Kritik

Gianrico Carofiglio: Psychoanalyse für den Anwalt

Der italienische Autor Gianrico Carofiglio hat einen neuen Roman geschrieben: „Der Horizont der Nacht“
von  Volker Isfort
Der italienische Bestsellerautor Gianrico Carofiglio.
Der italienische Bestsellerautor Gianrico Carofiglio. © Francesco Gattoni/opale.photo/Imago

Kurz vor seinem 40. Geburtstag zwang sich der Richter und Anti-Mafia-Staatsanwalt Gianrico Carofiglio dazu, die Angst vor dem Scheitern beiseite zu schieben, endlich seinem Lebenstraum nachzugehen und ein Buch zu schreiben. Ein folgenreicher Entschluss.

Mittlerweile ist der 64-Jährige einer der erfolgreichsten Krimiautoren Italiens. Wobei die Spannung bei Carofiglio nicht immer im Vordergrund steht, der Plot ist das Mittel dazu, seiner wahren Leidenschaft nachzugehen: der psychologischen Tiefenbohrung.

In seinem neuen Roman „Der Horizont der Nacht“ sucht Carofiglios Kultfigur, der Bareser Anwalt Guido Guerrieri, sogar einen Psychoanalytiker auf, denn der 57-Jährige ist mit sich nicht mehr im Reinen. Er hat sich weder mit seinem Alter abgefunden, noch kann er sich seine Stimmungsschwankungen und Angstanfälle erklären. Seine letzte Freundin hat ihn für eine andere Frau verlassen - eine große Kränkung. Und als er zufällig in ein lockeres Gespräch mit zwei Jurastudentinnen gerät, wird ihm schockartig klar, dass er wahrscheinlich älter ist als deren Eltern. Guerrieri erlebt „das Dasein in einem Zustand der Gefühlsnarkose“. Auch der Boxsack in seiner einsamen Wohnung, mit dem er nicht nur trainiert, sondern auch spricht, verheißt nicht mehr die gewohnte Entspannung.

War es Mord oder Notwehr?

Der Fall hingegen, den Guerrieri angenommen hat, weil ein befreundeter Buchhändler darum bat, gehört auf den ersten Blick nicht zu den kompliziertesten seines Berufslebens: Elvira Castell hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester Elena erschossen, überzeugt davon, dass der gewalttätige Petacci für Elenas Selbstmord verantwortlich ist. Elenas Wohnung, die nun Elvira als Alleinerbin zugefallen ist, wollte Petacci nicht räumen, weshalb sie zu einem Klärungsgespräch den Mann besuchte - bewaffnet mit einer Pistole ihres verstorbenen Vaters.

Gianrico Carofiglio beim Filmfest in Rom 2025.
Gianrico Carofiglio beim Filmfest in Rom 2025. © IMAGO/Fabrizio Corradetti / LiveMedia (www.imago-images.de)

Wenn es Vorsatz war, dann droht eine lebenslange Haftstrafe, anders sähe es vielleicht aus, wenn Petacci sie beim „Klärungsgespräch“ bedroht habe. Gianrico Carofiglio erzählt parallel die akribischen Vorbereitungen auf den Prozess und die langen Gespräche des Anwalts mit dem Psychologen, ein Anhänger C. G. Jungs (wie der Autor selbst). „Meiner Meinung nach ist dies die literarischste Form der Psychoanalyse“, hat Carofiglio in einem AZ-Gespräch erklärt. Tatsächlich sind diese Ermittlungen in eigener Sache fast spannender als die Arbeit des Anwalts im Fall Elvira.

"Geschichten sind alles, was wir haben." 

Während im deutschen TV-Krimi zunehmend Kommissare mit Gossensprache der Goldstandard werden, erleben wir bei Carofiglio Gespräche über Jung, Nietzsche, Goethe, Thomas Mann und - ganz zentral - das Wesen der Erinnerung, die Menschen in eine für sie schlüssige Geschichte verwandeln. Um Wahrheit geht es dabei nicht unbedingt. „Wir konstruieren Geschichten, um Sinn zu erschaffen, um Ordnung in das Chaos zu bringen“, erklärt der Psychoanalytiker. „Genau genommen sind Geschichten alles, was wir haben.“

Autor Gianrico Carofiglio
Autor Gianrico Carofiglio © IMAGO/IPA/ABACA (www.imago-images.de)

Natürlich spricht hier der Autor dieser eleganten und kunstvollen Tiefenbohrung. An anderer Stelle lässt er Guerrieri darüber sinnieren, warum aus ihm zwar kein Schriftsteller, aber ein begeisterter Leser geworden ist: „Ich glaube, der Grund ist, dass ich mich den Ansichten des Autors hingeben kann, den ich gerade lese.“ Im Falle von Gianrico Carofoglio tut man dies besonders gern, denn wann liest man schon einmal einen Krimi, in dem man sich Dutzende Sätze und Weisheiten unterstreichen muss? Beispiel: „Kategorische Aussagen sind ein Symptom der Mittelmäßigkeit.“

Gianrico Carofiglio stellt „Der Horizont der Nacht“ (Folio Verlag, 272 Seiten, 25 Euro) am 16. März 2026 um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Lehmkuhl vor (Leopoldstraße 45)

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