Sex mit der schlimmsten Feindin
Am Anfang musste ich - eine Jugendliche der 90er - öfter an eine Foto-Lovestory aus der „Bravo“ denken. Die ersten Kapitel des Romans „Hotter in the Hamptons“ beschäftigen sich nämlich vor allem und ein wenig oberflächlich mit Fragen, die angeblich jeden jungen Menschen beschäftigen: Wie sehe ich aus? Finden mich die anderen gut? Was „turnt mich an”? Und wie mache ich es beim Sex „richtig”?
Die „Bravo“-Inhalte und die Foto-Lovestorys der heutigen Zeit findet man natürlich vorrangig in den Sozialen Medien. Da werden Träume generiert, Anziehungen getestet, Fragen gestellt und Antworten gesucht.
Unter diesem Aspekt passt es sehr gut, dass die bekannte amerikanische Influencerin Tinx dieses Buch geschrieben hat, das zunächst anmutet wie das große deutsche Jugendmagazin.
Eine Äußerung, die die Karriere zerstört
Die Protagonistin des Romans Lola ist 29 und Influencerin für Modethemen. Wegen einer unbedachten Äußerung, die ihr als homophob ausgelegt wird und eines polarisierenden Artikels, der ihr und dem gesamten Influencertum absolute Verflachung vorwirft, verliert sie alle Brand Deals und ihr ganzes PR-Team. Des Unheils noch nicht genug, verlässt sie auch noch ihr langjähriger Freund wegen Differenzen bei der Lebensplanung.
Ein absoluter Tiefpunkt, der dazu führt, dass Lola beschließt, den Sommer statt auf Capri mit ihrem schwulen besten Freund im noblen Ferienhaus eines Bekannten in den Hamptons zu verbringen, jenem Mekka der superreichen Ostküsten-Amerikaner auf Long Island. Im Nachbarhaus residiert ausgerechnet Aly Ray Carter, die Journalistin, die Lolas Karriere mit ihrem kritischen Artikel den Todesstoß verpasst hat. Unangenehm!

Dazu kommt jedoch eine andere Ebene: Bei aller Verzweiflung und Verunsicherung ist Lola von Aly, ihrem selbstsicheren Auftreten und ihrer unaufgeregten Körperlichkeit unglaublich fasziniert. Und sie fühlt sich von ihr wie elektrisiert und erotisch angezogen.
Die Beschreibung dieser Anziehung kommt anfangs auch noch etwas „Bravo“-haft daher. Interessanter und differenzierter wird es, als sich Lola und Aly nach Wochen der gegenseitigen Sticheleien und Anfeindungen bei einer persönlichen Aussprache tatsächlich näher kommen. Auf menschlicher und auf sexueller Ebene.
Die Schilderung der authentischen Zuneigung und Anziehung einerseits und der Zweifel und Unsicherheiten andererseits, die das Zusammensein der beiden sehr unterschiedlichen Frauen aufwirft, geht dann endlich sehr deutlich über das Bravo-Niveau hinaus. Anfangs steht bei Lola die Verunsicherung darüber im Mittelpunkt, wie sie - bis dahin eindeutig heterosexuell - nun ausgerechnet mit einer anderen Frau eine derart starke Verbindung erleben kann.
Welche Chancen hat eine Sommerliebe?
Je intensiver sich das Ganze im Verlauf des Sommers entwickelt, desto mehr geht es dann auch um grundsätzliche Fragen, wie eine Liebesbeziehung gelebt werden will: Wie geht man mit den Erwartungen der Partnerin um? Wie eindeutig muss eine Beziehung (oder eine sexuelle Ausrichtung) begrifflich definiert werden, damit sich alle Beteiligten wohl fühlen? Welche Rolle spielt die Vergangenheit der Partnerin?
Welche Chancen hat eine Sommerliebe, wenn nach Wochen der Inselsituation der Alltag in der Stadt wieder losgeht? Und: Was tun, wenn man spürt, dass einen die Liebesbeziehung von all dem abhält, was man sonst noch will im Leben?
Zu all diesen Fragen schreibt Tinx gelungene Szenen, Dialoge und innere Monologe, die berühren und zum Nachdenken anregen. Hier merkt man, dass die Autorin nicht nur ein TikTok- und Instagram-Sternchen ist, sondern durchaus auch auf literarischer Ebene etwas zu bieten hat. Vor ihrer Social-Media-Karriere hat sie Englische Literatur und Kreatives Schreiben studiert. Das macht “Hotter in the Hamptons” vor allem in der zweiten Hälfte doch noch zu einer gewinnbringenden Sommerlektüre - auch für Leserinnen und Leser, die dem „Bravo“-Alter deutlich entwachsen sind.
Tinx: „Hotter in the Hamptons” (S. Fischer Verlag, 384 Seiten, 17 Euro, als E-Book 14,99 Euro)
- Themen:

