Anne Lenk über Becketts "Endspiel"

Im Spiel liegt Hoffnung. Oder ist die Apokalypse unaufhaltbar? Anne Lenk inszeniert Becketts „Endspiel“ im Residenztheater
| Michael Stadler
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Die Regisseurin Anne Lenk.
Thomas Aurin Die Regisseurin Anne Lenk.

Draußen herrscht Endzeitstimmung; drinnen spielen zwei Menschen die Rollen, an die sie sich über Jahre hinweg gewöhnt haben. Der blinde Hamm sitzt in seinem Rollstuhl und kommandiert seinen Diener Clov herum. Der möchte seinen Herrn eigentlich verlassen, aber kann nicht, weil Hamm die Kontrolle über die restlichen Lebensmittel hat. Oder will Clov nicht gehen, weil er an diesem seltsamen Verhältnis festhängt? Niemand kommt vom Fleck hier, auch nicht Hamms Eltern Nagg und Nell, die jeweils in einer Mülltonne ihr Dasein fristen und für kurze Momente ans Licht kommen. Samuel Becketts „Endspiel“ wurde im April 1957 am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt und wird weiterhin häufig gespielt: Robert Wilson hat den Stoff 2016 am Berliner Ensemble inszeniert, Dieter Dorn im gleichen Jahr bei den Salzburger Festspielen. Jetzt bringt Regisseurin Anne Lenk das Stück ins Residenztheater, mit Oliver Nägele als Hamm und Franz Pätzold als Clov.

AZ: Frau Lenk, Sie haben in Nürnberg zur Eröffnung der Spielzeit „Die Möwe“ inszeniert. Jetzt kurz darauf kommt das „Endspiel“. Konnten Sie eine Brücke von Tschechow zu Beckett schlagen?
ANNE LENK: Ich hatte tatsächlich noch nie so dicht zwei Inszenierungen hintereinander, fand das aber auch ganz belebend. Bei Tschechow ist das Tolle, dass die Figuren penibel genau geschrieben sind und alles klug gebaut ist: welches Alter die Figuren haben, wann sie auftreten, wie viel sie sagen oder veräußern. Man hat das Gefühl, wenn man sich für sie interessiert und für sein Team eine gute Probenatmosphäre herstellt, spielt sich das Stück fast von alleine. Stimmt aber natürlich nicht…

Und wie ist das bei Beckett?
Bei Beckett fragt man sich beim Lesen des Stücks: Was will der eigentlich? Und hat sofort Lust, viel quer bei Philosophen wie Hegel oder den Poststrukturalisten zu lesen. Dann geht man auf die Bühne und merkt, dass Beckett wirklich ein Theaterautor ist. Das ist ein Text, der sich erst im Spiel erklärt, der über sich hinausweist und je nachdem, wie man ihn spielt, andere Räume aufmacht. Sogar ganz konkret in Bezug auf das Bühnenbild: Man könnte etwa einen Vorratskeller bauen, der die Realität des Textes beglaubigt, hermetisch abriegelt. Oder einen Suggestionsraum, der Luft für anderes lässt.

Für was haben Sie sich mit Ihrer Bühnenbildnerin Judith Oswald entschieden?
Wir haben einen Suggestionsraum gewählt, interpretieren das Stück also frei, gemäß dem Spielzeitthema: „Das Spielen als politischer Akt“. Wir konzentrieren uns aufs Spielen, was ja ein kaum zu fassender Begriff ist. Das haben wir auch in den Proben gemerkt: Für manche Menschen hat das Spielen keine Nachhaltigkeit. Das finde ich aber nicht. Allein dadurch, dass es seine eigenen Regeln hat und man gewinnen oder verlieren kann, ist jedes Spiel stark emotional aufgeladen. Selbst bei Brettspielen gibt es Menschen, die sich davon gar nicht abgrenzen können. Mit diesem Satz „Es ist ja nur ein Spiel“ kann man sich kaum beruhigen, weil wir das Spielen als Simulation oder Erproben von Wirklichkeit verstehen und empfinden. Das Spielen hilft auch, Katastrophen irgendwie zu begreifen.

