Amir Reza Koohestanis Meta-„Macbeth“

Kammerspiele: Amir Reza Koohestani scheitert grausam an seinem Meta-„Macbeth“ nach Shakespeare
| Mathias Hejny
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"Macbeth" nach Shakespeare in den Kammerspielen.
Thomas Aurin 3 "Macbeth" nach Shakespeare in den Kammerspielen.
"Macbeth" nach Shakespeare in den Kammerspielen.
Thomas Aurin 3 "Macbeth" nach Shakespeare in den Kammerspielen.
"Macbeth" nach Shakespeare in den Kammerspielen.
Thomas Aurin 3 "Macbeth" nach Shakespeare in den Kammerspielen.

Kurz bevor der Schotten-Diktator einem Attentat zum Opfer fällt, hält er einen Monolog, der die Dramaturgen und Regisseure in Zeiten des postpostdramatischen Theaters und der „authentischen“ Schauspielerei elektrisieren kann: Das Leben ist nur „ein armer Schauspieler“, philosophiert König Macbeth, der sich spreize und „ein großes Wesen macht und dann nicht mehr bemerkt wird“.

Als Dorothea Tieck die Tragödie ins Deutsche brachte, wussten alle noch, dass Theater auf Fiktion beruht. Vor allem sind die, die sich da auf der Bühne spreizen und ein großes Wesen machen, Darsteller, die eine Rolle spielen. Das ist seit über zweieinhalb Jahrtausenden die Geschäftsgrundlage für die Beziehung zwischen Schauspielern und dem Publikum. Theatermacher des frühen 21. Jahrhunderts halten ihr Publikum aber für so bescheuert, dass man ihnen das allabendlich erst umständlich erklären muss. Die vielen herzlichen Buhs nach der Premiere von „Macbeth“ in den Münchner Kammerspielen für den Regisseur Amir Reza Koohestani zeigten immerhin, dass sich Widerstand gegen diese Geringschätzung regt.

Mit dem Fleckenteufel

Der iranische Regisseur war in den vergangenen Jahren mit zwei Romanadaptionen („Der Fall Meursault“ von Kamel Daoud und „Die Attentäterin“ von Yasmina Khadra) nicht unangenehm aufgefallen. Jetzt adaptierte er ein Drama für ein Meta-Theater „nach“ William Shakespeare. Das „nach“ bedeutet in diesem Fall: ziemlich weit hinter William Shakespeare! Im Kostüm des alten Königs Duncan erläutert Walter Hess erst einmal die Lage: Wir sind im Theater! Deshalb ist das Blut, was hier spritzt, Kunstblut. Leicht lässt es sich mit Fleckenteufel leicht entfernen, falls es in den ersten Reihen die Zuschauer trifft.

Im Verlauf der folgenden 100 Minuten wächst das ungute Gefühl, dass dieser didaktische Vortrag nicht nur ironisch gemeint war. Koohestani spielt ein Stück im Stück, das – wo sonst? – im Theater spielt: Das Ensemble der Kammerspiele probt „Macbeth“.

Leerzeichen als Antwort auf Fragezeichen

Man sieht die Herren, die beim Pinkeln engagiert über Figuren, die sie spielen sollen, fachsimpeln, im Damenklo singt Polina Lapkovskaja verführerisch die Verse der drei Hexen, man streitet sich mit den beiden Lady-Darstellerinnen über Formen und Inhalte – und am Ende lassen die Ladys den Macbeth, der auch noch der Regisseur ist, auf der Probebühne sitzen. Der steht am Ende ganz einsam an der Rampe und grübelt mit wehem Blick ins Parkett, dass das Leben nur ein Schauspieler ist.

Es ist nicht so, dass die Inszenierung nicht die eine oder andere interessante Frage aufwirft: Was erzählt uns das Stück heute? Wie passt das frühneuzeitliche Schlachtengemälde in die Produktionsbedingungen des aktuellen Theaterbetriebs? Macht es die Darstellung wirklich authentischer, wenn eine iranische Schauspielerin die Lady Macbeth in Farsi spricht? War William Shakespeare ein Frauenhasser? Doch den vielen Fragezeichen folgen nichts als Leerzeichen.

Das schlechte Gewissen des Abendlands

Von all den Ebenen, die Koohestani in den Tragödienstoff einzieht, ist vor allem er selbst völlig überfordert. Unterfordert sind hingegen die Schauspieler. Christian Löber muss im unscharf bleibenden Grenzbereich von sich selbst, einem Macbeth, dem Macbeth-Darsteller und Regisseur beziehungsweise Darsteller eines Regisseurs lächerliche Klischees vom Theater vorspielen.

Kinan Hmeidan und Kamel Najms vom Open Border Ensemble der Kammerspiele sind die netten Alibi-Ausländer. Jammerschade ist es für das Lady-Duo: Gro Swantje Kohlhof gibt den zickigen Rauschgoldengel und Mahim Sadri ist als geheimnisvolle Prinzessin aus dem Morgenland für das schlechte Gewissen des Abendlands zuständig.

Münchner Kammerspiele, wieder am 25. Dezember, 19 Uhr, 9. Januar, 20 Uhr, 13. Januar, 19 Uhr und 27. Januar, 16 Uhr, Karten unter Telefon 233 966 00

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