Interview

Rom ist das Imperium der Superlative

Rom besaß ziemlich schmutzige Seiten, vor allem aber hat es funktioniert wie kein anderes Reich der Antike. Der Althistoriker Michael Sommer erklärt das in einem höchst unterhaltsamen Buch
von  Christa Sigg
Und plötzlich diese Fülle an Macht: Im US-Monumentaldrama „Quo vadis?“ von 1951 brilliert der junge Peter Ustinov als debiler Imperator Nero, der am Ende Rom abfackelt.
Und plötzlich diese Fülle an Macht: Im US-Monumentaldrama „Quo vadis?“ von 1951 brilliert der junge Peter Ustinov als debiler Imperator Nero, der am Ende Rom abfackelt. © United Archives / imago

Der Glanz Roms strahlt bis in unsere Tage. Doch der Preis war hoch, und den haben vor allem die kleinen Leute bezahlt. Die Elite ließ das völlig kalt. Sie war vielmehr darauf bedacht, die eigene Macht zu sichern. Und den Luxus. Das hat erstaunlich lange funktioniert. Wie und weshalb, darüber schreibt der Althistoriker Michael Sommer in seinem neuen Buch „Dirty Rome“.

AZ: Herr Sommer, der Titel Ihres Buches klingt nach einem Rom-Bashing, ist das denn nötig?

MICHAEL SOMMER: Bis auf Donald Trump und das „Make America Great Again“-Lager glaubt heute kaum noch jemand, dass es im alten Rom so toll war. Trotzdem spuken ein paar Denkschablonen vom Edlen, Schönen und Großartigen durch die Köpfe. Verglichen mit jeder anderen vormodernen Zivilisation war es in Rom natürlich um vieles besser. Man hatte fließendes Wasser, die meisten konnten lesen und schreiben.

Im Vergleich zum Mittelalter ist das schon viel.

Allerdings. Und doch darf man das Ausgesetztsein der Menschen gegenüber der Natur nicht vergessen. Man rechnete ständig mit dem Schlimmsten, selbst triviale Verletzung konnten den Tod bringen. Es gab unzählige Begrenzungen, aber die Römer haben es doch geschafft, den Menschen innerhalb des Reiches einen relativ guten Lebensstandard zu garantieren.

Ein Wunder der Baukunst ist die Kuppel des Pantheons in Rom, das zwischen 125 und 128 n. Chr. fertiggestellt wurde.
Ein Wunder der Baukunst ist die Kuppel des Pantheons in Rom, das zwischen 125 und 128 n. Chr. fertiggestellt wurde. © Cavan Images / imago

Bei Rom denkt man an herausragende Architektur

Heute nimmt man Prachtbauten wie das Pantheon oder die Amphitheater wahr. Wie haben die einfachen Leute gewohnt?

Es war im Grunde wie heute: Es musste sich rechnen. Wir haben mit Cicero sogar einen bekannten Vermieter, der recht kaltschnäuzig über die Menschen in seinem Wohnblock oder auf Lateinisch „Insulae“ spricht. Das waren Renditeobjekte. Entsprechend billig wurde gebaut. Einstürzende Häuser waren an der Tagesordnung.

Apropos „Dirty Rome“, flog der Dreck aus dem Fenster?

Es gab überall in der Stadt öffentliche Latrinen. Aber die vielen Menschen in Rom haben sehr dicht aufeinander gewohnt, die Häuser hatten durchweg fünf, sechs Stockwerke. Der Baugrund war teuer, das haben selbst die Toten gemerkt. Deshalb wurde für die Katakomben sehr tief gegraben und nicht etwa, weil sich irgendwelche Leute verstecken mussten. Wer eine Katakombe anlegte, musste nur den Grund für den Eingang kaufen. Für die Ausschachtungen konnte man auch hemmungslos unter dem Grundstück des Nachbarn graben. Deshalb gibt es diese unterirdischen Labyrinthe.

Garum kommt wie Ketchup über so ziemlich alles

Wie stand es um die Ernährung? Und warum wurde über alles Garum gekippt?