Hamm und Clov könnten zu den letzten Überlebenden einer Katastrophe gehören. Beckett schrieb das Stück zur Zeit des Kalten Krieges, und auch heute sprechen wir wieder von Endzeitstimmung.
Ich frage mich ja immer, ob nicht eh schon alles kaputt ist. Insofern könnten wir das Stück auch jetzt spielen lassen und sagen: Wir wissen, dass der Zuschauerraum voller Menschen ist, die sind aber eigentlich nur noch Funktionsträger. Die Leute arbeiten immer mehr und verbringen immer weniger Zeit mit sich und den anderen, mit den schönen Dingen des Lebens. Und sie gehen auch nur zur Arbeit, um sich dann Dinge kaufen zu können, die sie eigentlich nicht brauchen. Aber was für eine Katastrophe ist eigentlich passiert? Vielleicht die kognitive Revolution? Seitdem der Mensch angefangen hat zu denken, kreist er einerseits nur noch um sich selbst. Andererseits erfand er den Fortschritt und alle möglichen anderen Dinge, mit denen er den Planeten, auf dem er lebt, zerstört.

Bei Beckett gibt es aber auch Stillstand und Warterei. Womit es doch Parallelen zu Tschechow gibt.
Ja, bei beiden stellt sich auch immer die Frage: Ist es eine Komödie oder eine Tragödie? Man kann über das, was da passiert, sehr viel lachen, aber eigentlich ist alles traurig: diese Tristheit des Alltags, diese ständigen Wiederholungen. Hamm und Clov sind wie ein Ehepaar, das jeden Tag das Gleiche macht und die Wertschätzung für den anderen verloren hat. Ich musste auch an Loriot-Sketche denken, die sich mit der bürgerlichen Welt auseinandersetzen, den Routinen und Ritualen, mit denen sich die Menschen ihre Sicherheit bauen und dabei in einer selbstverschuldeten Trägheit landen.

Vielleicht lieben sich Hamm und Clov auch ein bisschen?
Ja. Man kann die beiden auch als Vater und Sohn lesen, dazu kommen die Eltern von Hamm, die dann die Großeltern von Clov wären. Diese beiden Alten gibt es auch bei uns, was nicht in jeder Inszenierung so ist, aber wir fanden diese Familienkonstellation spannend. Apropos Katastrophe… Familie ist ja auch ein Begriff, der sich gerade jetzt verändert. Mir fällt auch auf, wie selten ich alte Leute in meinem Alltag sehe. Dieses alte Liebespaar im Stück finde ich sehr schön. Beide haben ihre Beine bei einem Tandemunfall verloren, was doch ein romantisches Bild ist: Sie sind so sehr miteinander verbunden, dass sie nicht auf getrennten Rädern sitzen mögen, sondern Tandem fahren.

Aber sie können sich in ihren Tonnen nicht gegenseitig berühren.
Ja, es ist wohl jetzt eine Fernbeziehung… Bei uns ist das stilisierter, sie stecken nicht ganz in einer Tonne, aber man hat eine hübsche Reminiszenz durch sie an eine alte Welt, an das alte, schöne Europa. Dann kommt die Generation Hamm, der ein rabiater Patriarch ist. Und dann kommt Clov, der einen Ausblick auf eine junge Führungselite gibt, die als nächstes die Macht übernehmen könnte.

Wäre er ein besserer Herrscher?
Nein. Und damit sind wir stark bei unserer derzeitigen politischen Situation. Was ist mit einem Menschen, der immer zu kurz gekommen ist und plötzlich die Macht übernimmt? Jemand, der aus einem Defizit heraus regiert, tun das oft aus einer Unsouveränität heraus, was wirklich gefährlich ist.

Gibt es denn Hoffnung im Stück?
Ich glaube ja. Die Hoffnung liegt im Spiel. Spielen bedeutet auch, verschiedene Rollen, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Ich kann die Dinge so oder auch anders sehen; ich kann verzweifeln oder einen Blick über die Situation hinaus werfen. Letztlich hat Beckett dabei eine Liebeserklärung an das Theater geschrieben. Er weiß, wie wichtig Theater ist, und zeigt uns den Homo ludens. Dass der Mensch von Grund auf spielt, ist eine lebenswichtige Qualität. Deshalb müssen wir auch nicht viel hinzufügen: Der Text reicht aus, wir spielen fast ungekürzt vom Blatt. Es geht vor allem um eine Begegnung zwischen Schauspielern, die ein Dasein erfinden, auf den Brettern, die die Welt bedeuten, aber diese nicht sind. Dieses Spiel ist wertvoll und wichtig – und kann uns vielleicht retten.

Residenztheater, Premiere am 16. November, 19.30 Uhr, Karten unter Telefon 2185 1940

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