Neues Buch: Mit Gänsehaut im Niemandsland des Liebeskummers

Vom Wahnsinn der Liebe: Alma Mathijsens fantastische Erzählung "Ich will kein Hund sein".
| Roberta De Righi
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Die holländische Autorin Alma Mathijsen. Foto: Merlijn Doomernik
Die holländische Autorin Alma Mathijsen. Foto: Merlijn Doomernik © Merlijn Doomernik

Ein Cairn Terrier ist ein ungemein niedlicher Hund - nicht zu groß, wuschelig, weckt bei fast jedem den Streichel-Impuls. Ein Haustier zum Knuddeln. Die Protagonistin in Alma Mathijsens Erzählung "Ich will kein Hund sein" möchte - anders als der Titel behauptet - lieber so ein Hündchen werden, als ohne den Liebsten leben.

Die junge Frau, die man nur unter dem Kosenamen ihres Ex-Freundes, als "Flauf" kennenlernt, denkt nach der Trennung an Selbstmord, besorgt sich Schlaftabletten und Antidepressiva. Als alle Versuche scheitern, den Liebeskummer zu besiegen, findet sie im Internet ein seltsames Angebot: "Wir bieten einen Ausweg. Für alle Menschen mit einem weinenden Herzen. Ist Ihr Körper nur noch eine Hülle, die Sie an bessere Zeiten erinnert? Dann warten Sie nicht länger, sondern beginnen Sie mit der Transformation."

Bizarre Chronik einer Verwandlung

Mathijsen (geboren 1984) zieht die irritierend realistische Schilderung dieses surrealen Vorgangs konsequent durch: Sie skizziert eine intensive Beziehung, malt ausführlich den grausamen Entzug aus - und die bizarre, gruselige und herzergreifende Chronik einer Verwandlung.

"Liebeskummer ist Niemandsland. Es gibt keine Regeln, Bräuche, Rituale. Ich könnte deine Liebesbriefe verbrennen, nur hast du sie nie geschrieben, und deine Mails auszudrucken, um sie dann anzuzünden, fände ich eigentlich nur umständlich."

Bewusste Entscheidung zur Tierwerdung

Logo, dann lieber zum Hund werden. Die Hilflosigkeit einer Generation von digital natives im Umgang mit den normalen Katastrophen des Lebens bringt die holländische Schriftstellerin derart grotesk auf den Punkt, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.

Das Heilsversprechen lautet: Liebe gegen Hörigkeit

Anders als Kafkas Gregor Samsa, der - ohnmächtig gegen seine erdrückenden Lebensumstände - zum hilflosen Käfer wird, entscheidet sich "Flauf" bewusst für die Tierwerdung.

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"Wie viele andere Menschen möchten Sie ein Hund werden. Die Vorhersehbarkeit ihrer Tage wird Sie nicht mehr stören, sondern beglücken.", beschreibt die Agentur ihr Angebot. Das Heilsversprechen lautet: Liebe gegen Hörigkeit.

Alma Mathijsen: Ihre Eltern sind bekannte Intellektuelle

Und anders als Goethes Werther bringt sich "Flauf" immerhin nicht um. Oder doch? Mathijsen schildert einen bald unumkehrbaren Prozess, der mit mehr Haarwuchs auf den Armen beginnt und im Verlust von Sprache und Bewusstsein endet.

Ob das besser als der Tod ist, darf im Sinne des Titel-Paradoxon bezweifelt werden. Oder ist das Schicksal von "Flaufs" Halbhund-Freund Gerard, bei dem die Verwandlung nicht klappt und der als Mischwesen im Niemandsland stirbt, noch tragischer?

Mathijsens Eltern sind in der holländischen Intellektuellenszene keine Unbekannten: Ihre Mutter ist Literaturwissenschaftlerin, ihr 1994 verstorbener Vater war Musiker. Über ihn verfasste sie 2014 ihren bisher nicht auf Deutsch erschienenen Roman "De grote goede dingen". "Ich will kein Hund sein" ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.

Die entscheidende Frage: Was macht den Menschen aus?

Darin beschreibt sie einerseits naives Vertrauen in eine an sich beängstigende Biotechnologie. Die Autorin reizt aber auch die Komik, die in dem Thema steckt, aus: Am Anfang der Therapie will "Flauf" wissen, welcher Hund sie wird. "Wir listen alle Eigenschaften der Menschen auf, bevor der Übergang beginnt, und bisher ist noch nie ein Rechtshänder Dalmatiner geworden."

Alma Mathijsens Buch kreist um die fundamentale Frage nach dem, was den Menschen ausmacht. Dabei schillert "Ich will kein Hund sein" zwischen den Genres. Auch wenn das Resultat der Verwandlung kein Ungeheuer ist, bekommt man beim Lesen Gänsehaut. Nach der Lektüre sieht man jeden Hund auf der Straße mit anderen Augen.


Alma Mathijsen: "Ich will kein Hund sein" (C.H. Beck, 158 Seiten, 18 Euro)

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