Peter Stamm mit neun frischen Geschichten: „Auf ganz dünnem Eis“

So authentisch mancher Mensch erscheinen mag - das Ich ist immer eine Inszenierung. „Eine Art Tusch ertönt, während Susan auf die Bühne tritt, ihre Schritte wirken zugleich entschlossen und unsicher. Sie hat den linken Arm in die Seite gestützt und lässt ihn hin- und herpendeln, ihre Bewegungen wirken wie die einer Cartoonfigur.“
Zwischen exakter Beobachtung und humoristischer Deutung lässt Peter Stamm seine Erzählung „Unglaublich und emotional und fantastisch“ beginnen. Und auch in der Folge beschreibt er akribisch genau, wie Susan Boyle 2009 in der dritten Staffel der Casting-Show „Britain’s Got Talent“ überraschend für Furore sorgte. Vor der dreiköpfigen Jury sang sie „I Dreamed a Dream“ aus dem Musical „Les Misérables“, träumte dabei selbst von einer Profi-Gesangskarriere, obwohl sie bereits 47 Jahre alt war.
Alles falsche Emotionen - außer bei der Sängerin
Stamm beschreibt jede Regung der Sängerin, des Publikums - und der Jurymitglieder, die im Bewusstsein, dass alles von Kameras aufgenommen wird, sich natürlich auch selbst in Szene setzen. Nichts ist echt, alles soll aber echt wirken. Die kalkulierte Emotionalität, die hinter dem Erfolg der Casting-Show steckt, macht Stamm durch die detaillierte Beschreibung offensichtlich, zeigt zudem, wie redundant die „echten“ Gefühlsausbrüche sind, indem er in einer Parallelhandlung den „Nessun dorma“-Auftritt von Paul Potts in der ersten Staffel der Castingshow - zwei Jahre vor Boyle - im Jahr 2007 minutiös schildert.

Für diese Geschichte muss der Schweizer Schriftsteller die Videoaufzeichnungen der Auftritte von Boyle und Potts eingehend studiert haben. „Unglaublich und emotional und fantastisch“ ist ein faszinierendes Beispiel für die penible Erzählkunst Stamms. Neun frische Geschichten sind in dem Band „Auf ganz dünnem Eis“ versammelt.
Stamm, der 1963 als Sohn eines Buchhalters in Scherzingen im Kanton Thurgau geboren wurde und nach einer kaufmännischen Lehre selbst einige Zeit lang als Buchhalter arbeitete, erweist sich erneut als Autor, der seine Worte mit ökonomischer Präzision zu setzen weiß.
Kein Wort wirkt zu viel, jedes Detail leuchtet, und während Stamm manche Szene plastisch dicht ausmalt, lässt er in anderen Momenten Leerstellen klaffen, auf dass seine Leserschaft sie mit ihrer Fantasie füllt. So stürzt Stamm sein Stammpublikum in der Geschichte „Auf dünnem Eis I“ in gehörige Verwirrung, wenn er bruchstückhaft von einer
Schauspielerin erzählt, die in einer psychiatrischen Klinik für angehende Ärzte Patientinnen spielt. Dass sie zudem eine Rolle für ein Vorsprechen vorbereitet, markiert Stamm nicht, sondern lässt die diversen Ebenen der Ich-Erzählung bewusst verschwimmen.
Ob sie nun Schauspieler sind oder nicht - die Menschen in Stamms Erzählungen nehmen bestimmte (berufliche) Rollen ein, füllen sie aus, hadern mit ihnen, zum Beispiel der Schweizer Skilehrer, der in der ersten Erzählung „Lieke schreibt…“ in einer Skihalle im Ruhrgebiet jobbt. Als eine ältere holländische Skischülerin mit ihm flirtet, zeigt er sich zunächst abweisend, sehnt sich dann doch nach Kontakt. Auf dem Handy-Display steht „Lieke schreibt…“, und allein diese Information lässt sein Herz höherschlagen.

Gerade in seinen neuen Geschichten zeigt Stamm verstärkt, welche Auswirkungen die digitalen Medien auf die zwischenmenschliche Kommunikation haben. In „Auf dünnem Eis II“ setzt er die Geschichte der Schauspielerin fort, lässt sie mit einem Assistenzarzt anbandeln, wobei die beiden sich annähern, indem sie nebeneinander auf Parkbänken sitzend sich stundenlang Nachrichten hin- und herschicken.
Die Kunst, sich einzufühlen, auch wenn es bizarr wird
Auch in der Geschichte „Mars“ ersetzt die digitale Kommunikation den direkten Austausch: Der junge Laurin zieht sich in den Keller des Familienhauses zurück, um dort monatelang eine Marsmission zu simulieren. Mit seinen Eltern kommuniziert er nur noch übers Handy, wobei der Vater der Phantasterei des Sohnes bei aller Verzweiflung Positives abgewinnen kann: „Seit er im Keller ist, sehe ich die Welt tatsächlich wie neu, als sähe ich sie durch seine Augen. Vieles, was vorher selbstverständlich war, kommt mir jetzt seltsam und unglaublich vor, unser Alltag, unsere Gewohnheiten, was uns beschäftigt.“
Ähnlich funktionieren die Erzählungen Stamms: Indem er sich in andere Menschen einfühlt und ihre Innen- und Außenansichten genau vermittelt, gewinnt man als Leser eine neue Perspektive auf die Welt - vielleicht ja auch aufs eigene Leben und die Rollen, die man auf den Bühnen des Alltags spielt.
Peter Stamm „Auf ganz dünnem Eis“ (S. Fischer, 192 Seiten, 24 Euro). Peter Stamm liest am 5. März, 19 Uhr, im Literaturhaus München www.literaturhaus-muenchen.de