Man könnte meinen, das Essen sei nicht mehr ganz frisch gewesen. Aber diese Würzsoße war ja nicht billig. Genauso wurde bei den Reichen über alles Pfeffer gegeben. Selbst über Süßes. Pfeffer war äußerst teuer. Aber je exotischer, je stärker gewürzt, desto besser. Hätten wir bei Caesar getafelt, wäre der Fisch sicher frisch gewesen.

Und auf der anderen Seite der Gesellschaft?

Auf Rom beschränkt gab es die staatliche Getreideversorgung. Der Großteil der Bevölkerung - in Rom lebten vielleicht eine Million Menschen - gingen keiner geregelten Beschäftigung nach. Die verdienten sich als Tagelöhner. Wenn es zum Überleben nicht gereicht hat, hatte man Anspruch auf staatliche Getreiderationen. Dafür stand der Kaiser. Auch in der Republik war das Getreide für die unteren Schichten subventioniert.

Die hygienischen Verhältnisse sind noch im 19. Jahrhundert katastrophal, auch in München. Rom ist dagegen bekannt für seine Badekultur. War sie den Reichen vorbehalten?

Zumindest der Besuch der staatlichen oder kommunalen Bäder wie der Caracalla-Thermen oder der Diokletians-Thermen waren gratis, in die konnte jeder eintauchen - auch Sklaven. Das heißt, wenn ihnen erlaubt wurde, baden zu gehen. Die Bäderkultur war schon relativ demokratisch. Es gab natürlich auch private Bäder, die man gegen Gebühr nutzen konnte.

Am Tiber muss es in antiken Zeiten unfassbar gestunken haben. Hier sieht man im Hintergrund die Engelsburg, die 139 als Grabstätte für den ein Jahr zuvor verstorbenen Kaiser Hadrian fertiggestellt wurde.
Am Tiber muss es in antiken Zeiten unfassbar gestunken haben. Hier sieht man im Hintergrund die Engelsburg, die 139 als Grabstätte für den ein Jahr zuvor verstorbenen Kaiser Hadrian fertiggestellt wurde. © Francesco Fotia Agf / imago

Der Gestank am Tiber war unfassbar

Meistens sind die Abwässer das Problem. Hat das in Rom wirklich so gut funktioniert?

Sagen wir so, es hat besser funktioniert als in den Gesellschaften drumherum, die keine Kanalisation hatten, und sicher besser als in den meisten mittelalterlichen Städten. Das eigentliche Problem blieb trotzdem, denn was macht man mit dem ganzen Unrat aus der Kanalisation? Am Tiber muss es unfassbar gestunken haben.

Im Buch geht es auch um die sozialen Verwerfungen, die den Alltag bestimmt haben.

Wer Pech hatte und sozial abstieg, konnte in der antiken Gesellschaft sehr tief fallen. Der Staat betrieb keinerlei Vorsorge. Es gab auch keine Armenfürsorge, also noch nichts, das auf so etwas wie Barmherzigkeit basiert war, oder ein Almosenwesen. Die Krise der römischen Republik in den 60er und 50er Jahre vor Christus wurde vor allem dadurch ausgelöst, dass die Menschen schwere Not litten.

Schon Cicero warnt vor den Popularen

Und wir reden wahrscheinlich über sehr niedrige Standards.

Das hat nichts mit den Debatten um die soziale Gerechtigkeit in unserer Zeit zu tun. Es ging damals ums bloße Überleben. Der Elite fehlte jedes Verständnis dafür, dass es überhaupt ein Problem gab. Deshalb haben die römische Nobilität und die Clique der Herrschenden jede Legitimität verspielt. Man kann beobachten, wie eine politische Ordnung in kurzer Zeit - wir reden hier von 20 Jahren - die Zustimmung verliert.

Kommen jetzt die Popularen ins Spiel, vor denen Cicero warnt?

Ja, immer wenn die Menschen Nöte leiden oder auch nur den Eindruck haben, es läuft nicht richtig rund und die da oben können es nicht, schlägt die Stunde derer, die sich als Anwälte des Volkes inszenieren und Alternativen anbieten. Zum Teil radikale Alternativen und oft genug aus unlauteren Motiven heraus. In der römischen Republik waren das Männer wie Publius Clodius, der seine Ziele mit Straßenterror durchzusetzen versuchte.

