Gertrude Bell: Die Frau ohne Grenzen

Olivier Guez hat einen Roman über die Archäologin und Mit-Gründerin desmodernen Irak verfasst
Volker Isfort
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Nicole Kidman als Gertrude Bell in Werner Herzogs Film „Die Königin der Wüste“.
Nicole Kidman als Gertrude Bell in Werner Herzogs Film „Die Königin der Wüste“. © imago images/Everett Collection

Sie war Pionierin auf vielen Gebieten und erntete höchsten Respekt in Welten, zu denen Frauen zu ihrer Zeit eigentlich gar keinen Zutritt hatten. Das Leben der Gertrude Bell ist so romanhaft, dass Olivier Guez’ Buchtitel „Die Welt in ihren Händen“ kein bisschen übertrieben klingt.

1868 kam Gertrude Bell im spätviktorianischen England zur Welt, hineingeboren in eine Familie, die zu den wohlhabendsten des Landes gehörte. Doch ein Leben als steinreiche Industriellentochter kam für sie nicht in Frage. Sie suchte das Abenteuer - zunächst auf Weltreisen, dann als ambitionierte Bergsteigerin, Archäologin und Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes.

In seinem Roman nimmt sich Guez die Freiheit, szenisch zu erzählen und die Widersprüchlichkeiten in Bells Charakter herauszuarbeiten. Gertrude ist drei Jahre alt, als ihre Mutter kurz nach der Geburt von Gertrudes Bruder stirbt. „Gertrude sollte nie mehr beten“, schreibt Guez. „Gott hat sie zu früh im Stich gelassen.“ Dafür ist ihre Beziehung zu ihrem Vater ein Leben lang ungewöhnlich innig.

Auf einer Mercator-Weltkarte verfolgt Gertrude in ihrem Kinderzimmer die Ausweitung des britischen Weltreiches. Sie liest Jules Verne. Expeditionsberichte von Henry Morton Stanley und Richard Francis Burton beflügeln ihre Sehnsucht.

Gertrude Bell bei einem Picknick mit Faisal I (vorne rechts), der von 1921 bis 1933 als König des Irak herrschte.
Gertrude Bell bei einem Picknick mit Faisal I (vorne rechts), der von 1921 bis 1933 als König des Irak herrschte. © IMAGO/Gemini Collection

Sie absolviert ein Geschichtsstudium in Oxford mit Auszeichnung, aber ohne Diplom - das gestand man Frauen damals noch nicht zu. Und sie bleibt unruhig. „Reisen ist besser als ankommen“, soll sie später sagen, und richtig angekommen ist sie denn auch nirgendwo.

Sie verliebt sich in einen jungen Mann und in die Wüste

Die hochintelligente und oft scharf urteilende Frau macht den Männern Angst. Es gelingt der jungen Gertrude Bell in mehreren Ballsaisons nicht, einen Partner zu finden, nachdem sie ihre kurze Verlobungszeit mit ihrem Cousin aufgelöst hat. Aber ein Salonleben als verheiratete Frau kann sie sich ohnehin nicht vorstellen. Bell, eine strikte Gegnerin des Frauenwahlrechts und der Gleichberechtigung, stirbt bei gesellschaftlicher Konversation mit Salondamen vor Langeweile.

Ihre Bestimmung aber findet die zierliche, rothaarige Frau im Nahen Osten. Schon der erste Besuch 1892 in Teheran - ihr Onkel ist dort Botschafter - verzaubert sie. Und sie verliebt sich in den jungen Botschaftsmitarbeiter Henry Cadogan, der ihr die Wüste zeigt und den sie zu ihrem Gatten machen möchte. Doch der von ihrem Vater entsandte Detektiv weiß wenig Positives nach England zu senden: Spielsucht, Schulden - schielt Cadogan nur auf die astronomische Mitgift? Gertrude muss nach England zurück, bekämpft ihren Herzschmerz mit den Versen von Hafis, die sie übersetzt und verlegt. Dann kommt die Botschaft aus Persien: Cadogan ist in einen eiskalten Fluss gefallen und an einer Lungenentzündung gestorben.

