Interview

Schriftstellerin Doris Dörrie im Interview: "Wir sind umstellt von Fiktion"

"Die Heldin reist" heißt das neue Buch von Autorin und Regisseurin Doris Dörrie. Im Interview spricht sie über unfreiwillige Helden, darüber wie sie gelernt hat, ihre Scham zu überwinden und warum sie eine Nacht in einer Sicherheitszelle verbracht hat.
| Günter Keil
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Die Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie.
Die Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie. © Constantin Film / Dieter Mayr

München - AZ-Interview mit Doris Dörrie: Die 66-jährige Autorin und Regisseurin wurde in Hannover geboren. Um Schauspiel und Theater zu studieren, zog sie nach Kalifornien und New York, für ihr Regiestudium kehrte Doris Dörrie nach Deutschland zurück, genauer gesagt nach München. 

Mehr als 30 Filme und 20 Bücher hat Doris Dörrie veröffentlicht. Parallel zu ihrer Regiearbeit veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Diese Woche ist ihr neues Buch "Die Heldin reist" erschienen. Darin erzählt sie von drei Reisen - nach San Francisco, nach Japan und nach Marokko - und davon, sich als Frau dem Ungewissen, Fremden auszusetzen und damit den eigenen Ängsten und Abhängigkeiten. So kann man "zur Heldin der eigenen Geschichte" werden.

"Echte Helden werden oft nicht belohnt."

AZ: Frau Dörrie, in welchen Momenten Ihres Lebens haben Sie sich als Heldin gefühlt?
DORIS DÖRRIE: Nur ein einziges Mal, als ich mein Kind zur Welt gebracht habe. Da dachte ich mir: Wow, das hast du jetzt wirklich geschafft! Ich dachte, ich bin zu blöd dazu.

Was ist mit Ihren Erfolgen als Regisseurin und Autorin oder mit Ihrem Entschluss, als junge Frau allein in die USA zu gehen - das waren doch auch heldenhafte Taten?
Nein. Das Denken in Heldinnen- oder Heldenmaßstäben liegt mir sehr fern. Erfolge sind ein kompliziertes Geflecht aus vielen Faktoren, das liegt nie nur an mir, an einer Person. Ein Held ist oft ein Einzelkämpfer oder tut zumindest so in seinem heldenhaften Gebaren, und so habe ich mich nie gefühlt. In meinem neuen Buch "Die Heldin reist" versuche ich den Begriff genauer zu umkreisen und so zu analysieren, dass der eine strahlende Held gegen den Rest der Welt als Modell überholt ist. Denn wenn einer es allein schafft, ist das Gegenteil von Gemeinschaft. Wir brauchen aber doch die Gemeinschaft, das Team, die Nachbarn, den "Rest der Welt" - sonst sind wir aufgeschmissen.

Das heißt, es gibt gar keine echten Helden?
Doch, aber oft sind sie es unfreiwillig geworden oder es wird ihnen zugeschrieben, obwohl sie es von sich weisen.

Wer ist für Sie ein Held?
Edward Snowden. Einer, der eine hohe Verantwortung auf sich genommen hat und ein enormes Risiko eingegangen ist. Echte Helden werden oft nicht belohnt. Die klassische Heldenreise im Kino hat dagegen oft mit Errettung und Belohnung zu tun. Oder nehmen Sie Schriftsteller und Reporter in Diktaturen - diese Menschen bewundere ich. Oder die, die in Corona-Zeiten in Krankenhäusern arbeiten. Ich habe mich oft gefragt, ab wann ich an ihrer Stelle davonlaufen würde.

"Einmal musste ich sogar eine Nacht in einer Sicherheitszelle verbringen"

Sie haben in den USA studiert, haben eine enge Beziehung zu Japan und Filme in beiden Ländern gedreht. Was reizt Sie am Reisen?
Unterwegs zu sein war immer mein Idealzustand. Unterwegs fühlte ich mich von mir selbst befreit und träumte unbeirrt weiter davon, in der Fremde eine andere, bessere Version meiner selbst zu werden. Der deutsche Traum der Bildungsreise, könnte man sagen. Die ganze Welt schien mir ein aufregender, aber prinzipiell freundlich zugewandter Ort zu sein, den ich nun zu durchwandern hatte, um zu lernen und zu wachsen. Mich faszinierten früher die Wandergesellen, die wie eine Mischung aus Rockstar und Hippie wirkten - ultracool. Meine Reise nach Kalifornien fühlte sich damals auch ein wenig an, als würde ich auf die Walz gehen.

