Interview

Lesung mit Klaus-Peter Wolf : "Hauptsache, der Deich hält"

Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf liest am Sonntag bei der Bücherschau online aus seinen Ostfriesland-Krimis.
| Philipp Seidel
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Vater des Ostfriesland-Krimis: Der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf.
Vater des Ostfriesland-Krimis: Der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf. © Stefan Gelberg

Die Lesung vor Publikum im Gasteig findet coronabedingt natürlich nicht statt, aber der Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf liest am Sonntag online für seine Fans, unter anderem aus seinem jüngsten Krimi "Ostfriesenzorn", dem 15. Band mit den Fällen der Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, von denen viele auch verfilmt wurden. Hier spricht er über seine Wahlheimat und sein Engagement für das Hospiz am Meer in seinem Wohnort Norden.

AZ: Herr Wolf, die Münchner müssen ihren Champagner wohl selbst mitbringen, wenn sie an die Schauplätze Ihrer Krimis fahren wollen - das glamouröse Sylt ist ja von Ostfriesland doch ein Stück entfernt - auch mental?
Klaus-Peter Wolf: Ostfriesland ist sehr bodenständig. Hauptsache, der Deich hält, über alles andere kann man in Ruhe reden. Wer gesehen werden will, fährt nach Sylt, wer in Ruhe gelassen werden will, fährt nach Wangerooge.

Sie sind in Gelsenkirchen geboren und viel in der Welt herumgekommen. Was hat Sie ausgerechnet nach Ostfriesland verschlagen?
Ich hatte einen Onkel, der war Seemann in Ostfriesland, der hat sich in meine Tante Mia verliebt und ist der Liebe wegen mit ihr nach Gelsenkirchen gezogen und ist dort Bergmann unter Tage geworden. Einen größeren Schritt kann man sich kaum vorstellen, das muss Liebe gewesen sein! Dieser Onkel hat mich oft an seinen alten Sehnsuchtsort Ostfriesland mitgenommen. Irgendwann haben meine Frau Bettina, die aus Franken stammt, und ich uns gefragt, wo wir wohnen wollen - wir wollten gerne an die Küste und haben hier in Norden ein Haus gefunden.

"Bei der ersten Lesung zu 'Ostfriesenkiller' kamen sieben Leute"

Sie haben sich auf vielfältige Weise gesellschaftlich und politisch engagiert, fast immer verbunden mit dem Schreiben. Bekannt und richtig erfolgreich sind Sie dann aber mit den Ostfriesland-Krimis geworden. Wie sehr stört Sie das, dass Sie lange so viel Politisches gemacht haben und jetzt mit der Unterhaltung so erfolgreich sind?
Inzwischen sind mehr als 13 Millionen der Krimis verkauft worden. Das ist ein bisschen unwirklich. Der Erfolg ist aber langsam gewachsen. Bei der ersten Lesung zu "Ostfriesenkiller" hat die Stadt Leer ihrem Namen alle Ehre gemacht: Es kamen sieben Leute. Wenn auf den ersten Lesereisen 15 oder 20 Leute gekommen sind, war ich total glücklich. Dann gab es die ersten ausverkauften Veranstaltungen.

Das dürfte längst normal für Sie sein.
Als der sechste Roman, "Ostfriesenangst", erschien, kam von meinem Verleger eine Nachricht: "Das ist der Hammer!" Ich dachte, das sei negativ gemeint. Dann rief meine Lektorin an: "Hier steppt der Bär. Dein Roman ist in die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen." Da blieb er ein halbes Jahr. Die anderen Bücher sind dann gleich alle auf Platz eins gestartet. Inzwischen ist zum 14. Mal ein Roman von mir von Null auf Eins gegangen. Aber ich lebe ein ganz normales Leben weiter.

Sie wirken auch bei Ihren Fernsehauftritten immer sehr bodenständig. Sie könnten sich mit Ihrem Erfolg auch ganz anders inszenieren.
Das wäre dann aber nicht mehr ich. Das würde auch nicht nach Ostfriesland passen.

Dann müssten Sie wieder umziehen.
Und wer möchte das schon? Wenn ein neuer Roman erschienen ist und ich gehe in die Bäckerei - da klatschen die Leute, die freuen sich. Andere finden das auch doof, weil die Krimis so viele Touristen anziehen. Dabei leben hier im Grunde alle vom Tourismus.

Bei 13 Millionen verkauften Krimis werden unter den Touristen auch einige Leser aus Bayern sein.
Ich habe nicht etwa in Niedersachsen die meisten Leser - sondern in Nordrhein-Westfalen und in Bayern. Vielleicht liest man dort einfach gerne Krimis.

"Herr Wolf, wenn Sie Rupert töten, haben Sie mich als Leser verloren"

Man kann mit Krimis ja auch sehr viel erzählen.
Man kann in die Abgründe der menschlichen Seele gucken. Man kann Gesellschaft nie so genau abbilden wie im Kriminalroman, weil der Kommissar und die Kommissarin auf der Suche nach Motiven sind. So kann ich ein Kaleidoskop von Menschen zeigen, die wir verstehen oder nicht verstehen. Erst denke ich vielleicht, der ist gut, dann merke ich, er ist in Wirklichkeit böse. Dann ist einer böse - und macht plötzlich etwas Gutes. Ich finde das faszinierend.

