"Vater der Wimmelbücher": Der Münchner Autor Ali Mitgutsch ist tot

Mit den unverwechselbaren Wimmelbüchern hatte der Münchner Autor und Illustrator Ali Mitgutsch ein neues Genre geschaffen. Jetzt ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.
| AZ/dpa
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Der Münchner Autor und Illustrator Ali Mitgutsch ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren.
Der Münchner Autor und Illustrator Ali Mitgutsch ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren. © Rolf Vennenbernd/dpa

München - In seinen Wimmelbüchern tobt das pralle Leben. Menschen vergnügen sich im Schwimmbad und im Zoo, sie erklimmen die Berge, ackern auf Bauernhof und Baustelle oder wohnen in einem Mietshaus Wand an Wand. Mit scharfem Blick und heiterer Ironie hielt der berühmte Zeichner den Alltag mit all seinen schönen, aber auch tückischen Momenten fest.

Ali Mitgutsch ist tot: 1968 erschien sein erstes Wimmelbuch

Am Montagabend ist Ali Mitgutsch im Alter von 86 Jahren in München gestorben. Das teilte die Ravensburger Gruppe am Dienstag mit. Mitgutsch wurde 1935 in München geboren. Seine Karriere begann er als Grafiker. 1968 erschien sein erstes Wimmelbuch "Rundherum in meiner Stadt" im Ravensburger Verlag. 1969 erhielt er dafür den Deutschen Jugendbuchpreis. 

"Das Zeichnen war für mich eine unendlich lange, oft auch beschwerliche, aber stets glückliche Lebensreise, auf die mir nur noch die Rückschau bleibt", sagte Mitgutsch anlässlich seines 85. Geburtstags (21. August). Rund 70 Bücher, Poster und Puzzles sind entstanden, darunter viele Wimmelbücher. Allein in Deutschland wurden mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft, im Ausland mehr als drei Millionen.

Ali Mitgutsch erzählte sehr menschliche Geschichten aus dem Alltag

Auf jeder Doppelseite entfaltet sich ein kunterbuntes Panorama: Die Baustelle, der Hafen, das Volksfest. Der Schlittenhügel. Und es wimmelt von Menschen. "Er hat lange vor Instagram gezeigt, wie man nur mit Bildern kommuniziert", schrieb einmal das Onlineportal "welt.de".

Das genaue Hinschauen lohnt sich, das wissen schon Zweijährige. Denn Mitgutsch erzählt sehr menschliche Geschichten aus dem Alltag und es gibt so viel zu entdecken, mal lustig, mal traurig oder schadenfroh. 

Ali Mitgutsch: Von seiner Mutter inspiriert

Mitgutschs Mutter weckte in ihrem Sohn Alfons die Freude am Erzählen. "Sie hüllte uns regelrecht ein mit ihren Worten, und wir gaben uns ihnen ganz und gar hin und fühlten uns darin geborgen", schreibt der Künstler in seinen Kindheitserinnerungen "Herzanzünder". 

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"Egal wie steil der Weg war, ob große Hitze oder bittere Kälte herrschte oder von welcher Not unsere kleine Familie gerade heimgesucht wurde - Mutter behütete uns auf ihre ganz eigene Art mit ihren Geschichten und lockte uns mit ihnen in eine andere, wundersame Welt", erzählte Mitgutsch.

Mitgutsch: "Ich träumte mir die Abenteuer, die ich in Wirklichkeit nicht erlebt habe"

1935 kam er als jüngstes von vier Kindern zur Welt. Der Zweite Weltkrieg, Hunger, Heimatlosigkeit und Not prägten diese Jahre. Der große Bruder fiel in Russland an der Front. Gegen Kriegsende floh die Familie vor den Bomben ins Allgäu. Dort litt der schüchterne Ali unter den Demütigungen durch andere Kinder.

"Ich wanderte durch die Auen und den Wald allein und träumte mir die Abenteuer, die ich in Wirklichkeit nicht erlebt habe, weil ich keine Freunde hatte", erinnerte sich der Künstler. "Da träumte ich mir zwei Freunde, einen dicken, großen, starken, der mir half, und einen kleineren, frecheren, schlaueren, der mir immer die besten Ausreden zuflüsterte. Mit denen habe ich dann so meine Abenteuer erlebt."

Ali Mitgutsch: Stets mit Block und Stift unterwegs

Nach dem Krieg wurde München für ihn zum Abenteuerspielplatz. Die Kinder zogen neugierig durch die Straßen, kletterten über Trümmer und erkundeten ausgebombte Keller. Mitgutsch schloss die Hauptschule ab, begann eine Lithographenlehre und später ein Grafikstudium. Er entdeckte das Reisen und erlebte Lappland, Nordafrika, Russland, Japan oder Indien. Die Empfänglichkeit für Eindrücke gepaart mit einer präzisen Beobachtungsgabe machten die Bilder des Künstlers so besonders. 2018 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

"Die einzelnen Geschichten in meinen Wimmelbildern basieren auf eigenen Beobachtungen. Dazu habe ich stets einen kleinen Block und einen Stift dabei und zeichne flink Skizzen, mit denen ich dann später arbeite", sagte der Münchner vor einigen Jahren. 

Mitgutsch hatte die Stifte zuletzt zur Seite gelegt. "Heute bin ich froh, wenn mir mein Stück Apfelkuchen nicht von der Gabel rutscht. So oder so ähnlich sehen heute die täglichen Herausforderungen für mich aus." Und: "Mein Leben ist längst stiller geworden."

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