84 Plätze: So kommt dieses kleine Theater mitten im Münchner Wohngebiet über die Runden

In Sendling - unweit des Westparks in der Hinterbärenbadstraße 2 - befindet sich seit 2019 das Theater Und so fort… Seit knapp 30 Jahren ist es eine feste Größe in der Freien Szene der Landeshauptstadt. Früher in zentralerer Lage hat die Bühne nun in einem orangen, einstöckigen Gebäude - ein früherer Schlecker-Markt - ihre Heimat gefunden.
Das Theater ist eigentlich mit seinem Leiter Heiko Dietz gleichzusetzen, den die AZ nach einer Vorstellung im Kellerfoyer des Und so fort getroffen hat. Eigentlich ist es unmöglich, Dietz dort nicht zu treffen. Der 58-Jährige besetzt vor der Vorstellung die Kasse, ratscht mit dem Stammpublikum. Selbstverständlich stand er an dem Abend auch zwei Stunden auf der Bühne. Wenn gerade nicht in Sendling gespielt wird, ist er noch auf einigen anderen Bühnen aktiv oder schreibt Stücke für sein Haus.
Dietz lebt und atmet Theater, seit er über die Theatergruppe des Abendgymnasiums zum Schauspiel kam. Nach einer Ausbildung an der Schauspielschule Zerboni - "noch auf der Originalen in Gauting", wie er sagt - und drei Spielzeiten an den Kammerspielen unter Dieter Dorn, fand Dietz in der freien Szene sein Zuhause. Das unabhängige Arbeiten hat ihm schon immer mehr zugesagt.

Nicht lange gefackelt
Schon 1992 stieß er zur freien Theatergruppe Und so fort, aus der 1999 unter der Leitung von Dietz und Christian Kroos ein richtiges Theater mit eigener Bühne wurde. Nachdem sie aus der Zeitung erfahren hatten, dass Uta Emmer das Moderne Theater aufgibt, übernahm die Gruppe kurzerhand die Räumlichkeiten in der Hans-Sachs-Straße 12. Schon damals fackelten die Spieler nicht lange. Nach der Übernahme im Januar feierte Ende Februar das erste Stück Premiere. Das - neudeutsch gesagt - lösungsorientierte Arbeiten bleibt auch in der Folge das Mittel der Wahl. Nachdem ihnen nach zehn Jahren gekündigt wurde, übersiedelte die Gruppe wieder in ein aufgelassenes Theater, das alte Theater Unterton.
"In der Kurfürstenstraße 8 sind wir dann abgesoffen." Ein durch eine Baustelle verursachter Wasserschaden inklusive fehlgeschlagener Sanierung machte das Und so fort im Juli 2017 obdachlos. Aufgeben war abermals keine Option und die Theatermacher tingelten bis Oktober 2019 durch fast alle freien Bühnen Münchens. Sogar der Milla Club wurde zum Theater: "Unsere Stammgäste haben das unterstützt, sind uns hinterher gepilgert. In manchen Theatern haben sie sich gewundert, warum wir mehr Gäste haben als deren Produktionen."
Auf dieses Stammpublikum ist Dietz sehr stolz. Auch ins Wohngebiet in den Münchner Südwesten ist es ihm gefolgt. Dort landete die Bühne rein zufällig: "Ein Bekannter, der hier ums Eck wohnt, ist hier täglich mit seinem Radl vorbeigefahren und hat gesagt, das steht seit vier Jahren leer. Und dass er sich um eine Telefonnummer kümmert. So kam das dann zusammen."
Die Aufgabe, sich neben den eingefleischten Fans ein neues Publikum zu erschließen, nahmen sie - für Dietz ist das Theater immer "wir" - bereitwillig an: "Hier ist ja sonst nichts. Es gibt viele Anwohner, die neu hier sind. Und es passiert sehr häufig, dass Leute tatsächlich bewusst sagen, da müssen wir nicht in die Stadt rein." Mittlerweile ist das Theater nach sieben Jahren etabliert und fühlt sich in der ruhigen Lage zuhause. Wie an allen vorigen Standorten steht auch hier - zufällig - eine Magnolie am Theater.
Dietz ist selbst Mieter des Pavillons
Mieter - auf 15 Jahre mit weiteren fünf als Option - ist Heiko Dietz selbst: "Das ist eher der Tatsache geschuldet, dass der Besitzer keinen Verein als Mieter wollte. Der wollte mich als echten Menschen haben und nicht einen Verein, der den Schlüssel umdreht und weg ist." Er vermietet das Haus dann an einen Verein weiter.
Das ist der Theta e. V., welcher seit dem Start im Glockenbachviertel die Basis der Operation ist. Vorsitzender ist natürlich Dietz. Festangestellte gibt es keine, auch die Stammbelegschaft auf und hinter der Bühne arbeitet freiberuflich. Obwohl Theta kein klassischer Förderverein ist, unterstützt es die Produktionen und stellt die Bühne zur Verfügung.
Jede Produktion ist wiederum eine eigene GbR, was laut Dietz den Verwaltungsaufwand reduziert: "Jede Inszenierung ist dann ein für sich geschlossener Kosmos, was ich immer ganz wichtig finde. Anträge auf Förderung stellt der Verein und gibt das Geld wiederum gezielt in die Produktions-GbRs, die jeweils nur dafür da sind, ein bestimmtes Stück zu machen. So ist alles auch leichter zu überprüfen."
Städtische Förderung ist nicht selbstverständlich
Förderung für das Theater kommt von der Stadt München. Auch das Und so fort ist Teil des Programms "Förderung für die freien Bühnen" und erhält im Jahr 116.160 Euro vom Kulturreferat - ein Platz im Mittelfeld der acht geförderten Theater.
"Ich bin absolut dankbar dafür, dass wir Geld von der Stadt kriegen", sagt Dietz. "Das ist ja keine Selbstverständlichkeit." Das erfuhr das Theater… Und so fort einmal am eigenen Leib, als es aus dem - damals zweijährigen - Vorgängermodell der Spielstättenförderung hinausflog. Ein Jurymitglied hatte laut Dietz eine persönliche Abneigung gegen das Haus.

