Interview

Andreas Wiedermann: "Im Herzen Österreicher"

Andreas Wiedermann über die Situation seiner freien Grippe Opera Incognita und den Doppelabend mit Einaktern von Lortzing und d'Albert in der Allerheiligen Hofkirche.
| Robert Braunmüller
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Das Ensemble: Thomas Paul, Daniel Weiler, Ines Bergk, Carolin Ritter, Thomas Greimel und Manuel Kundinger.
Das Ensemble: Thomas Paul, Daniel Weiler, Ines Bergk, Carolin Ritter, Thomas Greimel und Manuel Kundinger. © Aylin Kaip

Regelmäßig zu dieser Jahreszeit bringen der Regisseur Andreas Wiedermann und der Dirigent Ernst Bartmann mit ihrer Truppe Opera incognita in München eine unbekannte Oper heraus. Heuer ist das eine Kombination aus Albert Lortzings "Die Opernprobe" und Eugen d’Alberts musikalischem Lustspiel "Die Abreise". Auf den ungewohnten Spielort, ihr zweites Markenzeichen, musste die freie Gruppe allerdings diesmal verzichten.

AZ: Herr Wiedermann, für freie Gruppen ist die Lage derzeit schwierig. Wie schaut es bei Opera incognita auf?
ANDREAS WIEDERMANN: Allein schon die Planungsunsicherheit ist der reine Wahnsinn. Wir saßen lange mit dem Taschenrechner da und konnten unseren Mitwirkenden erst im Juli sagen, was wir aufführen können. Einige Sänger, die wir angefragt haben, arbeiten derzeit anderswo, etwa in Informationszentren von Krankenhäusern.

Was ist aus Ihrer Sicht das Hauptproblem?
Die Abstandsregelung für das Publikum und die leeren Reihen ist alle privaten Gruppen und den Kinos der Super-Gau. Mit lediglich einem Drittel der verkauften Plätze ist keine Kostendeckung zu erzielen. Wir haben unsere Produktion auf den Cent genau gerechnet. Und wahrscheinlich muss uns auch unser Förderverein unterstützen.

Sie werden normalerweise von der Kulturstiftung der Stadtsparkasse und dem Bezirk Oberbayern gefördert.
Wir konnten diesmal keinen Antrag einreichen, weil wir diesmal zu spät dran waren. Wir hatten eigentlich ein anderes Projekt mit Chor, das wir nun um ein Jahr verschieben müssen. Außerdem wollten wir in der Uni spielen, was ebenfalls nicht möglich ist.

Ist Ihnen die Schlösserverwaltung bei der Miete entgegengekommen?
Ja, das muss ich fairerweise sagen. Sonst könnten wir nicht kostendeckend arbeiten.

Haben die Corona-Regeln auch Auswirkungen auf die Inszenierung?
Mit Abstandsregeln auf der Bühne fällt vieles weg, anderseits ist es eine Chance, von stereotypen Momenten wegzukommen, in denen der Tenor hinter dem Sopran steht. Die Kunst besteht darin, unter Corona-Bedingungen keine Corona-Aufführung hinzubekommen.

Muss man sich Ihre Aufführung so vorstellen, dass in der "Opernprobe" "Die Abreise" geprobt wird?
So ist es, als Stück im Stück und Spiel im Spiel. Der auftraggebende Freak der "Opernprobe" gibt "Die Abreise" in Auftrag und singt als begeisterter Amateur mit. Der Baron Reintal übernimmt den Tenorpart, die Tochter des Hauses die Ehefrau.

Mit Albert Lortzing verbindet jeder Opernbesucher eine bestimmte Vorstellung, mit Eugen d’Albert eher nicht, seit "Tiefland" kaum mehr gespielt wird.
Wir waren ganz begeistert von der Musik. "Die Abreise" verbindet vaudevilleartige Momente mit spätromantisch schwülen und jugendstilhaften Passagen. Es ist schwerer zu singen, als es klingt. Wir haben etwas Kompaktes gesucht, das dem Komödiencharakter der "Opernprobe" nicht widerspricht.

Warum sind Sie in die Allerheiligen Hofkirche gegangen?
Wir haben eine Reihe von Aufführungsorten geprüft. Die Allerheiligen Hofkirche war mehr oder weniger der einzige Raum, in dem eine Aufführung unter Einhaltung der Abstandsregeln möglich ist. Man braucht eine möglichst breite Bühnenfläche und die empfohlenen sechs Meter Abstand zur ersten Reihe lassen sich dort auch gut einhalten.

Gibt es noch Karten für die Aufführungen?
Wir sind nicht schlecht verkauft, aber es gibt noch Karten. Niemand sollte Angst haben, die Allerheiligen Hofkirche ist ein großer, hoher gut belüfteter Raum. Wir schaffen es auch, Gedränge am Eingang zu vermeiden. Die beiden Werke sind jedenfalls Preziosen. Es lohnt sich, die kennenzulernen.

Wie schaut Ihr Leben als Freischaffender seit März aus?
Ich wurstle mich so durch. Es wurde viel verschoben. Ich habe Skype-Proben für "Szenen einer Ehe" meines Theaters Plan B abgehalten, außerdem fanden unter Corona-Bedingungen Vorproben für eine Kurzfassung von Händels "Rinaldo" am Würzburger Mainfrankentheater statt. Außerdem habe ich viel recherchiert und habe auf Vorrat Stücke gekürzt. Mein Vorrat an gekürzten Stücken reicht nun bis zum Jahr 2034.

Wie lange können Sie das durchhalten?
Ich habe die Künstlersoforthilfe beantragt und auch bekommen. Das Problem fast aller Anträge ist, dass Lebenshaltungskosten nicht gefördert werden können, sondern primär Erstattungen wie für eine Corona-Lüftungsanlage. Für kleine Theater wäre es wichtig, die erlaubten Abstände zu verringern. Sonst kann man nur noch den Beleuchter bezahlen und verdient selbst gar nichts mehr daran.

Wie geht es aus Ihrer Sicht weiter?
Im Herzen sind wir alle Österreicher, weil dort auf der Bühne derzeit auch weniger strenge Regeln gelten. Die Salzburger Festspiele haben bewiesen, dass sich die Kunst vom Virus nicht aufhalten lässt. Ich finde, dass wir uns vom permanenten Ausnahmezustand und der ungesunden Panik-Welt verabschieden müssen. Das war allerdings schon vor Corona keine gute gesellschaftliche Entwicklung.

Premiere am 28. August, 20 Uhr in der Allerheiligen Hofkirche in der Residenz. Weitere Vorstellungen am Samstag, 29. August 17 und 20.30 Uhr, sowie am 5. und 6. September, 17 und 20.30 Uhr. Karten bei münchenticket unter Telefon 54 81 81 81. Wegen der Sitzplatzanordnung bittet Opera Incognita um paarweisen Kauf.

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