Kritik

Liv Albert erzählt die Odyssee: kindgerecht, poetisch und klar – aber nicht nur für Kinder

Einführung, Nacherzählung, viel Spaß und im farbigen Erzählrausch: Homers Epos in einer prachtvollen Neugestaltung von Liv Albert und Hazem Asif. Absolut nicht nur für Kinder.
Adrian Prechtel |
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Die Nymphe und Zauberin Kirke versucht, Odysseus bei sich zu behalten.
Die Nymphe und Zauberin Kirke versucht, Odysseus bei sich zu behalten. © DK/ Hazem Asif

Man kann sagen oder schlaumeiern, was man will, die Sache bleibt kompliziert: Einschübe, Rückblenden, Menschen, Tiere, Sensationen, Götter, Krieg und selten Frieden. Und moralisch ist die Geschichte ohnehin nicht zu fassen. Denn wer ist dieser Odysseus? Held, Lügner, Geistesgröße, Ehebrecher? Alles zusammen, und dazu noch sentimentale Heulsuse, Mann mit posttraumatischer Belastungsstörung, Pirat, Frauenschwarm und Gewaltmensch.

Odysseus am Lagerfeuer.
Odysseus am Lagerfeuer. © DK / Hazem Asif

Kurze Erklärungen, klarer Stil und Poesie

Es sind oft Kinderbücher, die auch Erwachsenen erst einmal das Grundgerüst schaffen, eine Geschichte zu erfassen. Die "Odyssee" von Liv Albert ist so ein Buch, das gar kein klassisches Kinderbuch ist, sondern auch eine schöne, moderne, flüssig komprimierte Nacherzählung der 24 homerischen Gesänge.

"Der Gott Hermes stieß aus den Wolken herab und glitt wie ein Seevogel über die Wellen des Meeres zu Kalypsos schöner Insel. Er traf die Nymphe in ihrer gemütlichen Höhle an. ,Hermes, alter Freund, was führt dich zu mir?’, fragte sie und blickte von ihrer Webarbeit auf. ,Hier ist ein Krieger gestrandet, dessen Gefährten auf der Heimfahrt von Troja starben’, erwiderte Hermes. ,Zeus will, dass du ihn heimschickst. Es ist nicht sein Schicksal, hier zu sterben.’ ,Unerhört!’, rief Kalypso aus: ,Ich habe ihn gerettet. Er ist seit sieben Jahren bei mir. Und jetzt beschließt der König der Gottheiten plötzlich, dass er fort muss?’ Hermes zuckte die Schultern. ,Das ist Zeus’ Befehl, nicht meiner.’"

Auf Odysseus' Seite: die Gölttin Athene.
Auf Odysseus' Seite: die Gölttin Athene. © DK/ Hazem Asif

In diesem klaren Stil gelingt es der Kanadierin Liv Albert in der Übersetzung von Christiane Wagler das Epos einzufangen – ohne Glättungen oder grobe Vereinfachungen. Man spürt auch noch die Poesie Homers, die Götterwelt wird als selbstverständlich genommen und sanft modern werden die Rollen der Frauen, das Sklaventum oder verschiedene Rituale in kleinen Einwürfen erklärt.

Jimmy Gonzales (l) als Cepheus, Matt Damon (M) als Odysseus und Himesh Patel als Eurylochus in einer Szene des Films  "Die Odyssee" von Christopher Nolan.
Jimmy Gonzales (l) als Cepheus, Matt Damon (M) als Odysseus und Himesh Patel als Eurylochus in einer Szene des Films "Die Odyssee" von Christopher Nolan. © Melinda Sue Gordon (Universal Pictures)

Zu Beginn sind auf großen Doppelseiten die Götterwelt, die Vorgeschichte und die wichtigsten Figuren aufgeschlüsselt, sodass man amüsiert, angeregt und gut informiert mit Odysseus in See stechen kann.

Mächtigster Gegenspieler: Poseidon.
Mächtigster Gegenspieler: Poseidon. © DK / Hazem Asif

Die intensiven Farben und die Verspieltheit der Illustrationen von Hazem Asif wirken ein bisschen orientalisch, aber unterstreichen das Abenteuerliche, Fantastische, Bewegende. Und all das macht diese fast 3000 Jahre alte Geschichte ja auch aus.

"Die Odyssee", Liv Albert mit Illustrationen von Hazem Asif (DK Verlag, Großformat, 160 Seiten, 20 Euro)

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