Wie durchlässig war das System für Aufsteiger? Cäsar kam aus der Subura, also keinem noblen Viertel.

Er stammt aber aus einer ehemals reichen Patrizierfamilie. Das war ältester Adel, doch finanziell einfach auf den Hund gekommen. In der römischen Republik war es eigentlich unmöglich, sich von ganz unten nach ganz oben zu arbeiten. Schon die Karriere Ciceros zum Konsul ist außergewöhnlich, der kam aus dem Ritterstand und damit aus der zweiten Reihe. Erst ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus haben wir richtige Aufstiegsgeschichten. Nehmen Sie Pertinax. Der war Sohn eines Freigelassenen, hat in der Armee Karriere gemacht - und 193 ist er römischer Kaiser geworden.

Vom Sohn eines Sklaven zum Kaiser

Ein kurzes Intermezzo.

Nur ein paar Monate, aber immerhin. Mehr Aufstieg „vom Tellerwäscher zum Millionär“ geht doch nicht.

Wie sehr hat die Bildung nach oben geholfen?

Der Aufstieg durch Bildung war tatsächlich möglich und in den Provinzen immer auch mit der Botschaft verbunden: Wenn ihr loyal seid und - modern gesagt - bildungs- und integrationswillig, steht euch in diesem Imperium jede Karriere offen. Dieses Aufstiegsversprechen war mit verantwortlich für den Erfolg Roms.

In einem immer größer werdenden Reich steigt auch das Potenzial an Macht und deren Missbrauch. Man denkt sofort an Nero und Caligula. Sind das psychopathische Ausnahmen?

Tacitus beschreibt bei Nero den Moment, als er erkannte, dass er als Kaiser tun und lassen konnte, was er wollte. Diese Machtfülle sei so unfassbar groß gewesen, dass sie zum Missbrauch einlud. Aber war das wirklich so? Wir wissen es nicht. In der römischen Geschichtsschreibung fällt auf, dass immer die Kaiser schlecht abschneiden, die es nicht geschafft haben, ihre Herrschaft in die Hände eines Nachfolgers zu legen. Ist das gelungen, gingen sie fast ausnahmslos als gute Kaiser in die Geschichte ein. Warum? Weil sie mitbestimmt haben, wie die Nachwelt über sie denkt, und die Nachfolger sich zu einer gewissen Dankbarkeit verpflichtet fühlten.

Schlechte Kaiser sind: grausam, verfressen, pervers

Nero wurde gestürzt.

Und Caligula wurde getötet. Domitian fiel einem Attentat zum Opfer. In solchen Fällen haben sich die Publizisten sofort ins Zeug gelegt, um dem Nachfolger zu gefallen. Gegenüber dem verblichenen Kaiser konnte man leicht austeilen.

Der Syrer Elagabal (203-222 n. Chr.) wurde im Alter von gerade einmal 14 Jahren zum Kaiser ausgerufen. Seine Regierungszeit war berüchtigt für religiöse Kontroversen und Sexskandale. Es heißt, er sei bis zu fünf Mal verheiratet gewesen, habe zahlreiche männliche Liebhaber gehabt und soll sogar als Prostituierter gearbeitet haben. Aber weiß man‘s wirklich? Lawrence Alma-Tadema zeigt auf seinem Gemälde von 1888 das berühmt-berüchtigte Mahl, bei dem die Gäste unter Rosenblättern erstickt sein sollen.
Der Syrer Elagabal (203-222 n. Chr.) wurde im Alter von gerade einmal 14 Jahren zum Kaiser ausgerufen. Seine Regierungszeit war berüchtigt für religiöse Kontroversen und Sexskandale. Es heißt, er sei bis zu fünf Mal verheiratet gewesen, habe zahlreiche männliche Liebhaber gehabt und soll sogar als Prostituierter gearbeitet haben. Aber weiß man‘s wirklich? Lawrence Alma-Tadema zeigt auf seinem Gemälde von 1888 das berühmt-berüchtigte Mahl, bei dem die Gäste unter Rosenblättern erstickt sein sollen. © CPA Media Co. Ltd. / imago

Wurden nicht über Elagabal die verrücktesten Dinge verbreitet?

