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„Die fabelhafte Welt der Amélie“ gibt es nun als berührendes und witziges Musical im Werk 7
| Adrian Prechtel
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Amélie (Sandra Leitner) will viele Menschen glücklich machen, auch ihren Vater, der verspießt ist (Stephan Bürgi). Und so schickt sie fantasievoll alle auf ein spezielles Abenteuer. Bis sie merkt, dass auch sie selbst endlich aus sich herausgehen muss.
Sage Entertainment Amélie (Sandra Leitner) will viele Menschen glücklich machen, auch ihren Vater, der verspießt ist (Stephan Bürgi). Und so schickt sie fantasievoll alle auf ein spezielles Abenteuer. Bis sie merkt, dass auch sie selbst endlich aus sich herausgehen muss.

„Die fabelhafte Welt der Amélie“ gibt es nun als berührendes und witziges Musical im Werk 7

Letztlich ist „Die fabelhafte Welt der Amélie“ eine wunderbare Anleitung zum Glücklichsein. Und das liegt natürlich an unserer rührenden Antiheldin Amélie Pulain. Die kindheitsverkorkste Introvertierte kommt über zwei Schlüsselmomente aus ihrem Fantasie-Kokon heraus: Der Tod von Lady Di in Paris, der bei Amélie einen Wohltätigkeits-Prinzessinnentraum auslöst und ein Zusammenstoß am Gare Austerlitz mit dem ebenfalls etwas lebensfernen Nino.

"Girl meets Boy", Psychologie und Poesie ohne Kitsch

Der lässt dabei sein bizarres Passfotoalbum fallen, das Amélie aufklaubt und schafft es letztlich, dass sie ihre peinlich eingehaltene Individualdistanz überwindet. So steuert die eher episodenhaft und atmosphärisch funktionierende Geschichte doch hin zur klassischen Liebesromanze: „Girl meets Boy“ – wobei der Premierentermin am Valentinstag im Werk 7 da kein Zufall war.

Der Film von Jean-Pierre Jeunet, das Broadway-Musical und: witzig, berührendes Neues

Regisseur Christoph Drewitz hat auf der breiten Bühne, um die in 180 Grad und nah herangeschoben 700 Zuschauer sitzen, aus drei Strängen ein intimes, großartiges Musical geschaffen. Natürlich blieb dabei der internationale Erfolgsfilm von Jean-Pierre Jeunet bindende Grundlage – und damit auch die impressionistisch-romantische Klaviermusik von Yann Tiersen, die von Ratan Jhaveri für das Musical vor allem mit Cello und Klarinette von untermalender Filmmusik zur Kammermusik erweitert wurde. Ein zweiter, starker musikalischer Anker des Musicals sind die Songs, die der Indie-Pop-Folker Daniel Messe für den Broadway komponierte.

Aber, wenn man als Zuschauer jetzt im und um das „Café des 2 Moulins“ sitzt, merkt man, dass hier nicht einfach der Film von 2001 und die Broadway-Version von 2017 ins Werksviertel gehievt wurden. Vielmehr hat Drewitz mit seinem Kreativteam etwas witziges, poetisches und vor allem berührendes Neues geschaffen an einem dafür wunderbar gestalteten (Andrew Edwards) und besonderen Ort.

„Das Recht auf ein verpfuschtes Leben ist unantastbar“

Das beginnt bei den geistreichen Texten von Heiko Wohlgemuth, wenn Amélie ihrem Witwer-Vater, der sich nur noch um den heimischen Gartenzwerg kümmert, ironisch entgegenschleudert: „Das Recht auf ein verpfuschtes Leben ist unantastbar“. Überhaupt ist „Amélie“ in der Musical-Version noch philosophischer: Es geht um Zeit (die vergeht) und den schicksalhaften Zufall („Die Weichen, die das Leben für uns stellt, sind Bestandteil einer fabelhaften Welt“, wird gesungen). Es geht um Familie, die vieles verpfuschen kann, aber doch auch ein notwendiger menschlicher Anker ist, natürlich um Liebe, die hier aber nicht disneyhaft verklärt wird und sogar um Sex. Immerhin arbeitet Nino in einem Sex-Shop in Pigalle, und Amélies eigentlich selbstbewusste Kellnerkolleginnen müssen nach Liebesenttäuschungen und -Verletzungen auch erst wieder neues Vertrauen zu Männern aufbauen. Was auch witzig durchgespielt wird – inklusive handfestem Klempner-Einsatz auf der Café-Toilette.

Liebesschnitzeljagd und Versteckspiel

Der Clou der Handlung ist natürlich die romantische Komödie, wie Amélie (Sandra Leitner) im Spannungsfeld aus Zögern und Attraktion mit viel Fantasie eine Liebesschnitzeljagd mit Nino veranstaltet. Wie Audrey Tautou im Film ist Sandra Leitner eine liebenswürdige Kindfrau, die Charme versprüht und doch das In-Sich-Gefangene schauspielerisch überzeugend erzählen kann – und noch dazu über eine mühelos makellose Stimme verfügt. Ihr Versteckspiel mit Nino (Andreas Bongard) führt auch durchs Publikum, das Richtungspfeile halten oder die Suchplakate hochhalten muss, die Nino in der Stadt verteilt – schließlich sind wir in der abenteuerlichen Direktkommunikations-Zeit vor Internet-Recherche und Handy-Verabredungen.

Katalysatorin für die festgefahrenen Lebenssituationen

Als Handlungsschwerpunkt hinzukommt aber noch Amélie als „Mutter Theresa vom Montmartre“, wie sie ironisch bezeichnet wird. Dabei ist sie auch romantisch-trickreiche Katalysatorin für die festgefahrenen Lebenssituationen in ihrer Umgebung: der Maler mit den Glasknochen, der den Absprung von seinem Über-Ich Renoir schafft oder der selbsthassende Gemüsehändler, der endlich versteht, weshalb er fieser und härter geworden ist als jede Artischocke, „weil die wenigstens ein Herz hat“.

Perfekt choreografiert und erstklassig gesungen

Regisseur Drewitz hat auch deshalb einen kunstvollen Abend geschaffen, weil er mit allen Möglichkeiten des Theaters spielt: Da wird die Kuchenvitrine auch mal zum Aquarium des Goldfischs, werden Metrofahrten akustisch und mit rhythmischen Lichteffekten erzählt. Und dann ist noch dezent, aber berührend ein Puppenspiel eingesetzt: vom besagten Goldfisch, der von Amélies Rabenmutter nach einer tragikomischen Zappeljagd in der Seine zwangsausgesetzt wird. Oder dem Gartenzwerg, den Amélie ja auf eine fiktive Weltreise schickt, um ihren Vater zu aktivieren. Bis hin zu Amélie selbst, deren Kindheit in einer Rückblende auch durch eine Puppe erzählt wird. Das alles ist perfekt choreografiert und erstklassig gesungen, was das Musical „Amelie“ zu einem zauberhaften Abend macht.     

Werk 7 (Werksviertel, hinter dem Ostbahnhof), täglich außer montags, 29.90 – 69,90 Euro, Tel. 54 81 81 81,
www.stage-entertainment.de

 

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