Stimmt es, dass Sie in Ihr Einreiseformular für die USA als Berufsbezeichnung immer "Hausfrau" schreiben?
Ja, das hat sich bewährt. Wenn man keinen Ärger will, ist das genau der richtige Job.

Hat nie jemand gesagt: So sehen Sie aber gar nicht aus?
Nein. Es war genau umgekehrt. Als junge Regisseurin habe ich das Formular ehrlich ausgefüllt und musste mich prompt endlosen Verhören unterziehen. Einmal musste ich sogar eine Nacht in einer Sicherheitszelle im Flughafen von Los Angeles verbringen, weil mir die Polizisten nicht glaubten, dass ich einen Vertrag mit Columbia Pictures hatte.

"Denn was soll schon Schlimmes passieren, wenn man die Scham überwindet? "

Es fällt auf, dass Sie in Ihren Büchern zunehmend persönlicher und autobiografischer schreiben. War das eine bewusste Entscheidung?
Eher ein langer Weg mit vielen Kurven. Ich habe zwar schon immer leidenschaftlich geschrieben, aber ganz am Anfang empfand ich es als zu exzentrisch und größenwahnsinnig, Schriftstellerin werden zu wollen. Insofern war es für mich folgerichtig, Film zu studieren, um mich zu verstecken. Meine Drehbücher verwandelten sich in Zelluloid, und meine Texte wurden von Schauspielern und Schauspielerinnen interpretiert - diese Arbeit hat mir eigentlich immer am meisten Spaß gemacht, bis heute.

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Doch dann kamen auch Kurzgeschichten und Romane.
Das waren fiktive Geschichten, mit denen ich mich selbst weiterhin gut verstecken konnte. Der Wandel kam durch das Unterrichten an der Hochschule für Film und Fernsehen. Die Studierenden habe ich von Anfang an ermuntert, persönlicher und autobiografischer zu schreiben, um ihre eigene Stimme zu finden, und dadurch bin ich auch selbst als Schriftstellerin mutiger geworden. Denn was soll schon Schlimmes passieren, wenn man die Scham überwindet? Mehr als ein Shitstorm, der natürlich grässlich sein kann, ist nicht zu befürchten. Aber viel wichtiger ist, dass man durch die Überwindung der Scham eine Verbindung herstellt. Auch das Älterwerden hat mir geholfen - man merkt, dass man nicht so wichtig ist wie man dachte. Also kann man sich mehr leisten und mehr trauen. Inzwischen liebe ich das autobiografische Schreiben - vor allem, weil ich seit meinem Buch "Leben Schreiben Atmen" auf Lesungen und Workshops spüre, wie mein Blick auf die Welt ganz neue, tiefere Verbindungen zu meinen Lesern und ihrem Blick auf ihre Welt herstellt.

"Wir bewegen uns in einer komplett durchdramaturgisierten Welt"

Steckt dahinter auch die Sehnsucht nach dem Echten, Autobiografischen?
Absolut, denn wir sind umstellt und überfüttert von Fiktion. Alles braucht ein Narrativ, heißt es, sogar die Politik, und bei solchen Aussagen bekomme ich einen Brechreiz. Denn in der Politik sollte es nicht um Geschichten, sondern um die Wahrheit gehen. Wir bewegen uns in einer komplett durchdramaturgisierten Welt, und jedes Produkt hat ein Narrativ. Autobiografisches hat das jedoch nicht, denn das Leben entzieht sich der Dramaturgie. So entsteht der Wunsch nach etwas Ungefiltertem und Echtem, was auch immer das sein mag. Ich gebe jedoch zu: Das autobiografische Schreiben ist auch eine Lüge. Denn sobald ich mich erinnere, fiktionalisiere ich mich selbst, und alles, was ich schreibe, ist natürlich auch geformt und gestaltet.

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