Kein Glück in der Liebe 

Zwei Jahrzehnte später sollte ihr noch einmal ein Mann das Herz brechen: doch die Romanze mit dem verheirateten Charles Doughty-Wylie endet abrupt, er stirbt 1915 im Ersten Weltkrieg.

Nach Cadogans Tod entdeckt sie das Bergsteigen für sich. Nicht als Touristin, sondern mit dem ihr eigenen Wagemut. Mit zwei Bergführern versucht sie als Erste, die Ostwand des Finsteraarhorns zu durchsteigen und entgeht knapp dem Tod. Im Berner Oberland trägt eines der Engelhörner noch heute den Namen „Gertrudspitze“, weil ihr die Erstbesteigung gelungen war. Doch die Bergleidenschaft bleibt eine kurze Episode.

Nicole Kidman als Gertrude Bell in Werner Herzogs Film „Die Königin der Wüste“.
Nicole Kidman als Gertrude Bell in Werner Herzogs Film „Die Königin der Wüste“. © imago images/Everett Collection

Wüstenexpeditionen im Nahen Osten, die Dokumentation von Grabungsstätten und Ruinen und die Kontaktaufnahme mit arabischen Stammesfürsten füllen nun ihr Leben. So lernt sie auch T. E. Lawrence kennen, mit dem sie sich schnell anfreundet. Ihre Forschungen in Arabien werden sogar von der Royal Geographical Society gewürdigt.

Im Auftrag des britischen Geheimdienstes

Der Erste Weltkrieg führt dazu, dass aus der schon immer politisch interessierten Gertrude Bell nun eine eminent wichtige Figur wird. Die Briten wollen die Araber als Verbündete im Kampf gegen die Türken. Längst haben sie beschlossen, dass sie sich im zerfallenden Osmanischen Reich die mesopotamischen Ölquellen sichern müssen.

T. E. Lawrence und Gertrude Bell kämpfen für die arabische Unabhängigkeitsbewegung. Beide wissen nicht, dass England und Frankreich 1916 im geheimen Sykes-Picot-Abkommen die Einflussgebiete unter sich aufgeteilt haben und die Araber ohnehin für unfähig halten, sich selbst zu regieren.

Aber die britische Regierung hat keine besseren Experten als Bell und Lawrence. Beide werden aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und persönlichen Kontakte Verbindungsglieder zwischen dem britischen Geheimdienst und den arabischen Stämmen.

Auf der Konferenz von Kairo gelingt es Bell im Frühjahr 1921 schließlich, den damaligen Kolonialminister Winston Churchill davon zu überzeugen, zunächst dem Irak und später auch einem Teil Jordaniens weitgehende Autonomie zu überlassen.

Erster König des Irak wird auf Bells Empfehlung Faisal I., sie bleibt seine enge Beraterin und hat nun ein neues Herzensprojekt: die Gründung des archäologischen Museums in Bagdad, dessen erster Raum im Juni 1926 eröffnet wird. Aber Bell ist längst von Depressionen gezeichnet und des Lebens überdrüssig. Sie stirbt einen Monat später nach einer Überdosis an Schlafmitteln und wird in Bagdad beigesetzt. König Faisal lässt 1930 den Hauptflügel des Museums nach ihr benennen.

Drei Jahrzehnte später erzählt ein Kino-Welterfolg vom Aufstand der Araber: „Lawrence von Arabien“ zementiert den Mythos des 1935 bei einem Motorradunfall gestorbenen T.E. Lawrence. Und Regisseur David Lean gelingt dabei das Kunststück, Gertrude Bell im Film nicht einmal zu erwähnen.

2015 füllt dann Werner Herzog diese Lücke. In seinem Film spielt Nicole Kidman die „Königin der Wüste“.

Olivier Guez: „Die Welt in ihren Händen - Die Abenteuer der Gertrude Bell in Mesopotamien“ (Kiepenheuer & Witsch, 410 Seiten, 25 Euro)

 

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