Neues Buch "Deutsche Dämonen": Wunderheiler und Hexenbanner

Eine andere Geschichte der deutschen Nachkriegszeit: Monica Blacks Studie "Deutsche Dämonen".
| Oliver Pfohlmann
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Der überaus populäre Geistheiler Bruno Gröning hatte einen monströsen Kropf.
Der überaus populäre Geistheiler Bruno Gröning hatte einen monströsen Kropf. © Imago

Blinde, die wieder sehen können, Lahme, die ihre Krücken wegwerfen und einen neuen Messias ausrufen - Palästina zur Zeit Jesu? Nein, Rosenheim 50 Kilometer von München entfernt, im Jahr 1949. Kinder, denen die Muttergottes erscheint und deren Berichte dazu führen, dass sich anderthalb Millionen Pilger auf den Weg machen - im Mittelalter? Nein, im fränkischen Heroldsbach 1950.

Umfangreiche Archivrecherchen: US-Historikerin Monica Black liefert Studie

Und auch die Menschen, die ihre Nachbarn der Hexerei bezichtigten, weil sie in ihren Federbetten ominöse nestförmige Muster zu entdecken glaubten, lebten nicht etwa im 16. Jahrhundert, sondern 1952, im schleswig-holsteinischen Dithmarschen.

Geschichtsbücher erzählen vom Deutschland der Nachkriegszeit gewöhnlich in Form einer Erfolgsgeschichte: Am Anfang waren Stunde Null, Zigarettenwährung und Trümmerfrauen, bald darauf Wirtschaftswunder, D-Mark und Demokratie, jedenfalls im Westen.

An die eher bizarren Aspekte der Jahre nach 1945, wie das Auftauchen von Erweckungspredigern, Weltuntergangsgerüchten und Wunderheilern, erinnert nun die US-Historikerin Monica Black in einer auf umfangreichen Archivrecherchen beruhenden Studie, die man ebenso gefesselt wie ungläubig liest.

Menschen in Krisen suchen Halt im Irrationalen 

Und die mit Blick auf den heutigen Boom von Verschwörungserzählungen oder angeblichen Corona-Wundermedikamenten in mancherlei Hinsicht geradezu unheimlich aktuell anmutet. Dabei sollten die Entdeckungen der in Tennessee lehrenden Sozial- und Kulturwissenschaftlerin eigentlich keine Überraschung sein.

Schließlich war es in der Geschichte stets so, dass die Menschen in Umbruch- und Krisenzeiten Halt und Orientierung auch in Irrationalem suchten. Und mehr Umbruch und Krise war selten als in diesem ausgebombten, besetzten, moralisch bankrotten Land, durch das Scharen von Flüchtlingen, Kriegsheimkehrern und Holocaust-Überlebenden zogen.

Desaströse psychische und soziale Gemengelage bietet fruchtbaren Boden für Wunderheiler 

Natürlich ließe sich einwenden, dass Wunderheiler genauso ein zeitloses Universalphänomen sind wie die Angst vor Hexen. Die quantitativen Veränderungen, die die Autorin anführt, sind aber eindeutig: In der Zwischenkriegszeit zogen acht angebliche Hexen wegen Verleumdung vor Gericht, während der NS-Zeit waren es elf. Von 1947 bis 1956 kam es dagegen zu 77 "Hexenprozessen".

Ein Anstieg, den zeitgenössische Beobachter reichlich hilflos auf mangelnde Bildung oder gar, wie "Der Spiegel" 1951, auf die inzestuöse Degenerierung der Landbevölkerung zurückführten.

Monica Black hat eine andere, plausiblere Erklärung für das Aufkommen dieser Phänomene im Nachkriegsdeutschland. Denn nach 1945 lagen nicht nur die Städte in Trümmern, sondern auch die sozialen Beziehungen. Der fruchtbare Boden für Hexenängste und Wunderheiler sei eine desaströse psychische und soziale Gemengelage gewesen, bestehend aus unterdrückten Scham- und Schuldgefühlen, einem umfassenden Vertrauensverlust (auf die Frage, ob man den meisten Menschen vertrauen könne, antworteten 1949 neun von zehn Befragten mit Nein), dem verzweifelten Bedürfnis nach Sinn und Heilung und einer "Kultur des Schweigens".

