Interview

Warum Gedichte keine Weltflucht sein sollen, erklärt der Münchner Tristan Marquardt

Der Dichter hat zusammen mit dem Zeichner Andreas Töpfer den „katalog der kataloge“ geschaffen. Aber was ist das?
Adrian Prechtel
Adrian Prechtel
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ als Quelle bevorzugen
Der „katalog der kataloge“ hat den Sprachteil von Tristan Marquardt und die parallelen Zeichnungen von Andreas Töpfer.
Der „katalog der kataloge“ hat den Sprachteil von Tristan Marquardt und die parallelen Zeichnungen von Andreas Töpfer. © Kookbooks

Während des Interviews klingelt die Spedition an der Tür und liefert den „katalog der kataloge“ an. Das Buch hat zwar nicht Schrankformat, aber es ist ein großes Doppelbuch. Schlägt man es auf, hat man links und rechts jeweils ein eigenes Werk vor sich: Links die Texte des Lyrikers Tristan Marquardt, rechts den Parallel-„katalog der kataloge“ mit den Zeichnungen von Andreas Töpfer, die weit mehr sind als Illustrationen, wie Marquardt erzählt.

AZ: Herr Marquardt, was hat man denn da vor sich: ein Lexikon, eine Enzyklopädie oder einen Gedichtband mit Zeichnungen?
TRISTAN MARQUARDT: Es ist weder ein Katalog noch ein Lexikon, sondern eine poetische Variante davon. Entstanden ist die Idee und Form auf einer Zugfahrt vor über einem Jahrzehnt. Ich saß an einem Text für meinen ersten Gedichtband und musste das Wort „Schatten“ verwenden. Aber ich spürte, dass das Wort nicht trifft, was ich sagen wollte. Ich habe dann begonnen, assoziativ verschiedene Formen von Schatten aufzuschreiben - bis ich merkte: Diese Auflistung von Schattenformen ist der viel spannendere Text geworden. So ist ein „Schattenkatalog“ entstanden, der eben über die physikalisch-wissenschaftliche Beschreibung hinausgeht, indem eingebaut ist, was Schatten bei uns auslösen kann: Schönheit, das genauer Hinsehen, Angst.

Es sind aber nicht einfach Illustrationen, sondern denken die Sache neu und weiter, meint Marquardt über die Zeichnungen von Andreas Töpfer.
Es sind aber nicht einfach Illustrationen, sondern denken die Sache neu und weiter, meint Marquardt über die Zeichnungen von Andreas Töpfer. © Kookbooks

Warum sind Sie dieser „Katalogform“ dann treu geblieben?
Ich hatte so meine Form gefunden. Gedichte sollen nicht von der Realität ablenken, sondern sie können ein genaueres Wahrnehmen, Fühlen und Denken ermöglichen. Gedichte können genauer beschreiben als es die Alltagssprache kann. Ich habe mit handfesten Sachen begonnen wie „Tunnel“ oder „Blicke“.

Und wie wurde es abstrakter? Wie mit Katalogen zu „Freundschaft“ oder „Ängsten“?
Ein witziger Anlass war unter anderem, dass Alexander Kluge im Bayerischen Fernsehen die „kataloge“ in meinem Debüt empfohlen hat und sagte, der Autor würde da über einzelne Begriffe schreiben, die er dann auseinandernimmt - zum Beispiel „Liebe“ und „Wahrheit“. Ich war gerührt, dass Kluge mich so herausgestellt hat, aber ich hatte die Begriffe „Liebe“ und „Wahrheit“ gar nicht im Buch.

Tristan Marquardt: Der 38-jährige Lyriker, geboren in Göttingen, lebt in München. Seit 2017 leitet er im Team den Verlag Hochroth. Unter bürgerlichem Namen (Alexander Rudolph) arbeitet er als Mediävist an der LMU München.
Tristan Marquardt: Der 38-jährige Lyriker, geboren in Göttingen, lebt in München. Seit 2017 leitet er im Team den Verlag Hochroth. Unter bürgerlichem Namen (Alexander Rudolph) arbeitet er als Mediävist an der LMU München. © Dirk Skiba

Obwohl „Wahrheit“ sich ja gerade heute als Begriff, den man untersucht, aufdrängt.
Ja es war damals eine Anregung, wenn mal der „katalog der kataloge“ erscheinen würde: „Liebe“ in verschiedene Erscheinungsformen ist jetzt auch drin.
Aber so ein „Katalog“ zu einem Begriff kann ja nie vollständig sein. Indigene im Amazonas sollen über hundert Worte für Grün haben.
Aber so eine Auseinandersetzung mit Sprache regt beim Lesen ungemein an und verführt genauer und spielerischer mit ihr umzugehen. Und man kann das auch für sich ergänzen. Bei Lesungen kommt das auch vor, dass jemand sagt: Ich finde, da fehlt noch... Ich will zeigen, wie viele Möglichkeiten des Denkens und Wahrnehmens es zu einem Gegenstand oder einem Begriff gibt. Poesie kann auch ein bereicherndes Erkenntnismedium sein. Man kann auch Wörter erfinden, die es nicht gibt, aber die es bräuchte und die alltagstauglich sind - „Unhitze“ oder „Siechhitze“.

Illustration zum „katalog“ über die Farbe Gelb.
Illustration zum „katalog“ über die Farbe Gelb. © Kookbook

Werden Sie am Donnerstag ihren „Hitzekatalog“ vorlesen?
Wäre ja naheliegend.
Der Zeichner und Grafiker Andreas Töpfer hat den Parallel-„katalog“ zeichnerisch geschaffen. Wie verhält sich ihr Text zu den Zeichnungen?Ausgangspunkt ist der Text. Bei meinem ersten Gedichtband 2013 hat der Grafiker und Zeichner Andreas Töpfer Einzelnes beigetragen. Das hat mich begeistert, sodass jetzt eben die meisten Begriffe und Wortfelder auch als Zeichnung existieren. Sie sind aber nicht einfach Illustrationen, sondern denken die Sache neu und weiter. Und jetzt gibt es eben unseren „katalog der kataloge“, der das alles im großen Format zusammenbringt.

Wie stellen Sie das Ganze dann übermorgen vor?
Andreas Töpfer wird am Donnerstag zu meiner Lesung live zeichnen, was wir an die Wand projizieren. Und manchmal ergänzt auch das Publikum etwas.

Tristan Marquardt und Andreas Töpfer stellen ihren „katalog der kataloge“ (Kookbooks, 80 + 208 Seiten, 39 Euro), Donnerstag, 25. Juni, 19 Uhr, im Lyrikkabinett, Amalienstraße 83a, vor. www.lyrik-kabinett.de

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.