Neben den Eintrittsgeldern und der Vermietung der Räumlichkeiten hat das Theater keine weitere Einnahmequelle. Die Theaterbar läuft seit Corona auf Spendenbasis mit Selbstbedienung. Aus der Förderung kann er das Gebäude nicht ganzjährig betreiben: "Ein halbes Jahr an Fixkosten ist damit vielleicht finanziert. Miettechnisch. Und das andere halbe Jahr muss ich einspielen. Das ist die Herausforderung." Grund dafür ist, dass nur ein Anteil der Fixkosten über die einzelnen Produktionen aus dem Fördergeld bezahlt werden darf. Der Rest muss aus den bis zu 84 zugelassenen Plätzen im Saal erwirtschaftet werden.
Über Auslastungszahlen möchte sich Dietz keine Gedanken machen, spielen sei sowieso alternativlos: "Das habe ich ehrlich gesagt nie ausgerechnet. Ich denke da über sowas nicht nach, weil ich immer so das Gefühl habe, wenn ich darüber anfange nachzudenken, jage ich einer Zahl hinterher. Und das lasse ich besser."
Auch Kleinvieh macht Mist
Auch geringe Einnahmen helfen weiter, 200 Euro decken die monatlichen Stromkosten. Wenn gar nicht gespielt würde, käme gar kein Geld in die Kasse. Mit den Grundkosten hält Dietz sich nicht großartig auf: "Klar, man kann dann anfangen, jede einzelne Glühbirne auszurechnen, das mache ich aber alles nicht. Ich finde, es ist wichtiger, dass das Angebot da ist."
Deshalb endet die Spielzeit auch erst Mitte August, später als bei den meisten anderen Theatern: "Das heißt, wir sind auf jeden Fall präsent. Wir stehen in der Zeitung, im Fließsatz. Alles hat zu. Ich will aber ins Theater: Wer hat auf? Theater… Und so fort, gehe ich hin. Das merke ich immer sofort. Im Sommer sind die meisten neuen Gäste da."

