Rekonstruktion der Nibelungensage: Ein Bier für Hagen, bitte

Felicitas Hoppe rekonstruiert die Nibelungensage in ihrem neuen Roman auf eigenwillige Weise.
| Bernhard Viel
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Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe.
Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Der Todesreigen beginnt mit blutigem Mord: Volker, Waffenbruder des finsteren Hagen, schlägt dem Sohn Kriemhilds und König Etzels beim Gastmahl den Kopf ab. Kriemhilds Trauer freilich hält sich in Grenzen: Sie hat ihre Verwandten aus Burgund, König Gunther und seine Vasallen, nur deshalb an Etzels Hof geladen, um sich an ihnen für die Ermordung ihres geliebten Gatten Siegfried zu rächen.

Ihr Plan geht auf: Nach einem irrwitzigen Gemetzel türmen sich im Nibelungen-Saal die verstümmelten Leichen: "Es konnte niemand mehr die Feindseligkeit schlichten. Deshalb sah man das Blut aus tiefen, tödlichen Wunden fließen…"

Von Hitler und Goebbels für die Kriegspropaganda schamlos missbraucht, legt das im 13. Jahrhundert entstandene "Nibelungenlied" indessen jene Spielregeln frei, die alle Beteiligten gnadenlos in den Untergang reißen: Ein kompliziertes Geflecht aus Bündnissen und Eitelkeiten, deren fatale Verkettung an den Beginn des Ersten Weltkriegs erinnert.

"Die Nibelungen" auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis

Felicitas Hoppe hellt in ihrem soeben erschienenen Buch "Die Nibelungen", das es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat, die Nähe des Nibelungenlieds zu unserer jüngsten Geschichte auf. Das deutet bereits der Untertitel an: "Ein deutscher Stummfilm" - ein Hinweis auf Fritz Langs furiose Verfilmung der Nibelungensage von 1924: Lang lässt in diesem düsteren Monumentalwerk eine Galerie zwanghafter Helden sich bewusstlos wie Schlafwandler in den Untergang kämpfen.

Im Gegensatz zu Fritz Lang aber modernisiert Felicitas Hoppe ihre Helden radikal, entblößt sie aller Tapferkeit, sodass von Gunther, Gernot und Giselher, Hagen und Brunhilde nur noch gewöhnliche Alltagsmenschen übrigbleiben. "Gebt mir ein Bier", ist Hagens heißester Wunsch.

Allein, Hoppe sitzt so recht der Schalk im Nacken: Ihr "Roman" genanntes Gaukelspiel mit Bruchstücken der Nibelungensage mutet streckenweise zwar so grotesk an, als wetteifere es mit dem Da-Da-Programm eines Hans Arp. Am Ende aber geht es der Autorin weniger um die Zerstörung des Mythos, als eher um dessen, wenn auch höchst eigenwillige, Re-Konstruktion. Ja, es scheint fast, als wolle Hoppe mit dieser bizarren Nacherzählung klammheimlich ein wenig dem Programm der Original-Nibelungen folgen, die bekanntlich mit einem Ausblick beginnen: "Uns ist in alten maeren / wunders viel geseit…" - "Uns ist in alten Geschichten viel Wunderbares berichtet, von tapferen Helden und harten Kämpfen / Von Freude und großer Zeit / Von Weinen und von Klagen…" Kurzum: Der Prolog verspricht nichts weniger, als das ganze Leben mit seinen Kämpfen, Siegen und Niederlagen, das Leben in seiner unveränderlichen Gestalt vorzuführen.

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Und genau dies versucht Felicitas Hoppe mit ihrem Post-Epos zu wiederholen, indem sie das Geschehen ihrer Mythen-Rhapsodie auf den Domplatz zu Worms verlegt, jenem Ort, an dem das Nibelungenlied beginnt - eine schillernde Nachinszenierung des barocken Welttheaters, an dem sich des Lebens Schauspiel als phantastischer Traum darbietet: "Denn das Publikum will immer alles: den Kopf und das Herz, den unsterblichen Helden und sein menschliches Antlitz, tiefen Trost und federleichte Erbauung."

 Fröhliches Umherhüpfen auf dem Felde blühender Assoziationen

Hoppes Umgang mit dem Mythos ist also durchaus konservativer, als es ihr fröhliches Umherhüpfen auf dem Felde blühender Assoziationen vermuten lässt. Verräterisch ist dabei auch, dass die vielfach preisgekrönte Autorin ihr Buch selbstbewusst keinem Geringeren als dem 1984 verstorbenen Uwe Johnson widmet: Auch Johnson verstand sich virtuos darauf, verschiedene Zeitebenen zu verknüpfen, Perspektiven zu wechseln, in den Strom seiner Erzählung O-Töne historischer Figuren, Nachrichtensplitter, Gedankenfetzen aufzunehmen - so entwickelt sich in seinen Jahrestagen ein breit angelegtes weltgeschichtliches Panorama.

Doch so bewegt Johnsons Erzählung an ihrer Oberfläche auch scheint: Die Geschichte strebt bei ihm immer auf einen metaphysischen Fluchtpunkt hin, ähnlich der Zentralperspektive auf den Gemälden Alter Meister. Und dies ist ohne Frage auch die Absicht Felicitas Hoppes - wobei sie ihr Spiel diesmal bis zu jenem Extrempunkt treibt, an dem die Handlung sich in ein Geflecht pointillistischer Sprach-Malerei auflöst, an der Grenze zur Selbstparodie entlanghüpft und auch dem geübten Leser nicht wenig Geduld abverlangt.

So markieren diese Nibelungen ein äußerstes Ausreizen des neo-expressionistischen Hoppe-Stils. Der Rückkehr zu einer eher johnsonschen, also bei aller kühnen Montage-Technik doch kompakteren Erzählweise, stünde somit nichts im Wege.

Felicitas Hoppe: "Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm" (S. Fischer, 256 Seiten, 22 Euro)

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