Absolut sehenswert! „Carmen“ im Deutschen Theater
Alles ist da: das mediterrane Flair; die Tabakfabrik; das Gefängnis; das Wachkommando, zu dem der Sergeant Don José gehört; dessen Verlobte Micaëla; ein Stierkampf - und insbesondere Carmens unzügelbarer, selbst durch keine tödliche Prophezeiung zu bremsender Liebes- und Freiheitsdrang. Und trotzdem erzählt Choreograf Enrique Gasa Valga die weltberühmte, in seiner spanischen Heimat spielende Geschichte einer tragisch einseitigen Amour fou völlig anders, ganz neu.
Dem gewieften Theatermacher gelingt das in der erst Anfang diesen Jahres in Innsbruck uraufgeführten Neukreation ungeachtet eines Einheitsbühnenbilds beeindruckend bildstark, rein mit den Mitteln eines tempogeladenen Balletts, bei dem clever gewählte Ausstattungselemente und Requisiten geradezu leitmotivisch wie effektvoll eingesetzt sind.
Über einen Balkon in der oberen Etage begehbar ragen hohe Mauern auf. Ein großes Tor mit Schiebetüren bietet Zugang zum weiten Innenhof. Hinzu kommt eine durchdachte akustische Kulisse aus den besten „Carmen“-Bearbeitungen oder deren ästhetischem Umfeld mit Klängen aus dem andalusischen Kulturraum.
Jede Geste sitzt
Valgas wichtigstes Wundermittel sind jedoch seine 14 herausragenden, wandlungsfähigen Tänzerinnen und Tänzer. Jeder Schritt, jede Geste sitzt bei ihnen. Technisch spektakulär werden Duette erst, wenn - wie hier - Carmen und Don José an einem langen Seil, das an ihren Taillen befestigt ist, miteinander um die zwischengeschlechtliche Oberhand ringen. Keine Bewegung bleibt bedeutungslos. Eine Berührung da, eine Drehung dort rufen bald heftige Emotionen wie Micaëlas Frust oder Don Josés Eifersucht hervor.

Fließend-bruchlos wird auf diese Weise weiteres Bewegungspotenzial angekurbelt - mal bei einer einzelnen Figur, mal bei der um einen gerade aufflackernden Aktionskern herum versammelten Gruppe. Valgas Carmen-Figur - stets im Reinen nur mit dem eigenen, selbstbestimmten Ich - wird von Alice Amorotti hinreißend interpretiert. Sie verleiht der Figur, deren provokantes Lachen immer wieder laut aus dem Off erklingt, körperlich verführerisch-gefährlich-frivole Züge -- ohne jemals die Grenze plakativer Anstößigkeit zu überschreiten. Dennoch dominiert ihre weibliche Strahlkraft das Stück bei Weitem nicht allein.

Camilla Danesi wird in der Rolle der Micaëla, die früh erkennt, welche Bedrohung von Carmen für ihr eigenes Liebesglück mit Don José ausgeht, zur handlungstreibenden Gegenspielerin. Sayumi Nishi, einer zarten Japanerin, hat Valga den fast omnipräsenten Part eines Orakels auf den Leib geschneidert - teils mit übergroßen Tarot-Karten versehen, die sich die geschmeidige Tänzerin mehrmals über die Schultern schnippt. Als resolute Zeremonienmeisterin scheint Nishi von Anfang an über sämtliche Zuspitzungen Bescheid zu wissen und kann Don José dennoch nicht davon abhalten, insgesamt drei Morde zu begehen.
Duett mit Stier
Last, but not least schickt Valga mit Sandra Chamochumbi Castro eine Frau als Matador Escamillo in die Stierkampfarena. In einer schlagartig schier marionettenhaft anmutenden Passage wirbeln zweifarbige Umhänge und die rote Moleta des Toreadors durch Luft. Maskulin springt Gabriel Marseglia in die Arena. Er verkörpert in einem virilen Duett den letztlich unterlegenen Stier, und Carmen gewinnt nach einem harmonischen Pas de deux von zwei Körpern im Einklang die siegreiche Matadorin für sich wie zuvor bereits die Männer des Soldatencorps und deren Kommandanten, souverän getanzt von Locke Venturato.

Mit welch schicksalhafter Fatalität und darstellerischer Wucht das Ensemble der Limonada Dance Company sich bei seinem aktuellen, für diese Spielzeit letzten Gastspiel im Deutschen Theater präsentiert, hat irren Schwung, ist sensationell sinnlich und überzeugt auf ganzer Linie. In der hinteren rechten Ecke des Innenhofs befindet sich ein Brunnenbecken. Immer wieder kommt dieser Kühle und Erfrischung versprechende Ort mit seinem Wasser darin für die von Leidenschaft erhitzten Gemüter wirkungsvoll zum Einsatz. Den nicht mehr zu kittenden Verlust ihrer Beziehung verhandeln Micaëla und ihr zunehmend auf die schiefe Bahn geratender Verlobter - originell choreografiert - durch die Gitterstäbe eines hereingerollten Käfigs.
Die Sanduhr tickt
Zum echten Wurf wird Valgas Tanztheateradaption durch ihren eigenwilligen Zugriff auf den ursprünglichen Plot. Diese Inszenierung lässt Motive aus Prosper Mérimées ursprünglicher, 1845 als skandalträchtig eingestufter Novelle schlüssig mit Kontexten und den bekanntesten Melodien aus Bizets Oper „Carmen“ verschmelzen. Valga lässt Carmen zusätzlich eine innige Verbundenheit zu ihrem Ehemann ausleben, dem Bandenchef Garcia (Gabriel Marseglia in Vertretung für den verletzungsbedingt ausgefallenen Martin Segeta), der zu Don Josés zweitem Mordopfer wird.

Nach einem traumhaft intensiven Liebes-Pas-de-deux - vor und unter einem riesigen Trichter, aus dem sanduhrartig Korkspäne auf die Protagonisten herabregnen - reißt das Schicksal alle und alles mit sich. Absolut sehenswert!
Noch einmal am 8., 9. und am 13. und 14. August im Deutschen Theater. Karten unter 55 234 444 oder deutsches-theater.de
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