Neues Buch von Herfried Münkler: Die Wiederbelebung der Ikonen

Zum 70. Geburtstag hat der Politologe Herfried Münkler ein neues Buch über Marx, Wagner und Nietzsche herausgebracht.
| Oliver Pfohlmann
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Der Politologe und Autor Herfried Münkler.
Der Politologe und Autor Herfried Münkler. © Foto: Sören Stache/dpa

Ein Gesellschaftstheoretiker, ein Komponist und ein Philosoph - was werden die sich schon groß zu sagen haben? Eine ganze Menge, wenn sie Karl Marx, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche heißen. Allerdings führen diese drei Geistesriesen im neuen Buch von Herfried Münkler nur ein "imaginäres Gespräch". Denn auch wenn diese drei Zeitgenossen waren, haben sie sich zu ihren Lebzeiten eher wenig miteinander beschäftigt.

Sicher, Nietzsche hat sich bis zu seinem Sturz in den Wahnsinn am Phänomen Wagner abgearbeitet. Aber Marx war in Sachen Kunst viel zu konservativ, als dass er für Wagners musikalische Revolutionen ein Ohr gehabt hätte. Die ersten Festspiele 1876 verspottete er sogar abfällig als "Bayreuther Narrenfest".

Es gibt einiges, was Marx, Wagner und Nietzsche verbindet

Für den Politologen Herfried Münkler ein Marxsches Versäumnis, enthalte doch gerade Wagners "Ring" eine kapitalismuskritische Dimension, die erst in jüngerer Zeit wiederentdeckt worden sei. Ähnelt das Machtringen zwischen Wotans göttlichen Lichtalben und Alberichs Zwergen nicht frappierend dem Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat? Doch während Marx die Geschichte von der Eigendynamik gesellschaftlicher Strukturen angetrieben sah, dominieren bei Wagner individuelles Machtstreben und allzu menschliche Gefühle wie Neid oder Habgier.

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Es gibt einiges, was Marx, Wagner und Nietzsche verbindet, betont Münkler. Zum Beispiel, dass alle drei nach ihrem Tod sakralisiert und aus ihren Werken sogenannte "Ismen" gemacht wurden: Marxismus, Wagnerismus, Nietzscheanismus. Gerade Letzterer verdrehte mittels verfälschender Textausgaben Nietzsches Gedanken glatt ins Gegenteil, ließ aus dem überzeugten Europäer einen Vordenker des Nationalsozialismus werden. Und im Unterschied zum wahrheitsgewissen Marxismus war dessen Namenspatron ein sympathisch skeptischer und selbstkritischer Denker. Weshalb Münkler glaubt, dass der Widerspruchsgeist Karl Marx im real existierenden Sozialismus glatt um sein Leben hätte fürchten müssen.

Zwischen Marx, Wagner und Nietzsche gibt es einige Parallelen

Nicht von ungefähr also zeichnet sich Münklers Parallelisierung der drei durch große Quellennähe und Zitierfreudigkeit aus. Wie von selbst erwachen so die zu Ikonen Erstarrten wieder zum Leben. Elegant erzählt und analytisch anspruchsvoll, umkreist Münklers 700-Seiten-Werk die Drei anhand ausgewählter "Knotenpunkte". Das kann Historisches sein wie der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 oder Psychologisches wie ihr Umgang mit Krankheit oder Kritik.

Und natürlich ebenso Politisches wie ihr Verhältnis zur Revolution, zu Deutschland oder zum Antisemitismus. Die drei nebeneinanderzustellen macht dabei immer wieder überraschende Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede sichtbar und sorgt für eine aufregende, wechselseitige Profilschärfung.

Man nehme nur ihr jeweiliges Verhältnis zum Geld. Zwei der drei, Karl Marx und Richard Wagner, wurden zeitlebens von Schulden regelrecht erdrückt. Der Ökonom ersehnte zwar theoretisch eine kommunistische Gesellschaft, lebte aber praktisch von den Erträgen der Textilfabrik seines Freundes Friedrich Engels. Ähnlich der Bohemien Wagner, der von einer neuen klassenlosen Volkskunst träumte, sich sein luxuriöses Leben aber von Ludwig II. finanzieren lassen musste.

Einzig Nietzsche war nicht von Schulden geplagt

Nur Friedrich Nietzsche hatte nie Geldsorgen: Mochte er philosophisch die vitalistische Kraft dionysischer Ausschweifungen ersehnen, so lebte er in der Wirklichkeit so bescheiden, dass er nie Probleme hatte, mit seinem Professorengehalt auszukommen.

Herfried Münkler glaubt, dank Neueditionen und Neuinszenierungen seien diese drei Denker erst heute wirklich zu sich selbst gekommen. Und stünden uns nun im 21. Jahrhundert als kritische Begleiter zur Verfügung. Zur anhaltenden Aktualität der drei hätte man von dem renommierten Politikwissenschaftler aber gern mehr und Konkreteres gelesen als Feststellungen wie die, dass Marx der erste Globalisierungskritiker war oder Richard Wagner ein Vordenker des ökologischen Denkens.


Herfried Münkler: "Marx Wagner Nietzsche: Welt im Umbruch" (Rowohlt Verlag, 720 Seiten, 34 Euro)

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