Graphic Novel "Bei mir zuhause": Das bittersüße Leben

Großartig und aktuell: Paulina Stulins autobiografische Graphic Novel "Bei mir zuhause".
| Michael Stadler
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Diskussionen über Selbstoptimierungszwänge: Paulina Stulins autobiografische Graphic Novel "Bei mir zuhause" fühlt sich echt an.
Diskussionen über Selbstoptimierungszwänge: Paulina Stulins autobiografische Graphic Novel "Bei mir zuhause" fühlt sich echt an. © Jaja Verlag

München - Gerade während des Lockdowns bekommt man ein starkes Gefühl dafür, wie wichtig es ist, ein Zuhause zu haben. Eines, in dem man sich geborgen fühlt, in dem man es auch für längere Zeit aushält, während das Wetter draußen eiskalt und die Ausgehmöglichkeiten sowieso beschränkt sind.

Graphic Novel "Bei mir zuhause" ist eine Autobiografie

Paulina Stulins autobiographische Graphic Novel "Bei mir zuhause" entstand schon vor Ausbruch der Pandemie. Ganze fünf Jahre lang hat sie an ihrer über 600 Seiten dicken Opus magnum gearbeitet. Stulin lässt sich ausgiebig Zeit für die alltägliche Lebensschilderung, die natürlich von Höhen und Tiefen geprägt ist. Ihr eigenes Tagebuch war dabei Grundlage für die farbenfreudigen, teils fotorealistisch wirkenden, am Tablett gemalten Bilder.

Ein bisschen Sehnsucht nach der alten Realität kann man dann schon bekommen angesichts einiger geselligen Momente, etwa, wenn sich eine Menge bei einer Party vergnügt oder mehrere Leute lauschig an einem Lagerfeuer beisammen sitzen.

Über weite Bildstrecken ist die gemalte Stulin jedoch alleine: alleine beim Joggen durch eine impressionistisch eingefangene Natur, alleine bei einem Spaziergang am Meer während eines Portugal-Urlaubs mit einer Freundin, wobei ihre Ruhe bald von einem Exhibitionisten am Strand gestört wird. Und vor allem alleine in ihrer Darmstädter Dachwohnung, in der Stulin seit über 13 Jahren wohnt. Von ihrem Fenster aus hat die Künstlerin einen ausschweifenden Blick über ihre Nachbarschaft, die Straße unter ihr, das Stadtpanorama vor ihr, mit einem Kirchturm rechter Hand.

Sich im Single-Leben zurechtfinden

Nach einer bittersüßen Trennung gleich zu Beginn des Buchs wird Paulina zum Single und muss sich erstmal im neuen Solo-Leben zurechtfinden. Auf vier wortlosen Seiten zeichnet Stulin dann ein Panoptikum der Einsamkeit, zeigt, wie ihr Alter ego mit verschränkten Armen in ihrer Wohnung steht und dann die eigenen vier Wände sowie sich selbst in Ordnung bringt: Sie putzt die Fenster und den Herd, macht zu Musik Dehnungsübungen, schneidet die Zehennägel, schaut Pizza mampfend fern.

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Mit dem titelgebenden Zuhause ist auch der eigene Körper gemeint, den Stulin immer wieder mit dem Spiegel in Augenschein nimmt. Einerseits studiert sie Gesicht und Körper, weil sie den Prozess des Sich-Selbst-Malens und die gesamte Herstellung der Graphic Novel mitthematisiert, andererseits, weil sie sich zumindest zahlenmäßig in einer Umbruchsphase befindet. Stulins 30. Geburtstag steht kurz bevor, was für sie Anlass ist, das Dasein in dieser Welt verstärkt, auch im Kontakt mit anderen, zu reflektieren, und ihren an manchen Stellen leicht nachlassenden Körper kritisch zu beäugen.

Paulina Stulin: Meisterin der gezeichnet-gemalten Erzählform

Ihre Physis - also der Körper als sich verändernde Heimat - steht immer wieder im Zentrum der Handlung, ob Stulin nun eigenwillig beschließt, sich die Achselhaare wachsen zu lassen, oder sich bei einem Fahrradsturz den Ellbogen bricht und operiert werden muss. Nach ihrem 30. Geburtstag beschließt sie, sich wieder fit zu machen, stellt ihre Ernährung um, treibt mehr Sport. Beim Joggen durchquert sie dabei elegant nicht nur mehrere Landschaften, sondern auch die vier Jahreszeiten.

Mit den Möglichkeiten der Graphic Novel, die Zeit zu dehnen oder zu strecken, kann Paulina Stulin genauso wunderbar umgehen wie sie die Farbstimmungen auf den Seiten passend zur jeweiligen Situation variiert. Stille Stadtimpressionen breiten sich auf einer Seite in nur wenigen Panels in aller Ruhe aus, während gerade in den oftmals sehr emotional geführten Gesprächen die Frequenz der Bilder sich erhöht, die Narration kleinteiliger wird.

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Stulin wurde im polnischen Breslau geboren und studierte in Darmstadt und Krakau Kommunikationsdesignerin. Heute ist sie 36 Jahre alt und erweist sich spätestens hier, in ihrer dritten Graphic Novel als Meisterin der gezeichnet-gemalten Erzählform.

Das Buch der Stunde: "Bei mir zuhause"

Dabei streift sie die virulenten Diskurse unserer Zeit: den Rechtsruck in der Gesellschaft, die Durch-Ökonomisierung des Alltags und der Beziehungen, den Selbstoptimierungsdruck, dem sie sich nicht zu entziehen vermag und der auch ihren Blick nach außen bestimmt. Einmal trifft Paulina einen alten Freund wieder, muss aber feststellen, dass der nicht mehr so attraktiv aussieht wie früher.

Also radelt sie lieber alleine nach Hause und ist traurig über die eigene Oberflächlichkeit. Ehrlich bis zur Selbstentblößung reflektiert Stulin eigene Charakterschwächen, lädt ihre Leserschaft ein, ihr durchs Leben zu folgen, Toilettengänge inklusive. Ihre Graphic Novel erweist sich zudem, obwohl früher entstanden, als Buch der Stunde. In der Isolation kann man hier auf 600 Seiten ein Zuhause finden.


Paulina Stulin: "Bei mir zuhause" (Hardcover, 612 Seiten, Jaja Verlag, 35 Euro, zu bestellen auch unter www.jajaverlag.com).

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