Bei Ihren Krimis gab es zuletzt ein Spin-Off: Eine Nebenfigur, der Polizist Rupert, von seinen Kollegen "die Stradivari unter den Arschgeigen" genannt, hat eine eigene Reihe bekommen.
Rupert ist die erste demokratisch gewählte Hauptfigur der deutschen Literaturgeschichte. Die Leserinnen und Leser haben geschrieben: Herr Wolf, wenn Sie Rupert töten, haben Sie mich als Leser verloren. Rupert ist ein Mann, der mit dem Rollenbild nicht mehr klar kommt. Er sucht sich neue Rollenbilder, scheitert aber auf eine so liebevolle Weise, dass man über ihn lacht, man könnte ihn in den Arm nehmen. Und dann möchte man ihm auch wieder eine reinhauen.

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Zwei Rupert-Romane sind schon erschienen.
Vom dritten schreibe ich gerade den Schluss. Da kann ich auch erzählen, was im Moment in unserem Land und in Europa geschieht, wo so viele illegale Gelder, die aus dem Drogen- oder Waffenhandel kommen, in die Realwirtschaft einfließen. So werden immer mehr Gangsterbosse zu Wirtschaftsbossen. Die Politik erkennt das nicht richtig oder traut sich nicht ran. Aus Polizeikreisen erhalte ich viel Zustimmung. Man kann diesen Rupert-Roman lesen als große Gesellschaftssatire, als spannenden Kriminalroman oder als Warnung, wohin es gerade geht.

Wenn man sich Ihren Lebenslauf mit all den Projekten ansieht, denkt man: Der Mann möchte die Welt verändern.
Als ich ein junger Autor war, bin ich in Gelsenkirchen unter den Einfluss der schreibenden Arbeiter geraten, die meine Lehrmeister wurden. Die haben tagsüber unter Tage gearbeitet und schrieben nachts ihre Romane. Man kennt heute noch Max von der Grün und seine Bergarbeiterromane. Die hatten immer einen sehr klaren Blick auf die Gesellschaft und die sozialen Probleme. Die haben mir beigebracht, genau hinzugucken, wo Ungerechtigkeiten sind, und nie nach unten zu treten, sondern nach oben kritisch zu sein. Daraus hat sich mein Weltbild entwickelt. Und das hilft mir heute, schön auf dem Boden zu bleiben.

"In Ostfriesland sollte man auf den Deich gehen"

Sie sind aktuell Schirmherr für ein Hospiz, das in Ihrem Wohnort Norden gebaut wird.
Am 3. Dezember ist Richtfest. Ich habe ein Buch mit Kolumnen gemacht, das man nicht kaufen kann, sondern nur gegen eine Spende zugeschickt bekommt. Da kommt richtig Geld zusammen für das Hospiz. Und ich trage ein Thema in die Gesellschaft hinein. Hospiz ist ja nicht nur ein Haus, es ist eine Haltung den Menschen gegenüber.

Wie kamen Sie dazu?
Mich hat mal das Hospiz in Jever angerufen. Da war ein Gast, der ein Fan meiner Bücher war und so gerne noch den neuen Roman gelesen hätte. Sein letzter Wunsch sei, mich zu treffen. Da bin ich sofort mit meiner Frau Bettina, die Sängerin ist, hingefahren. Ich habe dann vor Mitarbeitern und anderen Gästen aus meinem Kriminalroman vorgelesen, Bettina hat Lieder gesungen. Danach habe ich noch alleine mit dem Mann gesprochen. Als wir das Hospiz verlassen haben, waren wir beide fröhlicher und glücklicher. Wir hatten das Gefühl: Wie gut, dass es so einen Ort gibt, wo man so würdevoll die letzten Tage erleben kann. Und als man mich dann fragte, ob ich Schirmherr für ein neues Hospiz in Norden werden möchte, habe ich sofort gesagt: Das mache ich.

Aus Ostfriesland kennt man Otto Waalkes, das Teetrinken und den rot-gelben Leuchtturm von Pilsum. Was muss man tun, um die Seele Ostfrieslands kennenzulernen?
Man sollte auf den Deich gehen. Solange der Deich funktioniert, ist das Meer unser Freund. Wenn er nicht mehr da ist, wird es unser Feind. Der Deich schützt uns - nur durch ihn kann man hier überhaupt leben und Urlaub machen. Das Ausgesetztsein der Naturgewalten erlebt man am besten am Deich. Und dann sollte man vielleicht noch ein Matjesbrötchen essen.


Klaus-Peter Wolf liest am Sonntag, 19 Uhr, digital im Rahmen der Bücherschau (5 Euro) unter muenchner-buecherschau.de. Der Kolumnenband "Leben und Schreiben in Ostfriesland" zugunsten des Hospizvereins in Norden ist auf 5.000 Exemplare limitiert, erhältlich ist er über die Seite klauspeterwolf.de

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