur das Haus unter das internationale Volk gebracht werden, sondern auch die Gattung Oper an sich.    Am Sonntag beginnt die neue Kino-Saison. Dann dirigiert Musikdirektor Antonio Pappano „Die Walküre“ von Richard Wagner – mit John Lundgren und Nina Stemme. Zudem leitet er in dieser Spielzeit Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ (Regie: Stefan Herheim) sowie Verdis „La forza del destino“ (Regie: Christof Loy).

Mit der AZ spricht der italo-britische Dirigent über die Auswahl, die Risiken des Brexit, den Rechtspopulismus und – über München, wo er als möglicher Nachfolger von Kirill Petrenko gehandelt wurde.

AZ: Herr Pappano, warum hat es nicht mit der Bayerischen Staatsoper geklappt?
ANTONIO PAPPANO: Das hat viele Gründe. Ich weiß, wie gut das Haus ist. Das Orchester und der Chor sind fabelhaft, und von Kirill Petrenko bin ich ein großer Fan. Es gibt jedoch Momente, da muss man sich klar entscheiden. Meine Zeit in London sollte ursprünglich 2020 enden, aber es ist anders gekommen – weil mein designierter Nachfolger zurückgetreten ist. Ich musste meinem Haus in London helfen. Ich bin sehr glücklich am Covent Garden.

Trotzdem wären Sie mit Ihrem breiten Repertoire perfekt für München gewesen. Auch die ROH-Übertragungen sind sehr divers: Wagners „Walküre“, Tschaikowskys „Pique Dame“ und Verdis „Forza del destino“. Warum gerade diese Werke?
Ich bin dem Wort sehr verbunden. Das Drama interessiert und fesselt mich überaus. Jeder Charakter und jede Geschichte erschüttert mich zutiefst. Wie kann man diese drei Opern verbinden? Was ist jeweils der dramaturgisch rote Faden? Für mich ist das die größte Herausforderung überhaupt, gerade um die Solisten brillieren zu lassen.

Wie meinen Sie das?
Meine Verantwortung als Dirigent ist es eben auch, die Bravour und Potenziale der Sänger freizulegen und darzustellen. Es geht also um eine Selbstverständlichkeit, die man erschaffen muss – eine Einheit des Gedankens. Das lässt sich aber nur erreichen, wenn man das große Ganze überblickt. Was die drei genannten Opern eint, ist eine profunde Traurigkeit und Schicksalsschwere. Aus unterschiedlichen Gründen geraten persönliche, familiäre, soziale Ordnungen ins Wanken.

Ist das zugleich eine Metapher für unsere Gegenwart, die sich derzeit ziemlich ungeordnet präsentiert?
Absolut. Dies ist doch der Grund, warum es das Theater überhaupt gibt. Das Theater möchte vor allem ein Publikum und eine Gemeinschaft herausbilden. Auf der Bühne geht es darum, eine Art Spiegelbild zu gerieren. Dieses Spiegelbild zeigt oftmals Konflikte auf, von denen wir hoffen, dass sie uns erspart bleiben. Aber man kann aus ihnen lernen, und genau darum geht es.

Zur Unordnung unserer Zeit zählt der Brexit. Welche Risiken sehen Sie für die Royal Opera?
Für die Opernhäuser ist das ein großes Risiko. Wenn ein Sänger erkrankt und am Tag einer Aufführung morgens absagt, haben wir sehr oft in Deutschland nach Sängern angefragt. Sie haben Aufführungen gerettet. Andererseits haben wir die Sorge, dass viele Sänger aus Europa von den drohenden Visa-Bestimmungen abgeschreckt werden könnten. Schlimmstenfalls müssen sie bei jedem Engagement erneut ein Visum beantragen. Sie werden mehrmals darüber nachdenken, ob sie sich diesen Aufwand antun. Ich hoffe sehr, dass sich durch den Brexit keine Tür schließt. Wir haben ja noch einige Monate bis zum Austritt Großbritanniens, und manchmal geschehen Wunder.

Andererseits erstarken allenthalben Rechtspopulisten – auch in Italien, wo Sie die Santa Cecilia in Rom leiten. Der Innenminister und Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini poltert gegen Flüchtlinge und Migration. Wie erleben Sie das?
Ich entstamme selbst gewissermaßen einer Flüchtlingsfamilie, bin ein Sohn von Auswanderern. Mit die größten Auswanderungswellen gingen von Italien aus, etwa in Gestalt der Gastarbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie kann es also sein, dass ausgerechnet Politiker in Italien gegen Auswanderer sind? Das ist paradox.

Dafür aber geht es der Santa Cecilia im Vergleich zu anderen Orchestern in Italien gut, oder?
Ja, die Santa Cecilia ist kulturpolitisch in einer vergleichsweise starken Position, aber: Die Regierung interessiert sich nicht für Musik. Ich weiß nicht, ob wir bereits auf einer Reduktionsliste stehen. Auch das ist besorgniserregend. Wir haben bereits Einsparungen erlebt und sind am Limit. In Italien ist man ständig im Krisenmodus. Man kann nicht frei atmen, unbeschwert weitermachen. Das ist typisch italienisch.

Die „Walküre“ wird am Sonntag ab 18 Uhr in die Kinos übertragen, in München im City Kino, im Mathäser, im Gloria-Palast, Rio, Neuen Rex, Kino Solln sowie im Filmeck Gräfelfing, Scala Fürstenfeldbruck sowie in Holzkirchen und anderen Orten der Region. Infos unter www.rohkinotickets.de, dort auch die weiteren Termine von Opern- und Ballettübertragungen

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