Walter Eberling: Tischler heilt Menschen durch beschwörendes "Besprechen"

Die obsessive Auseinandersetzung der Deutschen nach 1945 mit Themen wie Sünde, Strafe und Erlösung sei daher als "Reaktion auf die moralische und seelische Katastrophe des Nationalsozialismus" zu verstehen, schreibt die Autorin.

So zeige etwa der Fall des "Heilers" und "Hexenbanners" Walter Eberling, dass "latente Beschuldigungen, gesellschaftliches Misstrauen und seelische Verunsicherung" die reale Grundlage der damaligen Hexenangst waren. Der 1908 geborene Tischler heilte in Dithmarschen Menschen durch beschwörendes "Besprechen".

Vor allem aber hatte er einen siebten Sinn für das unheilvolle Wirken von Hexen, was 1954 zu einem Gerichtsprozess wegen Verleumdung führte. Die Familie, die er mittels Inspektion ihrer Federbetten vor "bösen Gewalten" zu beschützen suchte, war bezeichnenderweise die des ehemaligen Nazi-Bürgermeisters, der nach 1945 in der Gemeinde überall Feindschaft witterte.

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Wunderheiler Bruno Gröning war zu Lebzeiten bekannter als Adenauer

Noch deutlicher wird die Wiederkehr der verdrängten braunen Vergangenheit im Fall des Wunderheilers Bruno Gröning. Dessen spektakulären Aufstieg und Fall räumt die Autorin den meisten Platz ein. Heute weitgehend vergessen, war Gröning - ein ehemaliges NSDAP-Mitglied mit wallender Mähne und monströsem Kropf - zu Lebzeiten bekannter als Adenauer.

Anfang 1949 war der aus Danzig stammende Charismatiker im westfälischen Herford aufgetaucht und machte durch die vorübergehende Heilung eines gelähmten Jungen von sich reden. Anschließend quartierte sich Gröning im Rosenheimer Trabelshof ein, wo er vom Balkon aus, also quasi in Führerpose, Abertausende von Heilsuchenden in Verzückung versetzte: nach stundenlangem Warten, durch starre Blicke, dem Verteilen von Stanniolkügelchen - gefüllt mit seinen Haaren oder Nägeln - oder kryptischen Sätzen über Gut und Böse.

Bruno Gröning: Gesund werden kann nur der, der die Heilung "verdient"

Dass sich in der Entourage des trinkfreudigen Heilers ein ehemaliger SS-Mann tummelte, ist für Monica Black genauso wenig ein Zufall wie der Umstand, dass Grönings Erfolge vor allem psychosomatische Erkrankungen wie Lähmungen betrafen, typische Folgen erlebter Kriegstraumata oder unterdrückter Schuldgefühle. Ein Diabetiker, der sich von Gröning geheilt glaubte und auf sein Insulin verzichtete, fiel dagegen prompt ins Koma. Weniger als der von ihm angeblich ausgehende "Heilstrom" war es wohl sein aufmerksames Zuhören, das bei den Menschen für Erleichterung sorgte, vermutet Monica Black; in Zigtausend Briefen schütteten sie ihm ihr Herz aus.

Für Gröning, der 1959 mit 52 Jahren an Magenkrebs starb, konnte aber nur gesund werden, wer die Heilung auch "verdiente". Dass das der Fall war, davon ließen sich die Nachkriegs-Deutschen, die von der NS-Zeit nichts mehr wissen wollten, von den umtriebigen Wunderheilern und Hexenbannern nur allzu bereitwillig überzeugen.


Monica Black: "Deutsche Dämonen - Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland" (Klett-Cotta Verlag, 432 Seiten, 26 Euro)

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