Bei schlechten Kaisern sind es immer dieselben Stereotypen: Sie sind grausam, verfressen, pervers, dem Luxus verfallen. Und bei Elagabal, dem Letzten in dieser Galerie, lässt man es noch mal richtig krachen. Dem wurde wirklich alles angedichtet, von der Arbeit als Prostituierte mit Perücke bis zu exorbitanten Gelagen, bei denen die Gäste unter Blüten erstickten. Klingt das realistisch?

Es geht eben nichts über ein gutes Gerücht.

Gerüchte spielen in dieser medienarmen Gesellschaft eine enorm wichtige Rolle. Doch interessant: Die Situation in der römischen Welt ist analog zu unserer von Medien völlig übersättigten Gegenwart. In beiden sind rationale Filtermechanismen kaum noch möglich. Insofern breiten sich die Dinge, ob wahr oder erfunden, in einem Affenzahn aus. Gerüchte sind das römische Instagram.

Rom bietet einen Crashkurs in Politik

Seit ein paar Jahren werden Politiker der Großmächte mit den Imperatoren im alten Rom verglichen. Im kultivierten Florenz oder im päpstlichen Rom war man doch auch nicht zimperlich. Warum immer die Antike?

Schon der Renaissance-Philosoph Machiavelli hat erkannt, dass Rom für jeden Politikinteressierten das perfekte Laboratorium darstellt. Die Griechen waren die ersten, die auf die Idee kamen, eine Gesellschaft zu gestalten, also Politik zu machen. Die Römer haben das perfektioniert und insofern zeigen die Republik und die Kaiserzeit, was alles möglich ist. Die römische Geschichte bietet einen Crashkurs in Politik.

Aber warum ist Rom gerade jetzt so populär?

Es hängt nicht nur damit zusammen, dass Trump und sein Umfeld zutiefst von Rom fasziniert sind. Das ist eine teils rationale, teils aber auch sehr kindliche Faszination, die man nicht zu niedrig hängen sollte. Seit ein paar Jahren sind wir von beträchtlichen Krisen umgeben und erleben durch Länder wie Russland, China oder den Nahen Osten einen wahren Neoimperialismus. Das Ausmaß ist so gewaltig, dass wir an den Rand unserer Sprachfähigkeit gelangt sind. Jetzt kommt Rom ins Spiel, denn es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Für jeden politischen Winkelzug kommen die Begriffe aus der Antike

So ziemlich jeder Begriff aus der Politik oder aus dem Staatswesen geht auf das alte Rom zurück. Hier sind das Kolosseum und der Konstantinsbogen als Zeichen imperialer Macht zu sehen.
So ziemlich jeder Begriff aus der Politik oder aus dem Staatswesen geht auf das alte Rom zurück. Hier sind das Kolosseum und der Konstantinsbogen als Zeichen imperialer Macht zu sehen. © Zoonar.com Dieter Meyer / imago

Die römische Geschichte liefert die passenden Begriffe?

Ja. Ich sage natürlich nicht, Donald Trump ist wie Caligula, und ich würde auch nie behaupten, die USA verhalten sich wie die römische Republik. Aber in der römischen Antike gibt es bestimmte politische Grundmuster und Strukturen, für die damals Begriffe gefunden wurden. Zum Beispiel Autokratie oder auch Populismus.

Und was war im alten Rom besonders „dirty“?

In Rom ist ein hoher Anspruch an eine Rechtsstaatlichkeit entwickelt worden. Insofern wiegen alle Verstöße gegen diese Rechtsstaatlichkeit ungleich schwerer als in anderen Gesellschaften, die noch gar keinen Begriff von Recht und Gerechtigkeit haben. Das mag abstrakt klingen, aber in Rom sind bestimmte Dinge so richtig dirty, weil es einen klaren Gegenentwurf gibt. Es ist alles gesetzlich geregelt, es hätte auch korrekt laufen können.

Michael Sommer: „Dirty Rome. Die schmutzige Seite der Antike“ (C.H. Beck, 352 Seiten, 26 Euro)

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