Aus dem Gesamtbudget stellt das Und so fort jede Spielzeit vier Eigenproduktionen auf die Beine. Die Sommerproduktion wird dabei gänzlich ohne Förderung kalkuliert. Die Größe orientiert sich an den Anforderungen der Stücke und der Jahresplanung: "Fünf, sechs Personen sind dann schon absolute Oberkante, wenn wir mehrere Produktionen machen wollen." In den "Reisejahren" konzentrierte die Truppe sich beispielsweise auf eine, dafür größere Inszenierung. "Aber jetzt wissen wir schon: Im nächsten Jahr das erste Stück hat fünf Personen. Und dann muss ich mich danach auch richten, was die Gesamtförderung hergibt", erklärt Dietz.
"Vielleicht gibt es auch mal eine Produktion ohne Bühnenbild - nur ein schwarzer Raum. Dann spart man sich Geld und kann wieder einen Darsteller davon bezahlen. Das ist eher so der Sport: Wie gehe ich mit dem um, was ich habe. Abseits der finanziellen Einschränkungen steht das Theater… Und so fort für im wahren Sinne des Wortes freies Theater. Wir haben in dem, was wir machen, eigentlich keine Grenze. Also auch in den Themen, die man zeigen will."
Machen und nicht lamentieren
Am Westpark kann das Publikum mit Stücken wie "Die Tür nebenan" von Fabrice Roger-Lacan klassische Boulevardkomödie genauso erleben wie tiefschürfende Gegenwartsdramatik in "Falsch" von Lot Vekemans. Im letzten Jahr dramatisierte Dietz den Roman "Und Federn überall" der Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi. Die unzähligen Plakate im Foyer zeugen von der Vielfalt vergangener Produktionen, die weiter aufrechterhalten werden soll.
In der Hinterbärenbadstraße wird nämlich gemacht und nicht lamentiert: "Manchmal, wenn ich an einem runden Tisch teilnehme, heißt es: ‚Damit kann man ja kein Theater machen.’ Dann kann ich immer mal sagen: Gib’s mir und ich mache was. Was soll das? Ich kann mich natürlich immer aufregen, aber vom Aufregen habe ich nichts. Wer jammert, stirbt früher."

Verbesserungspotenzial sieht Dietz natürlich trotzdem: "Dieser sogenannte Kultureuro wäre so eine einfache Lösung, mit der jeder umgehen könnte. Das interessiert doch niemanden, ob man einen Euro mehr zahlt für eine Hotelübernachtung." Außerdem hält er es für wichtig, mehr Augenmerk auf die Fixkosten eines Theaters mit eigener Bühne zu legen: "Wir haben recht hohe Miet- und Nebenkosten. Andere haben noch nicht mal die Hälfte davon, das kann man ja alles berechnen." Hier hält er eine separate zweckgebundene Förderung auf Basis der Fixkosten für sinnvoll.
Neue Spielzeit startet mit selbstgeschriebenem Stück
Die Planungen für die gerade angelaufene Spielzeit 2026/27 sind schon abgeschlossen. Zu Beginn feierte am Freitag "Towers 217" - von Dietz selbst geschrieben - Premiere. Das Stück setzt sich zum 25. Jahrestag von 9/11 mit dem Anschlag auseinander: "Harter Tobak, es gibt ja immer noch viel Ungeklärtes oder Unklares." Damit beschäftigt sich das Stück und stellt Fragen nach Erinnerung, Wahrnehmung und Wahrheit.

Im November kommt dann mit "Meine Weste Weiß" die deutsche Erstaufführung des gleichnamigen Romans des Thriller-Autors Bernhard Aichner ("Totenfrau") besetzt mit dem Stamm-Duo aus Heiko Dietz und Conny Krause auf die Bühne. Im neuen Jahr steht eine aufgefrischte Wiederaufnahme der 2019er-Inszenierung von Josef Haders und Alfred Dorfers "Indien" auf dem Programm, das in den Bayerischen Wald verlegt wurde.
"Towers 217", So., 18 Uhr und dann regelmäßig bis 1. November, Karten ab 17 Euro unter undsofort.de oder an der Abendkasse