"Ach! Fast eine Funkoper" im Utopia

Die Münchener Biennale für Neues Musiktheater zeigt "Ach! Fast eine Funkoper" im Utopia an der Heßstraße.
| Robert Braunmüller
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Performer der Volkshochschule in der Reithalle.
Armin Smailovic 2 Performer der Volkshochschule in der Reithalle.
Die Sopranistin Jessica Aszodi.
Armin Smailovic 2 Die Sopranistin Jessica Aszodi.

Bei einem Partizipationsprojekt ist der Weg das Ziel. Der war im Fall von "Ach! Fast eine Funkoper" umständehalber ziemlich lang. Das Projekt der Volkshochschule mit der Biennale für Neues Musiktheater wanderte vom Schwere Reiter ins Muffatwerk, verwandelte sich zwischendurch in ein Hörspiel, um sich am Ende in der Reithalle an der Heßstraße zu materialisieren, die sich neuerdings "Utopia" nennt.

"Ach!" bespielt den vorher ausnahmsweise einmal gut gelüfteten Raum in voller Länge. Der Zuschauer sitzt auf drehbaren Stühlen in der Mitte des Raums, der im Juli in Verbindung mit Musik durchaus Gefühle der Beklemmung und Vorahnungen von Schweißausbrüchen auslösen kann.

Vorklänge für das Elysium

Eingangs schreiten zwei Damen über Gestein verschiedenartiger Grade von Grobheit und erzeugen dabei zartes Knacken und Knistern. Am Klavier werden einige Akkorde angeschlagen, eine Sopranistin singt Vokalisen, einer Oboe werden aulodische Klänge entlockt, die nach Arkadien oder gleich direkt ins Elysium weisen.

Ein Mann (Simon Brusis) spricht einen Text von Kathrin Röggla, der von Rückkehr, Ankunft und Entfremdung handelt. Dieses Thema wird anschließend gut eine Stunde lang umkreist und assoziativ erweitert. Den stärksten Eindruck hinterlässt eine Passage über die gemischten Gefühle angesichts der Erinnerung an Wohnungen der Kindheit, deren Grundriss von den Mitwirkenden mit Kreide auf den Boden gezeichnet wird.

Eine Sopranistin (Jessica Aszodi) singt dazu eine Koloraturarie über Begriffe aus dem Wortfeld der Inneneinrichtung. Man wird die ganze Stunde den Eindruck einer leichten Bevormundung der Laien nicht los. Alles Subjektive, Private und im Fall des Wohnens auch Politische wurde poetisch hochgradig sublimiert und mit dem Weichzeichner der Unschärfe versehen. Leider liegen auch alle zentralen Aufgaben in den Händen von Profis, während die teilweise recht schüchternen Performer fast nur als Statisten und als Sprechchor eingesetzt werden.

Die Sopranistin Jessica Aszodi.
Die Sopranistin Jessica Aszodi. © Armin Smailovic

Die böse Wundertüte Internet

Zwischenzeitlich wird es sanft kulturkritisch, wenn der großen Wundertüte Internet ausgerechnet der Verlust des Zufälligen vorgeworfen wird. Dann verbreiten zwei Gitarren eine gewisse Country-Gemütlichkeit, später gibt es Zufallsgeräusche aus alten Radios wie weiland bei John Cage. Das bleibt die einzige Anspielung auf den Begriff Titel mit dem rundfunkgeschichtlichen Begriff "Funkoper".

Die Performer verlassen die Halle und singen draußen etwas sanft melancholisch Slawisches. Das ist ein anrührender Augenblick, auch wenn anschließend im "Salon des Wunderns und der Sichten" zu erfahren war, dass die Einlage primär dem Hygienekonzept geschuldet war. Der Chor wäre ein schöner Schluss gewesen, doch am Ende kehrt der Röggla-Text des Anfangs noch einmal zurück, was als etwas gewollte Rundung erscheint.

Alles, was – wie dieser Abend – von Entfremdung und Vereinzelung handelt, funktioniert in diesen seltsamen Zeiten. Dazu passen sogar die strengen neuen Rituale beim Einlass.

Dafür, dass mit Cathy Milliken, Robyn Schulkowsky und Dietmar Wiesner drei Musiker den Abend verantworten, war er vergleichsweise wortlastig. Aber das mag an den eigenen Gesetzen eines Partizipationsprojekts liegen, das wie Schorsch Kameruns "M"-Projekt vor dem Marstall eher zur kühleren Peripherie der Biennale gehört und nicht zum heißen Kern. Was sich da tut, werden wir – hoffentlich – noch im weiteren Verlauf dieses nun "dynamisierten" Festivals erfahren.

"Ach! Fast eine Funkoper" wird auf der Homepage des Festivals als Hörspiel veröffentlicht. Weitere Auftragswerke der Biennale werden wohl im Herbst und im April 2021 zu sehen sein
 

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